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GM & Opel : Crash für Merkel und die USA

05.11.2009 00:00 UhrVon Stephan-Andreas Casdorff

Ein nie dagewesener Affront, ein Desaster ist das, für die deutsch-amerikanischen Beziehungen. Wer soll glauben, dass Obama nicht rechtzeitig genug vor Merkels Abflug von der GM-Entscheidung gehört hat, um in irgendeiner Weise zu reagieren? Vielleicht ist dieser Präsident doch so unbedarft, wie Hillary Clinton einmal gesagt hat, womöglich brillant nur in der Ausstrahlung und vor allem an sich interessiert.

Es ist tragisch, wirklich tragisch. Am Tag ihres größten Triumphs, an dem Tag, an dem sie über sich hinauswächst und zur Kanzlerin der vereinten und darauf stolzen neuen deutschen demokratischen Republik wird – ausgerechnet an dem Tag erlebt sie zugleich ihre größte Schmach. Und zwar nicht irgendwo, sondern in den USA, dem Land ihrer Träume, dem Sehnsuchtsort ihres Lebens in allen seinen Facetten, wie Angela Merkel im amerikanischen Kongress so frei und freimütig erklärt hat. Der Jubel hallte noch nach, als die schallende Ohrfeige von General Motors kam, dass Opel nicht abgegeben wird.

Ein nie dagewesener Affront, ein Desaster ist das, für die deutsch-amerikanischen Beziehungen ein Schlag, schlimmer als zu schlimmsten Zeiten unter George Bush dem Jüngeren und Gerhard Schröder.

 Und so unverständlich, dass es dreierlei Empfinden auslöst: Mitleid, Trauer, Wut. Mögen auch Staaten keine Freunde haben, sondern nur Interessen, wie Lord Palmerston sagte – Staatenlenker brauchen Freunde in anderen Staaten. Und da ist es wie im richtigen Leben: Nichts ist schlimmer als eine enttäuschte Zuneigung.

Denn da ist die Merkel, die sich in einer Weise öffnete wie hierzulande nur in kleinstem Kreise. So tief sitzt ihr Misstrauen, so groß ist ihre Vorsicht. Das ist Teil ihrer Sozialisation im Sozialismus, die es erforderte, sich zu schützen. Und dann hält sie diese auch politisch bewegende persönliche Declaration of Independence. Sie hält ihre Rede auf die Freiheit, das Richtige zu suchen und zu wollen, für die der Beifall nicht enden will, auch weil sie ihr politisches Glaubensbekenntnis ablegt. In diesem Land, sehr genau ausgewählt.

Ja, mehr noch: Nie sprach Merkel besser, dem Anlass angemessener als in Washington. Ihre rhetorischen Figuren, alle waren sie darauf angelegt, auch Barack Obama zu helfen. Zum Beispiel, dass, wer dem großen konservativen Kommunikator Ronald Reagan folgen will, nun die Mauer zwischen Gestern und Morgen im Klimaschutz einreißen muss – in seiner Dialektik ist das unbezwingbar. So mussten auch Obamas Gegner ihren Respekt bezeugen. Oder der Hinweis auf die deutsche Haltung zu Israel und zu einem Staat Palästina: klar zur einen wie zur anderen Seite. Wieder und wieder war es, dass sie Obama an die Seite trat, um ihn zu stützen mit der ihr geliehenen Autorität dieses Tages. Konservativ, liberal, progressiv, wie es ihnen gefiel. Hier mochte man fast glauben, dass es einmal nicht zu beklagen, sondern gut ist, wie wenig sich Merkel sonst festlegen lässt; sie, deren Ideologie der Pragmatismus ist, während über den Rest die Situation entscheidet. In dieser Situation jedenfalls hatte die Kanzlerin die Ehre des Augenblicks.

Aber eben nur des Augenblicks. Ein Momentum wird nicht daraus, weil General Motors, von der Regierung Obama mit deren Milliarden gestützt, von ihr geführt, Opel nicht an Magna und seine Partner abgeben will, an ein Konsortium, dem sich die deutsche Kanzlerin höchstselbst verpflichtet hat; dem die Bundesregierung mit ihren Milliarden aufhelfen wollte. Wer soll denn glauben, dass Obama nicht rechtzeitig genug vor Merkels Abflug davon gehört hat, um in irgendeiner Weise zu reagieren? Wer soll glauben, dass seine Regierung gar keine Aktien in dieser Entscheidung hat? Wer soll glauben, dass GM später nicht doch noch die Milliarden haben will, die die Bundesregierung zur Rettung der Opel-Standorte im eigenen Land vorhält? Das alles glaubt bestimmt keine, die behandelt wurde wie jetzt Merkel. Obama hat sie nicht verstanden, und die US-Regierung die Bundesregierung nicht.

Und so wird die Kanzlerin jetzt handeln. Abgekühlt in ihrem Gefühl, brutal auf Rationalität zurückgestoßen, wird sie ihre Optionen in diesem powerplay abwägen. Das deutsch-amerikanische Verhältnis wird neuer Bedachtsamkeit und Strenge anheimfallen. Vielleicht ist dieser Präsident doch so unbedarft, wie Hillary Clinton einmal gesagt hat, womöglich brillant nur in der Ausstrahlung und vor allem an sich interessiert.

Die nächste Zeit kann hässlich werden. Tragisch ist das.

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