Internationale Pressestimmen zur Bundestagswahl : "Mutti ist zur Mutter der AfD geworden"

Wie wirken Merkels Misserfolg und der Erfolg der AfD aufs Ausland? Manche Kommentatoren machen sich ernsthaft Sorgen, andere sehen gelassen auf den Populismus.

Gedruckt ist gedruckt. Die Bundestagswahl beschäftigt die internationale Presse. Foto: imago/blickwinkel
Gedruckt ist gedruckt. Die Bundestagswahl beschäftigt die internationale Presse.Foto: imago/blickwinkel

Das Wall Street Journal aus den USA prognostiziert nach dem Wahlsonntag den Anbruch der Merkeldämmerung: „Dies ist eine sehr deutsche Protestwahl: eine gefahrlose. (...) Diese Wahl ist keine Zeitenwende. Frau Merkels ideenlose Kontrolle über die deutsche Politik ist immer noch stark. Aber in Deutschland dämmert die Merkel-Ära nun ihrem Ende entgegen – man kann es die Merkeldämmerung nennen.“

Auch die israelische Zeitung Haaretz kritisiert die Kanzlerin und vergleicht ihre langjährige Dominanz mit der von Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu: „Beide, Netanjahu und Merkel, beweisen, dass politische Langlebigkeit und Stabilität in der Politik zu oft Rezepte für Stagnation und Lähmung sind. Und je mehr eine Figur die Szene dominiert, umso schwieriger wird es für eine neue Generationen von Führungspersönlichkeiten diese zu ersetzen und sich selbst mit neuen Ideen zu beweisen.“

Das konservative französische Blatt Le Figaro kommentiert die Verantwortung der Kanzlerin für den Erfolg der AfD: „Ihr neuer Sieg hat sogar einen bitteren Beigeschmack. Der Platz der Kanzlerin in den Geschichtsbüchern ist befleckt vom historischen Ergebnis der Populisten von der AfD. Ihre Migrationspolitik verbunden mit der Allianz mit der SPD hat der extremen Rechten dieses Ergebnis geschenkt (...). ,Mutti’ ist zur ,Mutter der AfD’ geworden.“

Die linksliberale Madrider Zeitung El País sieht im Einzug der AfD in den deutschen Bundestag „traurige Zeiten“ für Europa und fordert, dass es in Deutschland nicht zum Werteverfall kommt: „Fast 14 Prozent der deutschen Wähler haben es vorgezogen, die gute Entwicklung der Wirtschaft zu ignorieren und gegen die Präsenz von 1,3 Millionen Flüchtlinge zu stimmen. Nun müssen die deutschen Demokraten sicherstellen, dass die fremden- und europafeindliche Alternative, die die AfD darstellt, weder die Politik noch die Werte des Landes verändert.“

Eher unbeeindruckt vom Ergebnis der Rechtspopulisten zeigt sich The Times aus Großbritannien: „Der Einzug der AfD in den Bundestag (…) stellt zwar keine unmittelbare Gefahr dar, denn alle anderen Parteien weigern sich, mit ihr eine Regierung zu bilden. Aber sie wird mit ständigem Gezeter ein härteres Vorgehen gegen Migranten einfordern.“ Für die Neue Zürcher Zeitung gilt es nun, einen politischen Umgang mit der AfD im Parlament zu finden: „Nun dürfen plötzlich auch Rassisten und Demagogen, die ernsthaft der Meinung sind, Deutschland müsse sich nicht mehr länger für seine Nazivergangenheit schämen, auf der höchsten politischen Bühne des Landes mitreden. Dies zu beklagen, mag inhaltlich zwar richtig sein, demokratiepolitisch ist es aber falsch. Denn die AfD mit ihrem extremen Gedankengut kann in einer Demokratie nur im politischen Prozess eingedämmt werden."

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