• Interview mit einer Flüchtlingshelferin: "Ich hatte das Gefühl, ich schulde der Welt etwas"

Interview mit einer Flüchtlingshelferin : "Ich hatte das Gefühl, ich schulde der Welt etwas"

Eine israelische Hilfsorganisation hat syrischen und afghanischen Flüchtlingen in Griechenland geholfen. Ein Inteview mit Talya Feldman

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Die Flüchtlingshelferin Talya Feldman.
Die Flüchtlingshelferin Talya Feldman.Foto: Privat

Talya Feldman,23, ist eine jüdische amerikanische Studentin. Die Yale-Absolventin hat sich vor ihrer Promotion in Psychologie monatelang Zeit genommen, um auf Lesbos und in Idomeni syrischen Flüchtlingen zu helfen

Talya, Sie haben mit IsraAid in Griechenland gearbeitet. Sie sind keine Israelin, wie sind Sie gerade auf diese NGO gekommen?

Talya : IsraAid kam erst an zweiter Stelle. Ich hatte beschlossen nach Griechenland zu gehen, um Flüchtlingen zu helfen. Dafür waren meine Großeltern verantwortlich. Sie haben nach dem Krieg vier Jahre lang als Flüchtlinge in DP-Lagern in Österreich gehaust. Mit ihren Geschichten bin ich aufgewachsen. Sie sind zu Fuß durch Europa gezogen, bevor sie jemanden fanden, der sie nach Amerika brachte.

Nicht nur wuchs ich mit ihren Geschichten auf, sondern auch mit denen der Menschen,  die ihnen unterwegs geholfen haben. Alles, was ich über die Flüchtlingskrise in Griechenland las, traf mich, weil es den Erzählungen meiner Großeltern so glich.  Ich hatte das Gefühl, ich schulde der Welt etwas, ich habe so viel, für das ich dankbar sein muss und ich wollte helfen.

Von Kalifornien nach Griechenland ist es weit, wie haben Sie das organisiert?

Talya: Als ich mir die verschiedenen NGOs anschaute, die auf Lesbos arbeiteten, riet mir jemand, der schon dort gewesen war, IsraAid zu kontaktieren. Mit gefiel die Idee mit einer israelischen Organisation dorthin zu gehen, um Menschen die noch nie einen Israeli oder eine Juden getroffen hatten, zu zeigen, wir sind nicht alle schlecht und wir sind nicht so wie ihr denkt, dass wir sind.

Hatten Sie oder Deine Eltern keine Sorgen, dass es gefährlich sein könnte als Jude dort zwischen den arabischen Flüchtlingen erkennbar zu sein?

Talya: Für mich persönlich hatte ich keine Angst. Natürlich habe ich darüber nachgedacht, dass ich mit einer israelischen Organisation einem zusätzlichen Risiko ausgesetzt sein könnte. In Lesbos hat das aber keine Rolle gespielt, wir haben Hemden getragen, die eine israelische Flagge und den Davisstern zeigen. Wir hatten niemals Probleme mit Flüchtlingen, manchmal hatten wir Probleme mit anderen NGOs.

Warum?

Talya: Es waren für gewöhnlich kleinere NGOs und freiwillige Helfer, die sagten, sie wollten nichts mit Israel zu tun haben. Flüchtlinge nie, die waren eher überrascht, dass wir ihnen halfen. Immerhin ist Israel gewissermaßen im Krieg mit Syrien. Da gab es eine Familie, die ich besser kennenlernte. Ich hatte ihnen Fahrkarten organisiert, sie hatten unterwegs alles verloren, hatten kein Geld .

Wir haben zusammen Tee getrunken und sie sagten, sie hätten noch nie einen Israeli oder einen Juden getroffen und sie hassten die israelische Regierung. „Dies hier zeigt uns, dass die Regierung und die Menschen unterschiedlich sein können“, gaben sie zu. Sie waren überrascht und erfreut, dass Menschen aus aller Welt, Israelis eingeschlossen, ihnen helfen wollten.

Die Begegnung hat sicherlich nicht ihre Ansichten zum Staat Israel verändert, aber sie haben verstanden, dass nicht jeder Amerikaner oder Israeli repräsentativ für seine Regierung steht.

Sind Freiwillige wie Sie bei IsraAid eher die Ausnahme? Ist IsraAid nicht eher bekannt für seine hohe Professionalität im medizinischen und sozial-psychologischen Bereich? Und dafür, dass Israelis jeder Glaubensrichtung dabei sind?

Talya:  Hauptsächlich arbeiten Palästinenser und Israelis zusammen, also Juden und Moslems. Als ich dort war, war es so eine Mischung aus aller Welt. Aber das hervorstechende Merkmal ist doch, dass Palästinenser und Israelis zusammen arbeiten

Ist es ein Mythos, dass die palästinensischen Israelis im Team, eher nicht als Israelis erkannt werden wollen?

Talya: Das ist ein Mythos. Aber es ist richtig, dass nicht jeder im Team gerne die israelische Flagge auf dem Hemd getragen hat, egal ob er jüdisch oder muslimisch war. Sie hatten alle kein Problem damit für ein Team zu arbeiten, dass Israel im Namen hat, aber die riesige Flagge empfanden viele als nicht diskret genug. So trugen sie Hemden nur mit dem Logo. Im Team waren wir zehn Leute. Es gibt immer einen Chef der jeweiligen Mission und ein paar Vollzeitkräfte, viele Freiwillige. Die meisten Ärzte, Psychologen und Schwestern rotieren im Zwei-Wochen-Rhythmus. Ich war vier  Monate dabei, von Weihnachten bis Mai.  Wir hatten etwa einen Psychologen aus London und auch einmal eine schwedische Krankenschwester, die keinerlei Beziehungen zu Israel hatte.

Wieso hatte die sich nicht beim Roten Kreuz eingeklingt?

Talya: Weil IsraAid so phänomenal gute Arbeit macht, denke ich. Da  will man dann dabei sein. Unser medizinisches Team hatte einen irrsinnig guten Ruf. Selbst Leute, die zunächst zögerten, wollten am liebsten nur noch unsere Ärzte oder Schwestern haben. Bei „Save the Children“ war es das Markenzeichen, bei IsraAid war es die Qualität. In verschiedenen Krisengebieten liefern sie unterschiedliche Hilfe, berühmt war ihre Hilfe im Erdbebengebiet von Haiti,  hier war es eben medizinische und psycho-soziale Hilfe.

Wie haben Sie sich verständigt?

Talya: Im Team sprachen fast alle Arabisch, Juden wie Muslims. Ich allerdings nicht. Die psychologische Unterstützung wurde gewöhnlich in Arabisch angeboten, wir hatten auch Team Mitglieder, die aus dem Iran stammten, die Farsi sprachen, was für die afghanischen Flüchtlingen gut war. Wenn man niemand zum Übersetzen fand, konnte man sich gut verständigen, weil eine erstaunliche Zahl von Flüchtlingen doch genug Englisch sprach, um füreinander zu übersetzen.

Genug, heißt das, Sie konnten zu ihnen durchdringen?

Talya: Teilweise, doch was IsraAid so besonders macht, ist, dass sie die arabischen Muttersprachler haben, so dass sie psychologische Hilfe auf Arabisch leisten können. Ich habe in Lesbos nicht so viel psychologiche Arbeit gemacht, sondern war am Strand, wenn die Boote ankamen und habe da geholfen. In Idomeni wo ich bis Ende April war, habe ich selber ein Programm aufgebaut.

Gab es einen Unterschied ?

Talya: Idomeni war komplett anders. Die Grenzen waren zu, es gab überhaupt keine Hoffnung. Wir haben täglich eine Kinder-Sitzung abgehalten, was ganz gut geht, auch ohne die Sprache zu sprechen. Die Kinder in Idomeni waren schrecklich traumatisiert, völlig verwirrt und kaum zu bändigen. Die Eltern waren auch traumatisiert und hatten einfach nicht mehr die Kraft, sich um die Kinder zu kümmern.

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UNHCR zeigt sich entsetzt über Lage für Flüchtlinge in Idomeni
UNHCR zeigt sich entsetzt über Lage für Flüchtlinge in Idomeni

Können Sie das noch genauer beschreiben?

Talya: Für diese Kinder beginnt die Traumatisierung ja schon in Afghanistan oder Syrien. Dann die Reise bis sie in der Türkei ankamen. Dort wurden sie offenbar unvorstellbar schlecht behandelt, dann kommt die Überfahrt auf dem Schiff, was noch  einmal Angst und Schrecken verbreitet. Für mich war so interessant, dass ich dieselbe Art Kinder auf Lesbos gesehen hatte und sie waren ok, traumatisiert, aber sie schienen zurecht zu kommen.

Als ich dann nach Idomeni kam und die Grenzen zu waren, war es eine so andere Situation, dass man es den Kindern angemerkt hat. Die Kinder schienen die gestiegene Angst und die Hoffnungslosigkeit der Eltern zu spüren. Hinzu kam, dass die Bedingungen in dem Camp in Idomeni einfach grauenvoll waren, sie verbrannten Plastik, um ein Feuer für ihren Tee  zu machen.

Vor allem aber waren die Eltern zu überwältigt von ihrer aussichtslosen Lage, dass sie sich gar nicht um die Kinder kümmerten. Die heischten daraufhin die Aufmerksamkeit von Erwachsenen, wildfremde Kinder klebten an mir, verzweifelt Zuneigung suchend. Kinder sollten so nicht agieren, es ist ein Zeichen von aus dem Ruder gelaufener Bindung.

Was haben Sie in den Kindersitzungen mit diesen verwirrten Kindern gemacht?

Talya: In Idomeni waren 14 000 Menschen, ich hatte in meiner Gruppe etwa zwanzig Kinder. Wir versuchten Berechenbarkeit in ihr Leben zu bringen. Jeden Tag kamen wir zur selben Zeit an den selben Ort und die Kinder warteten schon. Dabei waren auch Babys, die mit älteren Geschwistern, die Kinder waren bis zu zwölf Jahre alt. Jeden Tag starteten wir mit einem Klatschspiel, um einfach gegen das Chaos des Camps anzuarbeiten, das zog die Kinder gleich rein.

Dann haben wir viel Kunstaktivitäten gemacht, mit Fingerfarben, mit Knete. Wir machten mit den Kindern und auch ihren Eltern „Dreamboards“, wo sie aus Zeitschriften Bilder ausschnitten und zusammenklebten,  um zu zeigen, wo sie sich in fünf Jahren sehen. Bei den Kindern drehten sich die Träume immer ums Lernen, die Eltern packten ganz andere Sachen auf ihre Dreamboards, ein Bett beispielsweise.

Gab es auch richtigen Schulunterricht?

Talya: Das ist eine komplizierte Sache. Viele Kinder waren schon lange nicht mehr in der Schule, oft einfach weil  der Schulweg zu gefährlich war. Dann steckten sie ewig in der Türkei fest, auch ohne Schule. Es gab Freiwillige, die  gerade eine Schule aufbauten. Wir haben die psychologisch unterstützt, wenn sie besonders traumatisierte Kinder hatte, mit denen sie nicht fertig wurden.

Die Herausforderung insbesondere in Idomeni war, dass es kein dauerhaftes Lager war und auch keines werden sollte. So hat jeder eher gezögert, Sachen von Dauer einzurichten. Irgendwann wird Idomeni leer sein.

Selbst wenn es in gebrochenem Englisch war, worüber haben die Flüchtlinge hauptsächlich gesprochen?

Talya: Zunächst waren die Menschen froh, dass sie überlebt hatten. Die Reise übers Meer war für sie absolut furchterregend. Sie drückten auch ihre Dankbarkeit für unser aller Hilfe aus. Viele wollten  einfach nur ihre Geschichte erzählen, wie schrecklich es in Syrien war, wie eckelhaft sie in der Türkei behandelt wurden.

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