Interview mit Entwicklungsminister Gerd Müller : "Wir sind nicht der Vormund Afrikas"

Mit den G-7-Beschlüssen zu globalen Lieferketten sieht Entwicklungsminister einen "Paradigmenwechsel im Denken der Industriestaaten hin zu mehr Nachhaltigkeit" am Werk.

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Bei Nichtregierungsorganisationen steht Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) hoch im Kurs. Das Foto zeigt ihn bei einer Kundgebung im Umfeld des G-7-Gipfels, die die Kampagnenorganisation One organisiert hatte.
Bei Nichtregierungsorganisationen steht Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) hoch im Kurs. Das Foto zeigt ihn bei einer...Foto: Felix Hörhager/dpa

Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) sieht in den Beschlüssen des G-7-Gipfels in Elmau einen "Paradigmenwechsel im Denken der Industriestaaten hin zu mehr Nachhaltigkeit zum Schutz unseres Planeten". Im Interview mit dem Tagesspiegel sagte er, er sei selbst überrascht gewesen, zu welchen "Festlegungen und Selbstverpflichtungen" sich die sieben Industrienationen bekannt hätten. "Ich hätte vor zwei Wochen nicht darauf gewettet, dass wir so weit kommen", sagt er. Allerdings ist Müller klar, dass die Beschlüsse lediglich der Anfang sind. "Wir müssen die Vereinbarungen erst noch umsetzen. Das wird noch ziemlich schwierig." Das werde die Regierungen "die nächsten zehn Jahre beschäftigen".

Müller kritisierte, dass die Verbraucher in den Industriestaaten "nicht nur im Textilbereich" bislang "menschenunwürdige Beschäftigung und sklavenähnliche Arbeitsbedingungen" einfach so hinnähmen. Es müsse in allen G-7-Ländern soziale und ökologische Kriterien geben, "egal ob für Mobiltelefone, Jeans oder Lebensmittel". Müller ist überzeugt, dass es weltweit "enorme Auswirkungen" haben werde, "wenn sich mehr als 700 Millionen Verbraucher in den G-7-Ländern danach richten". Am Beispiel einer Tafel Schokolade beschreibt Müller, welche Auswirkungen Verhaltensänderungen hätten, wenn sie auch nur in Deutschland umgesetzt würden. Schokolade gebe es in Deutschland für 39 Cent pro Tafel. "Wenn zwei Cent mehr in den Anbauländern ankommen würden, brächte allein der deutsche Schokoladen-Konsum 150 Millionen Euro Transfer pro Jahr nach Westafrika", sagt Müller. Damit könnten Kakao-Pflücker die Ausbildung ihrer Kinder finanzieren.

Das sei zudem wirkungsvoller als die öffentlichen Entwicklungsmittel, die in Afrika investiert würden. Müller betonte, dass es mit dem Nachbarkontinent um eine "neue Partnerschaft" gehe. "Wir sind nicht der Vormund Afrikas", sagte er. In der Afrikapolitik gehe es "um Rohstoffsicherung, fairen Handel, Warenaustausch und Entwicklung von sozialen und ökologischen Standards für Lieferketten vom Rohstoff bis zum Endprodukt". Das werde aber keinen Erfolg haben, "wenn wir den Ländern unsere Vorstellungen aufdrängen wollen". Die Entwicklung müsse "von den Afrikanern selbst vorangetrieben werden". Jede afrikanische Regierung habe es selbst in der Hand, "die Potenziale des eigenen Landes zum Nutzen der Bevölkerung zu entwickeln". Die Entwicklungspolitik könne investieren und beraten. "Aber die Länder müssen die Voraussetzungen für ihre Zukunft schon selbst schaffen", betonte Müller. Die wichtigste Voraussetzung dafür sei eindeutig die "Bekämpfung der Korruption und gute Regierungsführung".

Das vollständige Interview mit Gerd Müller lesen Sie in der gedruckten Sonntagsausgabe des Tagesspiegels vom 14.6.2015 oder im E-Paper des Tagesspiegels.

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