Interview mit Markus Dröge : „Einen Religionskrieg sollte man nicht herbeireden“

Der evangelische Berliner Landesbischof Markus Dröge spricht im Tagesspiegel-Interview über radikal-islamische Salafisten, Sparen und Wachsen und warum er keine Bibeln auf der Straße verteilen würde.

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Landesbischof Markus Dröge ist seit 2009 im Amt und schafft es, innerkirchliche Gräben zuzuschütten.
Landesbischof Markus Dröge ist seit 2009 im Amt und schafft es, innerkirchliche Gräben zuzuschütten.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Herr Dröge, sind Sie Fußball-Fan?

Ich habe früher selber gespielt und bin interessiert, aber nicht immer voll dabei. Aber jetzt bei der EM fiebere ich mit.

Würden Sie jetzt nach Kiew fahren?
Bundespräsident Gauck hat das richtige Zeichen gesetzt, indem er seine Teilnahme an einem Präsidententreffen im Vorfeld der EM abgesagt hat. Nur so kann man die Diskussion anregen. Wenn es um die Durchsetzung von Menschenrechten geht, ist die Öffentlichkeit sehr wichtig.

Soll die Kanzlerin daheim bleiben?
Es ist gut anzukündigen, dass man darüber nachdenkt – um bis zum Ereignis noch etwas in Bewegung zu setzen. Ich würde sehr kurzfristig entscheiden, ob ich ein solches Regime mit meiner Anwesenheit aufwerte.

Laut einer Umfrage ist die Mehrheit der Deutschen dafür, solche Spiele nur noch in Demokratien stattfinden zu lassen.
Die Deutschen sind bei Menschenrechtsfragen sensibel geworden. Zugleich ist es wichtig, den Dialog gerade mit solchen Ländern aufrechtzuerhalten, in denen Menschenrechte nicht viel gelten.

Welche Erfahrung machen Sie auf Reisen?
Wir als evangelische Kirche versuchen – etwa mit den Projekten des Evangelischen Entwicklungsdienstes –, die Menschen vor Ort zu stärken, damit sie ihre Rechte selbst wahrnehmen können.

Kirchen engagieren sich auch aus Solidarität mit Schwächeren heraus, aus Barmherzigkeit. Kommt die in der Politik zu kurz, etwa bei der aktuellen Krise in Europa?
In der Politik geht es nicht um Barmherzigkeit, sondern um Interessen. Denken Sie an Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg: Der Marshall-Plan sollte die soziale Not lindern und den Partner von morgen aufbauen. Wenn ich die Interessen des Partners nicht im Blick habe, werde ich auch meine Interessen auf Dauer nicht wahren können. Das ist in den letzten Jahren in der Philosophie einer völlig freien Marktwirtschaft verloren gegangen.

Von welchem Zeitraum sprechen Sie?
Ich meine die Zeit seit der friedlichen Revolution. Davor hatten wir zwei konkurrierende Modelle, den Kapitalismus und den Sozialismus, und der Westen musste zeigen, dass er auch sozial ist. Nachdem der Systemgegensatz weggefallen ist, haben sich die Marktradikalen durchgesetzt. Das müssen wir wieder justieren.

Die Wahlen in Griechenland und Frankreich haben gezeigt, wie unzufrieden viele Menschen mit den derzeitigen Rettungsmaßnahmen sind, die sie vor allem als Sparmaßnahmen wahrnehmen.
Die Menschen empfinden ein Gerechtigkeitsdefizit. Wir waren gewohnt, Fortschritt unter dem Aspekt des Wachstums zu betrachten: Gibt es wirtschaftliches Wachstum, wird es Wohlstand geben, der allen zugutekommt. Aus der Entwicklungsarbeit wissen wir, dass das nicht automatisch der Fall ist. Wenn Länder sich volkswirtschaftlich entwickeln, geht oft die Schere zwischen Arm und Reich auf.

Wie in Deutschland …
Genau. Deshalb brauchen wir ein anderes Verständnis von Wachstum. Zum nachhaltigen Wachstum gehört immer Gerechtigkeit. Auf kommunaler Ebene funktioniert das gut mit einem genossenschaftlichen Ansatz: Die Gewinne zum Beispiel aus einem Windpark müssen in der Region bleiben. Denn die Bevölkerung muss ja auch die Belastungen in Kauf nehmen. Nur wenn alle die Lasten schultern und die Einnahmen teilen, gibt es eine gerechte Entwicklung.

Sie beschreiben einen dritten Weg?
Die soziale Marktwirtschaft ist von ihrem Ursprung her ein dritter Weg. Konnte man früher durch Verdrängungswettbewerb Wachstum erzeugen, stellt sich in der globalen Welt zunehmend die Frage, wohin die Verdrängten gehen sollen. Wenn nicht in allen Weltregionen menschenwürdiges Leben möglich ist, sind die Folge immense Migrationsbewegungen. Damit ist auch uns nicht geholfen.

Heute wird in Nordrhein-Westfalen gewählt, die Parteien streiten über den richtigen Weg zwischen sparen, also Haushaltskonsolidierung, oder lieber investieren. Was ist besser?
Man muss die Menschen beim Sparen mitnehmen. Die Politik muss die Bürger überzeugen, dass die Maßnahmen gerecht sind und die Situation auf Dauer verbessern.

Im Westen wächst das Gefühl, dass es nun genug ist mit dem Verzicht, mit der West-Ost-Solidarität. Zu Recht?
Bei Solidaritätsmaßnahmen muss man immer fragen, ob sie noch ihren Zweck erfüllen. Dass nach 20 Jahren der Solidaritätszuschlag thematisiert wird, halte ich für normal. Ich stamme aus dem Westen und weiß aus Erfahrung, dass viele dort gar nicht mitbekommen haben, was im Osten geleistet werden musste und was immer noch an Unterstützung nötig ist.

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