Interview zu Wulff : Aust: „Plötzlicher Liebesentzug tut weh“

Der ehemalige Chefredakteur des Spiegels im Interview über Wulff, die "Bild"-Zeitung und seine eigenen Erfahrungen mit Interventionen von Politikern.

Stefan Aust war von 1994 bis 2008 Chefredakteur des „Spiegels“. Heute ist er Miteigentümer des Nachrichtensenders N24 und Berater der Wochenzeitung „Die Zeit“.
Stefan Aust war von 1994 bis 2008 Chefredakteur des „Spiegels“. Heute ist er Miteigentümer des Nachrichtensenders N24 und Berater...Foto: picture-alliance/ dpa

Herr Aust, Christian Wulff hat beim Chefredakteur der "Bild" versucht, einen Bericht über seinen Privatkredit zu verhindern. Haben Sie so etwas in Ihrer Zeit als "Spiegel"-Chefredakteur auch erlebt?

Es kam durchaus vor, dass Politiker, vor allem aber Wirtschaftmanager mich angerufen haben, um eine Geschichte zu beeinflussen. Ich habe aber immer sehr deutlich gesagt, dass es nichts nutzt, mich anzurufen. Es ist auch vorgekommen, dass Politiker nach einer Geschichte beleidigt waren. Helmut Kohl beispielsweise hat nie wieder mit dem „Spiegel“ gesprochen, nachdem ihm ein Bericht in den 70er Jahren nicht gepasst hat. Aber an einen so massiven Versuch der Intervention, wie bei der „Bild“ durch den Bundespräsidenten, kann ich mich nicht erinnern.

Hat Wulff womöglich angenommen, mit seinem Anruf etwas bewirken zu können, weil er bisher eine Art Deal mit der „Bild“ hatte: Die Zeitung wurde mit glamourösen Geschichten aus seinem Leben versorgt, er bekam gute Presse?
Der Springer-Verlag stand lange auf Wulffs Seite. Dann tut ein plötzlicher Liebesentzug natürlich besonders weh. Aber zu denken, dass er mit einem Anruf eine Geschichte verhindern kann, ist vom Bundespräsidenten nicht nur naiv, sondern auch sehr dreist. Denn die Redakteure im Springer-Verlag und auch Kai Diekmann sind die in erster Linie Journalisten. Wenn die eine Geschichte haben, die so gravierend ist wie die um den Hauskredit, ist es ihnen ziemlich gleichgültig, ob sie vorher Bilder von Babys, einer Reise oder sonst woher hatten. Es gibt keine Kumpanei, wenn es um handfeste Geschichten geht.

Die „Bild“ erweckt oft genug einen anderen Eindruck. Sie stützte Karl-Theodor zu Guttenberg mit einer massiven Kampagne, als die Plagiate in seiner Doktorarbeit ans Licht kamen.
Vielleicht war das der „Bild“ eine Lehre.

Wer mit der „Bild“ im Aufzug nach oben fährt, fährt auch wieder mit ihr nach unten, hat Springer-Chef Mathias Döpfner einmal das Prinzip der Zeitung erklärt. Dachte Wulff, dass es für ihn immer nur nach oben geht?
Im Anruf hat er angeblich die Formulierung gewählt, dass das Band zwischen ihm und der „Bild“ zerschnitten ist. Dann muss er der Auffassung gewesen sein, dass es ein solches Band gegeben hat.

Warum lassen sich Politiker überhaupt auf solche „Bande“ mit der „Bild“ ein?
Für einen Journalisten, auch für einen Boulevardjournalisten, steht immer die Geschichte im Vordergrund. Wenn es was Gutes zu berichten gibt, gut. Wenn es was Schlechtes zu berichten gibt, auch gut. Politiker haben häufig die Illusion, dass sich Journalisten instrumentalisieren lassen. Da gibt es manchmal ein böses Erwachen.

Können Sie aus menschlicher Sicht verstehen, dass Wulff wütend zum Hörer gegriffen hat?
Ja, ich kann auch verstehen, dass er subjektiv der Auffassung ist, alles richtig gemacht zu haben. Ich halte seinen Anruf dennoch für falsch. Für einen Politiker, insbesondere in leitender Funktion wie der Bundespräsident, gelten schärfere Regeln, was die Sauberkeit betrifft. In solch einer herausgehobenen Position muss man besonders vorsichtig sein, mit welchen Freunden man sich umgibt und von wem man im Zweifel einen Kredit annimmt und zu welchen Konditionen. Denn alles, was rauskommen kann, kommt irgendwann raus.

Wulff war offenbar anderer Auffassung.
Als Bundespräsident darf man nicht so die Kontrolle über sich verlieren, dass man solche Telefonanrufe tätigt – und dann auch noch auf eine Mailbox zu sprechen. Das ist ja wie ein politischer Selbstmordanschlag. Da muss man von allen guten Geistern verlassen sein.

Was sagt es über Wulffs Verständnis von Meinungs- und Pressefreiheit aus, wenn er mit strafrechtlichen Konsequenzen droht, den „Bild“-Chefredakteur, den Springer-Vorstandschef und womöglich auch noch Verlegerin Friede Springer anruft?
Eine Intervention ist immer problematisch, und eine Intervention von höchster politischer Eben auf die höchste Ebene eines Verlages ganz besonders.

Wird Christian Wulff wegen der Anrufe sein Amt als Bundespräsident verlieren?
Oft verlieren Leute ihre Position dann, wenn sie von ihrer eigenen Basis nicht mehr getragen werden. Und im Moment gibt es nur noch sehr wenige Leute, die für Wulff ihre Stimme erheben. Hinzu kommt, dass Politiker meistens nicht darüber stürzen, was in einer Affäre selbst passiert ist, sondern darüber, was sie getan haben, um diese Affäre zu vertuschen. Der Vertrauenskredit, den ein Bundespräsident in seinem Amt haben muss, den hat Wulff spätestens durch die Telefongeschichte verspielt.

Stefan Aust war von 1994 bis 2008 Chefredakteur des „Spiegels“. Heute ist er Miteigentümer des Nachrichtensenders N24 und Berater

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