Politik : Irgendwo in Iowa

In der amerikanischen Provinz testen republikanische Präsidentschaftskandidaten ihre Erfolgsaussichten beim Wahlvolk

von
Bachmann
BachmannFoto: AFP

Sommerpause ist nicht. Jedenfalls nicht für jene Amerikaner, die im November 2012 zum Präsidenten gewählt werden möchten. Das gilt besonders für die republikanischen Kandidaten. Für viele von ihnen ist dies die wichtigste Woche im Jahr 2011. Es fallen Vorentscheidungen – nicht in Washington, sondern in der Provinz –, die sie an die Spitze des Bewerberfeldes katapultieren oder ihre ehrgeizigen Träume beenden können.

In der zweiten Augustwoche des Vorwahljahrs machen sie sich nach Iowa auf. Der Farmstaat in der Mitte der nördlichen USA ist mit seinen drei Millionen Einwohnern ansonsten unbedeutend, gewinnt aber alle vier Jahre an Prominenz. Dort findet zu Beginn des Wahljahres traditionell die erste der Vorwahlen statt, in denen die Bürger aller Einzelstaaten abstimmen, wer ins Rennen gehen soll. Im August davor nutzen Iowas Republikaner die Landwirtschaftsmesse für die „Straw Poll“: eine Umfrage am Samstag, welche Bewerber die Basis bevorzugt. Diesmal hat die Partei noch eine Fernsehdebatte am Donnerstagabend dazugepackt.

Iowa ist ein untypisches Feld für republikanische Kandidaten. Konservative Christen dominieren dort die Partei. Sie beurteilen Politiker nach ihren Aussagen zu moralischen Werten, ihrer mutmaßlichen Bibelkenntnis und danach, was sie im Leben schon geleistet haben. Die marktschreierische Ideologie der „Tea Party“ – man müsse den Staat klein sparen und die USA von ihrem ersten schwarzen Präsidenten befreien –, spielt eine geringere Rolle als anderswo. Bewerber, die vor allem mit Wirtschaftskompetenz punkten wollen, haben es schwer. Der derzeitige Favorit für die republikanische Präsidentschaftskandidatur, Mitt Romney, ein Mormone und erfolgreicher Geschäftsmann, hat schlechte Karten. Er kommt zur TV-Debatte am Donnerstag, nicht aber zur „Straw Poll“ am Samstag. Er setzt bei seiner Strategie auf andere Staaten.

Die Neugier richtet sich auf Tim Pawlenty und Michele Bachmann, zwei sehr unterschiedliche Politiker mit fast gegensätzlichem Profil. Pawlenty war Gouverneur im Nachbarstaat Minnesota. Er ist Arbeitersohn und ein moderater Pragmatiker. Er repräsentiert typische Werte für den Mittleren Westen. Sein Problem: Er war nur Landespolitiker, sein Name ist national nicht sehr bekannt. Bisher hat er es nicht vermocht, Themen zu finden, mit denen er in die Schlagzeilen kommt. Scharfe persönliche Angriffe auf seine Konkurrenten im Kampf um die Kandidatur hat er weitgehend vermieden.

In beidem ist Bachmann Spitze. Sie stammt ebenfalls aus Minnesota, vertritt einen ländlichen Wahlkreis im US-Kongress und gehört dem rechten Parteiflügel an. Sie macht durch schrille Töne und scharfe Angriffe auf Präsident Obama, aber auch auf ihre Parteifreunde, von sich reden. Ihre Gegner halten ihr vor, dass sie viele sachlich falsche Behauptungen verbreitet. Ihre Anhänger stört das wenig, sie begeistern sich an Bachmanns nationalem und religiösem Pathos sowie ihrer Angriffslust. Sie ist zur Ersatz-Heldin der „Tea Party“ aufgestiegen, nachdem Sarah Palin offenbar nicht kandidieren möchte. Bachmann wirbt damit, dass sie in Iowa geboren sei. Sie fügt mehr Bibelzitate in ihre Wahlkampfreden ein als bei Auftritten in anderen Staaten.

Pawlenty braucht einen Erfolg, sowohl bei der Debatte als auch bei der „Straw Poll“. Sonst kann er seine Bewerbung beenden. Er hat den Großteil seiner Wahlkampfkasse in den jüngsten Wochen in Iowa investiert – in der Hoffnung, dass ein gutes Abschneiden ihm neue Spendenquellen erschließt.

Für Bachmann geht es darum, ihre Stellung als Nummer zwei im Bewerberfeld zu festigen. In nationalen Umfragen führt Romney mit rund 20 Prozent vor Bachmann (zwölf Prozent). Pawlenty kommt auf nur drei Prozent. In Iowa führt Bachmann mit 22 Prozent vor Romney (21 Prozent). Pawlenty erreicht dort elf Prozent. Das sind Momentaufnahmen. Die meisten Amerikaner haben 15 Monate vor der Wahl keine feste Meinung. Viele sagen, unter den republikanischen Bewerbern sei noch kein geeigneter Kandidat, um Obama zu besiegen.

Das hat die Tür für Rick Perry geöffnet, den Gouverneur von Texas. Er gilt als gottesfürchtiger Christ und kann auf gute Wirtschaftsdaten in Texas verweisen, trotz Krise. Er will vor dem Wochenende seine Kandidatur erklären. Seine Fans wollen bei der „Straw Poll“ seinen Namen auf den Stimmzettel schreiben.

Auch der Präsident ist auf Wahlkampftour. Der Streit ums Budget und die Herabstufung der USA als Schuldner haben ihn Ansehen gekostet. Barack Obamas Aussicht auf Wiederwahl hängt von der Entwicklung der Konjunktur und des Arbeitsmarktes ab. Er weiß auch: Ein Heißsporn wie Bachmann ist leichter zu besiegen als ein moderater Gegner wie Romney oder Pawlenty. Entscheidend sind die Wähler der Mitte. Die mögen keine Extreme.

» Mehr Politik? Jetzt Tagesspiegel lesen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben