Islam und Gewalt : Evangelischer Ratspräsident kritisiert Muslime

Zum Thema Gewalt im Koran komme "zu wenig" von den muslimischen Verbänden, meint EKD-Ratspräsident Schneider. Die nehmen das gelassen - wundern sich aber ein wenig über den evangelischen Kollegen.

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Der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider, im Hintergrund Martin Luther
Der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider, im Hintergrund Martin LutherFoto: Jens Schlüter/epd

Der scheidende Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Nikolaus Schneider, verlangt von den deutschen muslimischen Verbänden eine intensivere Auseinandersetzung mit dem Thema Gewalt im Koran. Schneider lobte in einem Interview mit der „Welt“ die Stellungnahmen der Verbände etwa gegen Judenhass. Was allerdings von offizieller Seite an kritischen Äußerungen zu Legitimierung von Gewalt im Koran und in der islamischen Tradition komme, sei ihm „zu wenig“, sagte der EKD-Ratschef.

"Christentum wurde verfolgt, Islam missionierte kriegerisch"

Grundsätzlich gehe er davon aus, dass sich die Islamverbände und deren Vertreter vorbehaltlos für ein friedliches Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Religionen einsetzten und nichts mit dem IS zu tun hätten. „Wir müssen aber nüchtern feststellen, dass sich der IS auf den Islam beruft. Darüber haben wir zu debattieren.“ Im Unterschied zu evangelischen oder katholischen Theologen hätten muslimische Gelehrte jedoch möglicherweise größere Schwierigkeiten, eine friedlichere Lesart durchzusetzen.
Zur Begründung verwies der EKD-Ratsvorsitzende auf die Entstehungsgeschichte der beiden Religionen. „Das Christentum hatte vor Kaiser Konstantin zunächst 300 Jahre der Verfolgung erlebt, ehe es in Machtpositionen kam, in denen Christen und ihre Kirchen selbst zu grausamen Verfolgern wurden.“ Der Islam habe sich dagegen direkt „mit Feuer und Schwert“ auf kriegerische Weise ausgebreitet. „Das hat offensichtlich Ansatzpunkte im Koran – wie ja auch die Bibel für Begründungen von Gewaltanwendungen nicht ganz frei ist“, so Schneider. „Darauf können heute jene zurückgreifen, die den Glauben für ihr Gewaltregime missbrauchen wollen.“ Schneider wird am Dienstag bei der EKD-Synode in Dresden sein Amt niederlegen, um sich seiner krebskranken Frau Anne widmen zu können.

Vorgänger Hubers Broschüre zum Islam

Schneiders Bemerkungen zum Islam sind insofern bemerkenswert, als er sich, seit er 2010 ins Amt kam, um ein gutes Verhältnis zu den muslimischen Verbänden bemühte, das unter seinem Vorvorgänger, dem Berliner Bischof Wolfgang Huber, deutlich abgekühlt war. Er lud die muslimschen Kollegen auch erstmals nach Hause ein. Während Hubers Amtszeit hatte die EKD eine „Handreichung zum Umgang mit den Muslimen“ herausgegeben, die dazu aufrief, im Dialog der Religionen die Grenzlinien zwischen Christentum und Islam zu betonen. Außerdem äußerten die Verfasser mehrfach Zweifel an der Demokratietauglichkeit des Islam. Kritik kam daraufhin nicht nur von Muslimen, sondern auch von evangelischen Theologen. Manfred Kock, Amtsvorgänger Hubers als Ratspräsident der EKD, wandte sich öffentlich gegen die „Handreichung“. Aktuell ist die EKD gerade dabei, eine neue Broschüre zu erarbeiten, diesmal in Abstimmung mit den muslimischen Verbänden.

Muslime: Gewalt war ausgiebig Thema

Der Koordinationsrat der Muslime, in dem die vier großen Verbände zusammenarbeiten, wollte am Donnerstag keine Schärfe in Schneiders Kritik sehen. Präses Schneider habe selbst am bundesweiten Aktionsbündnis „Muslime stehen auf gegen Hass und Gewalt“ im September teilgenommen und muslimisches Engagement „deutlich gewürdigt“, sagte KRM-Sprecher Erol Pürlü. Auch beim Spitzentreffen von EKD und KRM seien Gewalt und die Instrumentalisierung von Religion „ausgiebig diskutiert“ worden.

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