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Islamische Bestattungen in Berlin : In alle Ewigkeit

25.11.2012 00:00 Uhrvon
Irdische Integration. Seit 1866 steht das Areal am Columbiadamm Muslimen als letzte Ruhestätte offen.Bild vergrößern
Irdische Integration. Seit 1866 steht das Areal am Columbiadamm Muslimen als letzte Ruhestätte offen. - Foto: akg-images/Dieter E. Hoppe

Das Grab eines Muslims soll dort sein, wo er gelebt hat, sagt der Koran. Deshalb werden in Berlin immer mehr Menschen nach islamischem Ritus zur Ruhe gebettet. Die Regeln? „Kennen viele Muslime auch nicht“, sagt Isikali Karayel, der Bestatter.

Die Gräber sind nach Mekka ausgerichtet. Sogar die Friedhofsmauer scheint die allein angemessene Richtung zu kennen. Oder liegt es nur daran, dass der frühere Flughafen Tempelhof genau hier zu Ende war? Umso auffälliger das Grab in der Mitte. Es liegt quer zu allen anderen. Drei letzte Christen unter lauter Muslimen. Jemand hat eben erst frisches Tannengrün daraufgelegt und ein Gesteck in allen Herbstfarben. Die Toten scheinen keine Mühe zu haben mit dem, was den Lebenden so oft misslingt: der Kunst der friedlichen Nachbarschaft.

Andreas Hübners Blick geht über die noch frischen Erdhügel, die kleinen und großen Steine, die Stühle und Bänke, Fahnen und Sonnenschirme.

Ja, ein paar Schirme sind auch noch da. Vor der Sonne schützen sie nun nicht mehr, aber vielleicht vor dem allzu leeren, allzu großen Himmel.

Es ist alles ein wenig bunter auf diesem Teil des Friedhofs am Columbiadamm. Hübner kannte ihn schon, als noch die großen Platanen darauf standen. Dann fehlten erst die alten Grabsteine, dann die Bäume, endlich die Erde. Sie wurde ausgetauscht, denn ein Muslim darf nur in „jungfräulicher“ Erde begraben werden. Bloß dieses eine christliche Grab blieb und bekam seit drei Jahren immer mehr neue Nachbarn: „Jetzt sind nur noch sieben Stellen übrig“, zählt Hübner. Früher hätte man einen wie ihn wohl Totengräber genannt, aber er sagt, er sei „Landschaftsgärtner“.

„Da kommen sie schon!“, ruft er seinem Kollegen zu. Sie nehmen schnell die Abdeckung von der Grube, die sie vor einer Stunde ausgehoben haben. Es ist schon die dritte an diesem späten Novembertag. In der aufgeworfenen Erde stecken mindestens sechs Spaten. Normalerweise schaufeln Hübner und sein Kollege die Gräber zu, aber bei muslimischen Bestattungen machen das die Trauernden selbst. Jemanden begraben: Handarbeit also. Der eigenen Hände Arbeit.

Der Trauerzug kommt näher. Aber wo ist der Sarg? Erst spät begreift man es ganz: Die Männer tragen einen ganz kleinen Sarg auf ihren Schultern. Er scheint zu schweben. Es ist ein Kind. Zwei steigen in die Grube, stellen ihn behutsam ab. Dann nur noch Männerrücken und betende Stimmen.

Keine Frauen. Wo ist die Mutter dieses Kindes? Die Männer haben das kleine Grab schon mit Erde bedeckt, als die Frauen kommen. Sie bleiben hinter den Männern. Das ist ein arabisches Begräbnis, flüstert Hübner, bei den Türken sind die Frauen meistens dabei. Nur eine verlässt die anderen, geht, um allein zu sein, das Taschentuch fest vors Gesicht gepresst, fast bis zum angrenzenden Kriegsgräberfeld. Hier haben beinahe alle das gleiche Todesjahr: 1914.

Der Tempelhofer Friedhof war ursprünglich Garnisionsfriedhof, gleich nebenan wurde 1798 Ali Aziz Efendi, der ständige osmanische Gesandte am Berliner Hof, beigesetzt, und Wilhelm I. schenkte 1866 dem türkischen Sultan Abdülaziz das Gelände des heutigen islamischen Friedhofs. Es ist der älteste Deutschlands, immer erweitert.

Islamische Bestattung: Traditionell heißt das, dass nur ein Stück Stoff ist zwischen dem Toten und der Erde. Muslime begraben im Kefen, einem weißen Leinentuch ohne Nähte, an beiden Ecken zusammengebunden. Seit zwei Jahren gestattet auch Berlin die Beisetzung ohne Sarg. Dieser kleine Körper hätte auch nur in ein Leinentuch gehüllt ins Grab gelegt werden können. Doch die Berliner Novembererde ist wohl zu kalt. Hübner und Kemper sind ohnehin nicht erstaunt. Sie haben noch nie eine Bestattung ohne Sarg gemacht, auch keine muslimische.

Schon für das Sterben im Islam gibt es Regeln: Der Sterbende soll auf die rechte Seite Richtung Kaaba gelegt werden. Kaaba, das ist der fensterlose Würfel im Hof der Hauptmoschee in Mekka. Sie gilt als erstes Gotteshaus, vom Menschenurvater Abraham selbst erbaut. Wer nicht rechts liegen kann, darf mit Richtung Kaaba erhöhtem Kopf gelagert werden. Alle im Raum sollen für den Sterbenden beten, der ihm Nächststehende wiederhole das Glaubensbekenntnis, damit seine letzten Worten sein mögen: „Es gibt nur einen Gott“. Frauen, die die Regel haben oder deren letzte Geburt noch nicht lange genug zurückliegt, „unreine Personen und alles, was die Engel ablehnen könnten, wie Musikinstrumente und andere Unterhaltungsapparate“ sind von ihm fernzuhalten. Das sind die Regeln fürs Sterben. Und die des Todes?

An der Schwelle. Isikali Karayel führt sein eigenes Unternehmen, das auf islamische Bestattungen spezialisiert ist.Bild vergrößern
An der Schwelle. Isikali Karayel führt sein eigenes Unternehmen, das auf islamische Bestattungen spezialisiert ist. - Foto: Thilo Rückeis

„Kennen viele Muslime auch nicht“, sagt Isikali Karayel und lächelt ermutigend, als er die Tür gleich neben dem Motorradladen in einer Neuköllner Seitenstraße öffnet. Er weiß, viele brauchen dieses Lächeln. Wahrscheinlich glauben sie, mit dem Schritt in seine Räume überschritten sie schon die erste Schwelle zum Tod. Doch auch bei Markaz Islamische Bestattungen trifft der Eintretende zuerst auf Schreibtische. Das ist der Tod eben auch: eine große Verwaltungsfrage.

„Ich habe den ganzen Tag Büro gemacht, ich kann nicht mehr“, sagt Karayel. Bestatter sind die Sachbearbeiter des Todes. Aber in seiner Stimme ist nichts von dem absichtsvoll gedämpften Tonfall der Innung, der in jedem Augenblick „Diskretion!“ zu sagen scheint. Er ist der Geschäftsführer. Hinter ihm an der Wand blüht leicht abstrakt roter Mohn, die gegenüberliegende Seite ist ein offenes margeritenüberblühtes Bekenntnis zum Sommer. Nichts von der bemühten, urnenumstellten Seriosität der Empfangsräume deutscher Bestattungsunternehmen. Der unbezweifelbare Mittelpunkt dieses Zimmers ist der Hightech-Kaffeeautomat. Karayel bemerkt die musternden Blicke und erklärt, „alles andere“, würde die, die zu ihm kommen, eher irritieren. Es darf nicht zu offiziell wirken, am besten, man spürt die Autorität des Todes nicht zu sehr.

Die, die zu ihm kommen. Ja, so muss man das wohl sagen. Kunden, Hinterbliebene, Trauernde – alles klingt gleich falsch, entweder zu gehoben oder zu profan. Es ist nicht leicht, die richtige Tonlage zu finden, doch nach höchstens einer Viertelstunde ist klar: Dieser muslimische Bestatter hat sie. Er ist noch keine 40 Jahre alt, dunkel kariertes Hemd, graue Strickjacke. Ganz alltäglich, und doch mit Sorgfalt gewählt. Und nein, so einen Tag wie den Totensonntag gebe es im Islam nicht. Bei ihnen sei jeden Freitag Totensonntag: „Erst gehen wir in die Moschee, dann zu unseren Toten!“

Und wenn auf dem Platz vor der Moschee Totengebete gesprochen werden, beten die Umstehenden mit.

Auch wenn sie den Verstorbenen gar nicht kannten?

Auch dann, sagt Karayel nicht ohne Stolz. Denn es sei eine Ehre. Wie es auch eine Ehre sei, den Sarg zu tragen, weshalb die Sargträger so oft wechseln. Nicht, weil sie nicht mehr könnten, sondern weil jeder dabei sein möchte.

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Sie waren zusammen im Afghanistan-Einsatz. Jetzt sitzen sie auf entscheidenden Posten im Ministerium. Sie prägen das Bild, das sich die Ministerin macht. Sie bestimmen Ausrichtung, Struktur und Selbstverständnis der Truppe. Welche Folgen hat das für Deutschlands Sicherheit?
Eine Recherchekooperation des Tagesspiegels mit dem ARD-Magazin "Fakt".

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