Islamischer Frühling : Machtkämpfe im Namen Mohammeds

01.02.2012 00:00 UhrVon Thomas Seibert

Die Gegensätze zwischen Sunniten und Schiiten verschärfen sich. Ein Jahr nach dem Arabischen Frühling treten die großen Gegensätze der beiden Glaubensrichtungen immer mehr Vordergrund.

Ein Jahr nach dem Beginn des Arabischen Frühlings vertiefen sich bei den muslimischen Staaten der Region die Gegensätze zwischen einem sunnitischen und einem schiitischen Block. Türkische Regierungspolitiker warnen vor einem „Kalten Krieg“ zwischen den Lagern – und mischen dennoch munter mit. Gegensätze zwischen den Sunniten, die von jeher die Mehrheit der Muslime stellen, und den Schiiten reichen bis in die Frühzeit des Islam zurück. Die Spaltung entzündete sich im siebten Jahrhundert an der Frage der rechtmäßigen Nachfolge des Propheten Mohammed, hat sich aber längst mit politischen Aspekten vermischt. Der Iran wird seit der Revolution von 1979, die aus dem Land einen schiitischen Gottesstaat machte, etwa vom sunnitischen Saudi-Arabien mit großem Misstrauen beobachtet.

Das mehrheitlich sunnitische, aber von einer nicht sunnitischen Elite regierte Syrien gehört zum iranischen Lager. Doch bei einem Sturz von Präsident Baschar al Assad könnten Vertreter der Bevölkerungsmehrheit in Damaskus an die Macht kommen. Der ohnehin bereits stark isolierte Iran würde einen seiner letzten Partner verlieren. Besonders im von Unruhen erschütterten Syrien könnte der kalte Krieg in Nahost leicht in tatsächliche Kämpfe umschlagen. Sunnitische Staaten wie die Türkei unterstützen die Opposition gegen Assad; so genießen die Chefs der gegen Damaskus kämpfenden „Freien Syrischen Armee“ Asyl in der Türkei. Gleichzeitig werfen syrische Oppositionelle dem Iran vor, Kämpfer nach Syrien zu schicken. Vor wenigen Tagen sollen einige Iraner, darunter angeblich auch Mitglieder der Revolutionsgarden, von syrischen Regimegegnern gefangen genommen worden sein.

Der Abzug der US-Armee aus dem – mehrheitlich schiitischen – Irak und der Arabische Frühling haben die Gegensätze angeheizt. Die Karten in der Region werden neu gemischt, Sunniten wie Schiiten sind entschlossen, ihren Einfluss auszuweiten. Das mehrheitlich sunnitische, wenn auch säkulare Nato-Land Türkei hat sich ins Getümmel gestürzt. Im Machtkampf beim Nachbarn Irak etwa stellte sich Ankara klar auf die Seite der Sunniten. Als sich der irakische Ministerpräsident Nuri al Maliki kürzlich über türkische Einmischungsversuche beschwerte, reagierte sein türkischer Kollege Recep Tayyip Erdogan mit dem Hinweis, die Türkei werde bei einem „Bruderkampf“ im Irak nicht tatenlos zuschauen. Die Türkei und andere Staaten sehen mit Sorge die Zunahme des iranischen Einflusses im Irak.

So werden die Umzugspläne der radikalen Palästinenserorganisation Hamas zu einer brisanten Angelegenheit. Der türkische Präsident Abdullah Gül deutete an, dass das Hauptquartier aus Damaskus in die Türkei verlegt werden könnte. Sollte die Exil-Führung von Hamas tatsächlich nach Katar oder in die Türkei umziehen, wäre das ein Rückschlag für das iranisch-schiitische Lager. Eskalationen sind aber nicht nur in Syrien oder im Irak denkbar. Aufmerksam wurde in Ankara die Warnung Malikis registriert, die Türkei habe selbst religiöse und ethnische Minderheiten, die in Spannungen verwickelt werden könnten. Der regierungsnahe Kolumnist Ali Bulac schrieb in der Zeitung „Zaman“: „Die Türkei liegt in einem Gefahrengebiet voller ethnischer und religiöser Verwerfungslinien.“

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