"Islamischer Staat" : Zurückgedrängt, aber nicht besiegt

Die Terrormiliz "Islamischer Staat" verliert auf den Schlachtfeldern. Ihre Ideologie lebt trotzdem weiter. Eine Analyse

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Ein Propagandavideo zeigt Anhängerinnen der IS-Miliz angeblich in der syrischen Stadt Rakka.
Ein Propagandavideo zeigt Anhängerinnen der IS-Miliz angeblich in der syrischen Stadt Rakka.Foto: dpa

Der öffentlichkeitswirksame Jubel ließ nicht lange auf sich warten. Kaum hatten regierungstreue Truppen das Zentrum von Falludscha eingenommen, trat Ministerpräsident Haidar al Abadi vor die Kameras und verkündete die „Befreiung“ der westirakischen Stadt. Dass es noch einige „Terrornester“ gab – und bis heute gibt –, störte den Regierungschef im gerade mal 50 Kilometer entfernten Bagdad wenig. Er wollte den propagandistisch wertvollen Erfolg über den „Islamischen Staat“ richtig gewürdigt wissen. Schließlich hatte Abadi mehrfach vollmundig erklärt, 2016 werde ein Jahr der „großen Siege“ im Kampf gegen die Dschihadisten.

Falludschas Rückeroberung ist eine schwere Schlappe für den IS

Tatsächlich ist Falludschas Rückeroberung eine schwere Schlappe für den IS. Fast genau zwei Jahre nach der Ausrufung des „Kalifats“ haben die Extremisten eine ihrer wichtigsten Hochburgen verloren. Und weitere militärische Niederlagen der bärtigen Männer werden in den nächsten Wochen und Monaten wohl folgen. Im libyschen Sirte ist ein Milizen-Bündnis mit diskreter Hilfe der USA drauf und dran, die Kopf-ab-Islamisten zu vertreiben. Auch Rakka, so etwas wie die Hauptstadt ihres Pseudo-Staates in Syrien, könnte bald als befreit gelten.

Das "Kalifat" schrumpft

Überhaupt schrumpft auf den Landkarten das „Kalifat“ von Tag zu Tag. Das macht der IS-Führung inzwischen auch finanziell erheblich zu schaffen. Die Einnahmen etwa durch den Ölverkauf sinken genauso rasch wie der Monatssold der Kämpfer. Man könnte also meinen: Die Niederlagen auf den Schlachtfeldern nehmen den Niedergang des „Islamischen Staat“ als Ganzes vorweg. Doch wenig wäre so falsch wie diese Annahme. Und nichts wäre so gefährlich wie diesen Gegner zu unterschätzen. Die Terrorbande mag für den Moment geschwächt sein – besiegt ist sie noch lange nicht. Denn bisher hat der IS es immer verstanden, Taktiken und Strategien geschickt den Gegebenheiten anzupassen – und dadurch trotz aller Rückschläge neue Stärke zu erlangen.

Herrschen durch spalten

Im Irak zum Beispiel setzen die Fanatiker auf ein besonders perfides Kalkül, das sich schon in der Vergangenheit bewährt hat: Sie schüren Hass, wollen die Religion für eigene Interessen instrumentalisieren, machen Misstrauen und Missgunst zum Programm. Da kommt ihnen der jahrhundertealte Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten zupass. Der IS setzt alles daran, dass dieser innerislamische Glaubenskrieg eskaliert. Die Schwarzgekleideten lassen deshalb keine Gelegenheit aus, die Schiiten durch Gewaltexzesse zu provozieren – in der Hoffnung, dass die Brutalität erwidert wird, unter der dann Sunniten leiden.

Video
Sunniten und Schiiten (Videografik)
Sunniten und Schiiten (Videografik)

Falludschas Einwohner zum Beispiel fürchten die Rache der schiitischen Milizen oft mehr als den Terror, dem sie entkommen sind. Denn die Berichte über mörderische Racheaktionen gegen angebliche IS-Sympathisanten häufen sich. Und die ermöglichen es dem „Islamischen Staat“, sich als Hüter der sunnitischen Sache zu gerieren. Herrschen durch Spalten – das funktioniert im Irak ebenso wie in Syrien oder Libyen.

Die Ideologie zieht immer noch junge Menschen an

Auch die Anziehungskraft der verqueren Fundamentalisten-Ideologie ist weitgehend ungebrochen. Nach wie vor fühlen sich allzu viele Muslime von der Idee eines vermeintlich reinen, weil dem Koran buchstabengetreu folgenden Islam angezogen. Er suggeriert Stärke, macht aus einem Gefühl der Unterlegenheit eines der Überlegenheit. Das verfängt gerade bei jungen Menschen. Neue Mitglieder zu werben, fällt dem IS daher nicht schwer. Die erschreckende Faszination führt sogar dazu, dass ein Amerikaner in fernen Orlando im Namen des „Kalifats“ 49 Menschen tötet, ohne jemals mit den Islamisten direkten Kontakt gehabt zu haben.

Der IS könnte noch gefährlicher werden

Und noch etwas macht den „Islamischen Staat“ so gefährlich: Um die territorialen Verluste zu kompensieren, wird der IS noch mehr auf globalen Terrorismus setzen. Der US-Geheimdienst CIA hat erst vor Kurzem in aller Deutlichkeit vor neuen Anschlägen gewarnt. Der „Islamische Staat“ verfügt offenkundig ungeachtet aller Fehlschläge über genügend linientreue und trainierte westliche Kämpfer. Als Flüchtlinge getarnt könnten sie in ihre alte Heimat zurückkehren, um in Allahs Namen zu morden. Für das Herrschaftsgebilde namens „Islamischer Staat“ mag die Zeit bald abgelaufen sein. Doch für die Attraktivität seiner ideologischen Grundlagen gilt das keineswegs. In der langen Schlacht gegen den IS beginnt vielmehr eine neue Phase. Vermutlich eine noch gefährlichere.


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