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Islamistenhochburg in Brüssel : Molenbeek: Salafismus aus Saudi-Arabien

Wenige Kilometer vom Brüsseler Europaviertel entfernt ist im Stadtteil Molenbeek eine Hochburg des Fundamentalismus entstanden. Angeblich stammt der Drahtzieher der Pariser Anschläge aus Molenbeek.

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Eine Polizeistreife im Brüsseler Viertel Molenbeek am Sonntag.
Eine Polizeistreife im Brüsseler Viertel Molenbeek am Sonntag.Foto: AFP

Nach den Anschlägen von Paris weisen auf der Suche nach den Hintermännern immer mehr Spuren nach Belgien. Im Brüsseler Stadtteil Molenbeek fand am Montag eine Razzia statt, die die Festnahme von Salah Abdeslam zum Ziel hatte. Der 26-Jährige war von der belgischen Justiz zur Fahndung ausgeschrieben worden, und auch die französische Polizei hatte am Sonntagabend sein Foto veröffentlicht.

Der Agentur AFP zufolge wurde ein Bruder von Abdeslam derweil gemeinsam mit vier weiteren am vergangenen Wochenende in Brüssel festgenommenen Verdächtigen wieder freigelassen. Der dritte der drei Abdeslam-Brüder, Brahim Abdeslam, hatte sich am vergangenen Freitag vor dem Bistro "Comptoir Voltaire" am Boulevard Voltaire in Paris in die Luft gesprengt.

Am Wochenende war der Polizei bei der Fahndung nach Salah Abdeslam eine Panne unterlaufen. Er war am Samstag an der belgischen Grenze in einem Auto angehalten und kontrolliert worden. Er durfte aber weiterfahren, weil zum Zeitpunkt der Kontrolle seine Verwicklung in den Anschlag bei den Beamten vor Ort noch nicht bekannt war.

Derweil berichtete der Radiosender RTL unter Berufung auf Ermittlerkreise, dass der aus Molenbeek stammende 27-jährige Abdelhamid Abaaoud der Drahtzieher der Anschläge gewesen sei. Abaaoud sei für die Terrororganisation "Islamischer Staat" in Syrien aktiv gewesen, berichtete der Sender.

Den ersten Hinweis auf eine Spur nach Molenbeek hatte schon am Wochenende ein vor der Konzerthalle Bataclan geparkter Polo geliefert. In dem Fahrzeug, das die Attentäter benutzt hatten, waren Parktickets aus dem Brüsseler Stadtteil Molenbeek gefunden worden. Es ist nicht das erste Mal, dass eine Terrorspur in den Brüsseler Stadtteil Molenbeek führt, der sechs Kilometer vom Europaviertel entfernt im Westen der Stadt liegt. Immer wieder macht die Gemeinde Negativ-Schlagzeilen: Der französische Syrien-Rückkehrer Mehdi Nemmouche, dem das Attentat im Jüdischen Museum mit vier Todesopfern vom Mai 2014 zugeschrieben wird, wohnte bei seiner Schwester in Molenbeek, bevor er die Tat verübte. Auch der Marokkaner Ayoub al Khazzani, dessen Attentat in einem Thalys-Schnellzug zwischen Amsterdam und Paris im August nur knapp vereitelt wurde, tauchte vor dem Anschlagsversuch ebenfalls bei seiner Schwester in Molenbeek unter.

Der Einfluss Saudi-Arabiens

Nach den Worten von Alain Chouet, des früheren Leiters der Abteilung für Gegenspionage, Kriminalitäts- und Terrorbekämpfung beim französischen Geheimdienst DGSE, ist es kein Zufall, dass Molenbeek zu einer Hochburg des Islamismus wurde. Diese Entwicklung hat laut Chouet eine jahrzehntelange Vorgeschichte.

Der starke Einfluss des Salafismus in Belgien gehe auf eine Vereinbarung nach den Zweiten Weltkrieg zwischen dem damaligen Monarchen Baudouin und dem seinerzeitigen saudischen König Saud zurück, der zufolge Saudi-Arabien das Geschehen in den muslimischen Gemeinden prägen konnte. Damit habe sich in Belgien der Salafismus stärker ausbreiten können als in Ländern wie Frankreich oder Deutschland. Zudem habe sich der langjährige sozialistische Bürgermeister von Molenbeek, Philippe Moureaux, politisch auf die muslimische Einwanderergemeinde gestützt und im Gegenzug den Bau von Moscheen gefördert.

Heute gibt es 22 Moscheen in Molenbeek. Dort hätten salafistische Imame inzwischen einen großen Einfluss gewonnen, so Chouet. „Molenbeek ist heute das Zentrum des salafistischen Islam in Belgien“, sagt der Experte.




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