Israel : Auf Posten gegen das Mittelalter

Israel zwischen Holocaust-Gedenken und Herausforderung durch Terror: Besuch in einem Land, das nicht zur Ruhe kommt. Ein Essay

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Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu beim Holocaust-Gedenktag in Yad Vashem.
Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu beim Holocaust-Gedenktag in Yad Vashem.Foto: dpa

Heiß und kalt ist es im Israel dieser Tage. Einmal brennt die Sonne nahezu unbarmherzig herab, dann wieder zieht Kälte auf, die einen bis ins Mark frieren lässt. Selbst der Wetterbericht wirkt da politisch.

In dieser scheinbaren Profanität liegt aber eine Wahrheit, die sich jeden Tag aufs Neue bestätigt: Während der israelische Staat der Opfer und der Märtyrer des Holocaust gedenkt, der geradezu industriell betriebenen Judenvernichtung, und während er sich damit wieder auf Sinnsuche über den Tag hinaus begibt, wird er zugleich angegriffen. In jeglicher Hinsicht. Und damit in einer Weise, die sich die, die außerhalb dieses Landes leben, so gar nicht vorzustellen vermögen.

Aus Gaza fliegen Raketen

Aus Gaza fliegen wieder Raketen. So massiv ist der Angriff, dass Israels Premierminister an dem Tag, an dem die Zeremonie in der Gedenkstätte Yad Vashem das Denken beherrschen sollte, doch wieder darüber beraten muss, wie die Armee darauf am besten und am schnellsten reagiert. Luftangriffe sind am Ende die Antwort. Es ist eine, die ausgerechnet diesen Tag in Profanität abstürzen lassen könnte – wenn das Existenzielle nicht so augenfällig wäre. Das, was geschieht, an diesem Tag, in diesem Moment, ist hier das wahre, pure, ja brutale Leben. Und es wird für die Politik noch dazu nicht selten reduziert auf die Notwendigkeit von Entscheidungen in Lichtgeschwindigkeit.

Stabilität wird in Jerusalem anders definiert als in Europa

Entscheidungen, deren Tragweite in Bezug auf die Sicherheit des Staates der Juden genau das sind: entscheidend. Ob links, rechts oder in der Mitte des politischen Spektrums in Jerusalem – wer eine halbe Stunde entfernt lebt von den gnadenlosen Kämpfern für einen „Islamischen Staat“ (IS), der weiß, wie herausragend wichtig es ist, Sicherheit als Grundlage für Stabilität zu erhalten. Stabilität eines Systems, das das einzige im westlichen Sinn demokratische im Nahen Osten ist. Sicherheit, die umso wichtiger ist, als dieser Staat, Israel, so klein ist, dass er von einem Jet in zwei Minuten überflogen werden kann. Ein Land, dessen engste Stelle nur wenige Kilometer schmal ist, das noch dazu umgeben ist von solchen Staaten und Gruppen, die seinen achteinhalb Millionen Einwohnern nach dem Leben trachten. Auch das ist wörtlich zu nehmen. Hier braucht es eines Gedenktages nicht, um jeden daran zu erinnern.

In Europa ist Sicherheit eher eine soziale Kategorie

Stabilität: Dieser Begriff wird in Jerusalem anders buchstabiert als im einige Flugstunden entfernten Europa. Europa, wo Sicherheit eine eher soziale Kategorie ist, weit weniger heiß als die, die von Soldaten und militärischer Aufklärung bestimmt wird. Und Akten der Aggression, die der Abwehr weiterer Angriffe dienen soll. Das klingt nur schon politisch so inkorrekt für das europäische Verständnis, dass tatsächlich genau das in der Zusammenarbeit zu fehlen scheint. Europa wünscht sich eine konsensuale Lösung, unverändert, dringend, wo die Konfrontation durch Worte eine Situation zu schaffen beginnt, in der wieder alles möglich wird. Israel sieht sich, mehr noch: fühlt sich in einer Weise missverstanden und in seinen Handlungen falsch interpretiert, dass eine leise Entfremdung stattfindet zwischen denen, die doch gemeinsame Werte zusammenhalten müssten. Und manchmal ist sie auch gar nicht mehr so leise, die Entfremdung. Ein wenig erinnert das im Übrigen an den Zustand der europäisch-amerikanischen Beziehungen.

Alles hängt an Ägypten und Jordanien

Entfremdung findet statt, weil Europa aus israelischer Sicht nicht zu verstehen scheint, oder sogar wegen der andernfalls dann nötigen Konsequenzen nicht verstehen will, wie wichtig es ist, Stabilität zum Beispiel in Ägypten und in Jordanien wertzuschätzen. Nur nicht vorrangig in Worten, sondern in Taten.

Den Israelis muss niemand sagen, dass der „Arabische Frühling“ im Westen als Aufbruch hoffnungsvoll missverstanden wurde, als Marsch in eine seinem Standard entsprechende Gesellschaft der Moderne. So war es nicht, so wird es nicht, und jetzt droht da auch noch der „Islamische Staat“, der alles ist, nur kein Staat, sondern vielmehr der Versuch, ein mittelalterlich-grausames Kalifat auf einem Territorium weit größer als Israel zu errichten. Israel nimmt für sich in Anspruch, immer zu Skepsis und genauerer Expertise gemahnt zu haben.

Aber nun, nachdem aufgrund der Umwälzungen hin und her in Ägypten der Autokratismus à la Sadat und Mubarak zurückgekehrt ist, ist doch zugleich wenigstens vorläufig ein Auseinanderfallen des großen Nachbarn verhindert. Denkt Israel. Deshalb erwartet das kleine Land jetzt auch umso drängender Realpolitik von Europa. Eine Politik, die sich am besten orientieren soll an der inzwischen oft genug aus Jerusalem gehörten Wertung, dass in Kairo das System stabil genug sei, den Herausforderungen durch den mörderisch ausgreifenden IS zu begegnen. Und zwar im Inneren wie im Äußeren.

Für die politische Klasse Israels ist klar, dass das aktuelle System, besser Regime, weiß, wie Terror zu bekämpfen ist und wie noch dazu verhindert werden kann, dass der Sinai ganz den Terroristen in die Hände fällt. Was für Israel besonders wichtig ist.

Israel erwartet von Europa Realpolitik, keine Maßregelungen

Von links bis rechts – man frage dieser Tage Benjamin Netanjahu oder Itzhak Herzog oder Naftali Bennett, einerlei, sie alle wollen, dass Europa ökonomisch hilft und damit zugleich denjenigen zu einem profitablen Reformkurs verhilft, die besseren Willens sind, wie Ägypten, aber auch Jordanien, das sich nach Kräften gegen den IS wehrt. Denn so lautet die Rechnung:

Fallen diese beiden Länder, fällt der Nahe Osten. Und fällt der Nahe Osten, machen sich nicht nur vier Millionen Menschen auf den Weg nach Europa, um dort Sicherheit und Stabilität und Zukunft zu suchen, sondern hundert Millionen. Israel allein aber kann eine solche Entwicklung nicht aufhalten; darum erwartet der Staat, der sich als Vorposten des aufgeklärten Europas versteht, als ein Fort der Werte, Unterstützung und keine Maßregelungen, ob bei Debatten und Resolutionen in den Vereinen Nationen oder im europäischen Parlament.

Die Jugend will Frieden

Wer die Chance auf eine zivile Konfliktlösung in Nahost und dazu die Entwicklung von dauerhaften Zivilgesellschaften in der arabischen Welt nicht verbauen will, der muss Israel unterstützen. Fordert Israel. Das Risiko, dieses Land als Stabilitätsanker zu verlieren, hätte allerdings in der Tat weitestreichende Konsequenzen; sie höllisch zu nennen, wäre durchaus angemessen. Denn Israel an der Front, an vielen Fronten sogar – zum IS, zum Iran und zur libanesischen Hisbollah, außerdem herausgefordert von 30 000 Hamas-Kämpfern in Gaza –, braucht mindestens politische Unterstützung. Bleibt die aus, wirkt es auf die arabische Welt so, als verliere Israel demokratische Legitimation, was zugleich einen Autoritätsverlust zur Folge hätte. Nach außen und, nicht zu unterschätzen, nach innen.

Nach innen deshalb, weil in Israel zwei Entwicklungen parallel zu verlaufen scheinen: Einmal, dass die Jugend fertig ist mit dem Terror, dass sie Frieden will, dauerhaften, in der ganzen Region, nicht zuletzt damit sich die Wirtschaft weiter gut entwickeln kann und ihre Zukunftsperspektiven gleich mit.

Die Gesellschaft rückt insgesamt nach rechts

Zum Zweiten allerdings rückt die Gesellschaft insgesamt nach rechts, wie sich auch an der wiederholten Wahl von Premierminister Benjamin Netanjahu zeigt. Zumal links in Israel nach europäischen, nach deutschen Maßstäben höchst moderat ist. Da wäre beinahe auch Angela Merkel, die Bundeskanzlerin, nicht ganz falsch einsortiert. Nach israelischen Maßstäben.

Von denen einer ist, wie man zur Zweistaatenlösung mit den Palästinensern und zu Gesprächen mit deren Präsident Mahmud Abbas steht. Nicht dass irgendeiner von Rang in Jerusalem beides vorbehaltlos sähe. Mahmud Abbas, immer wieder öffentlich und halböffentlich zu Begegnungen aufgefordert, gilt ohnedies als Präsident im Abschwung, wegen seiner 80 Jahre und weil er ohne Einfluss auf die Hamas in Gaza ist.

Abbas könnte Gespräche mit Netanjahu haben

Und trotzdem: Wenn er wollte – er könnte nahezu Gespräche mit Israel, mit Netanjahu haben, so viele Male, wie ihm das angeboten worden ist. Ob bei Merkel oder wem auch immer. Nur will er augenscheinlich nicht, nicht wirklich. Weniger als sieben Stunden Gespräch in sieben Jahren, das spricht eine beredte Sprache. Hinzu kommt der hate speech, die ausufernde Verbalradikalisierung mit verhetzenden Aufrufen zu Attacken und Attentaten auf Israelis, denen auch Abbas das Wort redet. Hunderte, ja Tausende von Messerattacken hat es bereits gegeben, palästinensische Kinder posieren vor Kameras stolz und jubelnd mit Stichwaffen, das hat seine Wirkung nicht verfehlt. Und auch, dass Abbas sich solidarisiert, nicht distanziert.

Das führt zu solchen Kommentaren wie dem einer Holocaust-Überlebenden dieser Tage, die sagt: „Wir brauchen das Militär wie Luft zum Atmen. Und nicht, weil wir Militaristen wären. Wenn wir hier einen Krieg verlieren, dann leben wir nicht mehr.“ Dazu zählen gewiss auch unerklärte Kriege, ungeklärte Konflikte, die sich an Raketen aus Gaza zeigen oder an neuen Tunneln, die auf israelischem Gebiet entdeckt werden. Für die Israelis ein ständiger Schrecken, trotz aller militärischen Aufklärung, belegt er doch aus ihrer Sicht das Kriegerische an der Hamas. Und waren es beim Abzug der Israelis aus Gaza noch 3000 Kämpfer, sind es heute nach Schätzungen wohl 30 000.

Es gibt Überlegungen, den Versuch des Ausgleichs mit den Palästinensern wiederzubeleben

Und doch gibt es gerade Überlegungen, angesichts des großen Lagebildes in der Region den Versuch des Ausgleichs mit den Palästinensern wiederzubeleben: in einer Koalition der nationalen Einheit, von links bis rechts, mit einem Außenminister Herzog. Zwar muss der sich intern auch erst einmal durchsetzen gegen die Konkurrentin Zipi Livni, die frühere Außen- und Justizministerin, und noch dazu muss er seinen Widerwillen gegen den Führer der Rechten überwinden, den amtierenden Bildungsminister Bennett – aber weil beide bleiben, die Israelis wie die Palästinenser, müssen sie sich arrangieren. Sich auch gegenseitig als existent anerkennen. Dann wird sich auch das Siedlungsthema dem unterordnen.

Israel liefert jeden Tag 900 Lastwagen mit lebensnotwendigen Gütern nach Gaza

Zumal Israel schon bewiesen hat, dass es hier zu überraschenden Aktionen bereit ist. Für Frieden in Gaza kam es seinerzeit nicht nur zum gewünschten vorübergehenden Stopp des Siedlungsbaus – als Zeichen guten Willens wurden 10 000 Wohnungen abgerissen und sogar die Toten aus ihren Gräbern geholt und umgebettet. Geholfen hat es nicht, beklagt eine große Koalition in Israel. 15 000 Raketen seither waren die Antwort. Doch auch heute noch, trotz des wiederholten Raketenbeschusses, werden jeden Tag 900 Lastwagen mit den notwendigen Gütern zum Leben von Israel nach Gaza geschickt, werden Strom, Wasser und Elektrizität vorgehalten.

Heiß und kalt ist es dieser Tage in Jerusalem. Die Lage wie das Wetter. Während Israel des Holocaust gedenkt, seiner Helden und Märtyrer, seiner Gefallenen in allen Kriegen, und alte Recken den unbedingten Vorrang der Menschenrechte betonen, verbreiten sich neue, alte Hetzparolen des Antisemitismus. Virtuell und real. Worte wie Pfeile und Raketen wie Lanzen. Und alle die, die der Gedenkfeier beigewohnt haben, wissen, dass auch dieser Kampf gekämpft werden muss. Israel kommt noch lange nicht zur Ruhe.

Stephan-Andreas Casdorff ist Chefredakteur des Tagesspiegels. Er war gerade mit einer Gruppe von Kollegen eine Woche zu einem Seminar in Yad Vashem und hat außerdem politische Gespräche geführt.

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