Politik : Israel nennt Alfred Grosser unmoralisch

Benjamin Weinthal

Berlin - Der Gesandte der israelischen Botschaft in Berlin, Emmanuel Nahshon, hat die Oberbürgermeisterin der Stadt Frankfurt, Petra Roth (CDU), scharf dafür kritisiert, den Publizisten Alfred Grosser als Redner zur Gedenkfeier am 9. November, dem Jahrestag der Reichspogromnacht von 1938, in die Frankfurter Paulskirche eingeladen zu haben. „Herr Grosser hat unmoralische und illegitime Äußerungen über Israel getätigt. Die Einladung wirft einen bedauerlichen und unnötigen Schatten auf die Veranstaltung“, sagte Nahshon dem Tagesspiegel.

Der 1925 in Frankfurt geborene Grosser ist Sohn deutscher Juden, die 1933 vor den Nationalsozialisten nach Frankreich geflohen waren. Er lehrte als Politologe am Institut d’études politiques in Paris und engagierte sich stark für eine Verbesserung der deutsch-französischen Beziehungen. Dafür wurde ihm viel Anerkennung entgegengebracht. Kritiker werfen Grosser jedoch krude Vergleiche zwischen Israel und Nazi-Deutschland vor und fragwürdige Ansichten zur Herkunft des Judenhasses und zu den Konsequenzen daraus. Zum Verhältnis Israels zu den Palästinensern sagt Grosser: „Ich bin in Frankfurt als kleiner Junge verachtet worden, weil ich Jude war. Und ich will deshalb nicht akzeptieren, dass Juden andere Menschen mit Verachtung behandeln.“

Nahshon bezeichnet Grossers Positionen als „von Selbsthass geprägt“. Im Gespräch mit dem Tagesspiegel sagte Grosser, er stehe weiter hinter seiner Äußerung, der zufolge Israels Politik die Ursache für Antisemitismus ist. Nahshons Kritik an ihm findet er „ganz blöd“. Zudem kündigte er weitere Kritik an Israel in seiner Paulskirchenrede an.

In einem dem Tagesspiegel vorliegenden Brief des Generalsekretärs des Zentralrats der Juden in Deutschland (ZdJ), Stephan J. Kramer, an Petra Roth fordert Kramer die Ausladung Grossers von der Gedenkfeier. Die Einladung sei „pietätlos und lässt Zweifel am bisher glaubwürdigen Engagement der Stadt Frankfurt aufkommen“, heißt es in dem Schreiben. Grosser habe sich auch ausdrücklich hinter Martin Walsers Kritik an der „Auschwitz-Keule“ gestellt, die Walser in seiner Friedenspreisrede am 11. Oktober 1998 in der Frankfurter Paulskirche formulierte. Roth und die Stadt Frankfurt verteidigen die Einladung Grossers: „Alfred Grosser erhielt 1975 in der Paulskirche den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels für seinen Einsatz für die Völkerverständigung und 2004 den nach dem langjährigen Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Frankfurt benannten Abraham-Geiger-Preis.“

An der Feierstunde werden Dieter Graumann und Salomon Korn teilnehmen, beide Frankfurter und Vizepräsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland. Nach Auskunft von Mitgliedern der Frankfurter Jüdischen Gemeinde wollen beide den Saal verlassen, sollte Grosser Israel an den Pranger stellen.Benjamin Weinthal

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