Italien : Anwalt der offenen Kirche

Kardinal Martini ist tot.

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Kardinal Martini.
Kardinal Martini.Foto: AFP

Die katholische Kirche hat einen ihrer größten Bischöfe, Intellektuellen und Autoritäten verloren: Im Alter von 85 Jahren ist Kardinal Carlo Maria Martini am Freitagabend gestorben. Von 1980 bis 2002 hatte der Jesuit und Bibelwissenschaftler nicht nur die Erzdiözese Mailand geleitet; er galt immer auch als einer der menschlich überzeugendsten Anwärter auf das Papstamt. Die Hoffnungen des liberalen Flügels der Kirche zerstoben im Konklave 2005: Martini, schon damals von Parkinson gezeichnet, erhielt weniger Stimmen als erwartet, zog zurück und machte den Weg für Joseph Ratzinger frei.

Das Begräbnis, das Mailand „seinem“ Kardinal an diesem Montag bereitet, wird von der Festlichkeit und vom Publikumsandrang her dennoch eine Art Papstbegräbnis werden; schon am Wochenende defilierten Zehntausende im Mailänder Dom an Martinis Leichnam vorbei.

Der gebürtige Turiner Martini verkörperte in Mailand, im wirtschaftlichen, finanziellen und bürgerlichen Zentrum Italiens, eine bescheidene, selbstkritische, dialog- und weltoffene Kirche. Martini warb mit persönlichem Beispiel, mit Argumenten und mit Einladungen zum Denken für den Glauben. Ausdrücklich bezog er andere Konfessionen und Kirchenferne mit ein. Sein zusammen mit dem Agnostiker Umberto Eco geschriebenes Buch „Woran glaubt, wer nicht glaubt?“, ist auch in Deutschland zum Bestseller geworden.

Dass er bei aller Loyalität zum Papst die harten Positionen Roms – zum Beispiel gegenüber nicht ehelichen Lebensgemeinschaften, Homosexuellen, der Wiederheirat Geschiedener oder zum Gebrauch von Kondomen – nicht teilte, das verhehlte Martini nie. In seinem letzten Interview, das der Mailänder „Corriere della Sera“ am Samstag veröffentlichte, verlangte er von seiner Kirche eine „Bekehrung“: Um das „Herz der Menschen“ wieder zu erreichen, müsse die Kirche „ihre eigenen Irrtümer eingestehen und einen radikalen Wendekurs einschlagen, beginnend beim Papst und den Bischöfen“.

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