Jamel in Mecklenburg-Vorpommern : Dorf der rechten Angriffe

Auf den Hof von Nazi-Gegnern in Jamel wurde offenbar ein Brandanschlag verübt. Die beiden sind sich sicher, dass Rechte hinter der Tat stecken. Wie schon so oft.

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Die Scheune auf dem Forsthof in Jamel.
Die Scheune auf dem Forsthof in Jamel.Foto: dpa

Nicht einmal 40 Einwohner leben in Jamel, dem landschaftlich schön gelegenen Dorf im Kreis Nordwestmecklenburg bei Grevesmühlen. Trotzdem ist der Ort seit Jahrzehnten deutschlandweit bekannt – für rechtsgerichtete Aktivitäten. Nun hat es dort gebrannt. Eine reetgedeckte Scheune der Familie Lohmeyer, die sich gegen die rechtsgesinnten Umtriebe zur Wehr setzt, wurde bis auf die Grundmauern zerstört. Laut Polizei handelt es sich um Brandstiftung. Birgit und Horst Lohmeyer sind sich sicher: Sie vermuten den oder die Täter in der politisch rechten Ecke, sprechen von Jamel als „nationalsozialistisches Musterdorf“.

Immer wieder hätten sich rechts Gesinnte gezielt hier niedergelassen. Die Lohmeyers sind froh, dass das Feuer nicht auf ihr altes Forsthaus übergesprungen ist, in dem sie seit 2004 leben und auch immer wieder mal Feriengäste empfangen. Einer dieser Urlauber aus Berlin war noch wach und wollte sich Sternschnuppe am Firmament ansehen. Gegen Mitternacht bemerkte er ein Feuer an der 240 Quadratmeter großen Scheune. Anfeindungen sind die Lohmeyers gewohnt. Einmal fanden sie zum Beispiel eine tote Ratte in ihrem Briefkasten, doch der jüngste Anschlag zeugt von einer neuen Qualität.

Die Feuerwehr brauchte 15 Minuten, bis sie am Ort des Geschehens war, konnte aber nur noch ein Übergreifen der Flammen auf das Wohngebäude verhindern. „Hier waren Menschenleben in Gefahr“, sagte die als Schriftstellerin arbeitende Birgit Lohmeyer. Der Brand weckt Erinnerungen an die alten unsäglichen Geschichten, die sich bereits vor dem Umzug der Lohmeyers von Hamburg nach Jamel ereigneten und diesen Ortsteil, der zur Gemeinde Gägelow gehört, zu einem gefährlichen Ort haben werden lassen. Unzählige Aktionen von Neonazis sind in den polizeilichen Dienstakten zu finden, darunter zwei Brände in den Jahren 1996 und 2003.

Festival gegen Fremdenfeindlichkeit

Vor 19 Jahren wollten Dorffremde ein leer stehendes Haus beziehen, doch es brannte vorher aus. Sieben Jahre später wurde am Tag der Deutschen Einheit in einem Haus gezündelt, das sich eine Hamburger Familie gerade erworben und bereits umfassend renoviert hatte. Sie gaben dann entnervt auf. Kommt man auf die Einschüchterungen gegen Nachbarn, Anwohner und Zuzugwillige zu sprechen, fällt immer wieder ein Name: Sven Krüger. Der Abrissunternehmer mit dem gewaltigen Strafregister trat in die NPD und stellte der Partei in Grevesmühlen in seinen Räumlichkeiten ein Büro zur Verfügung.

Zuletzt saß er wegen Hehlerei und unerlaubten Waffenbesitzes im Gefängnis, war aber auch schon wegen Körperverletzung verurteilt worden. Seit einigen Monaten ist Krüger wieder auf freiem Fuß und scheut sich nicht, seine Gesinnung offen zu zeigen, etwa bei einer Sonnenwendfeier Ende Juni auf seinem Jamelner Grundstück oder am 1. August beim Neonazi-Marsch in Bad Nenndorf. Birgit Lohmeyer will sich nicht einschüchtern lassen, auch wenn ihr der Schock noch anzumerken ist. Seit neun Jahren findet auf ihrem Grundstück ein Festival gegen Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus unter dem Titel „Jamel rockt den Förster“ statt. Die Veranstaltung wird am 28. und 29. August trotz oder wie Birgit Lohmeyer sagt „erst recht wegen“ des Brandes stattfinden.

Am besagten Wochenende wird dem Ehepaar auch der mit 10000 Euro dotierte Georg-Leber-Preis für Zivilcourage der IG Bauen Agrar Umwelt überreicht. Die Polizei, die am Donnerstag einen Hubschrauber für Luftbildaufnahmen über Jamel kreisen ließ, nimmt den Vorfall sehr ernst und wird wohl noch einige Zeit mit der Spurensuche und Anwohnerbefragung verbringen. Sie muss übrigens noch in einer anderen Brandangelegenheit ermitteln. Eine Nacht zuvor hatte es einen Brand in einer Asylbewerberunterkunft im elf Kilometer entfernten Wismar gegeben. Dort war nur ein geringer Sachschaden zu verzeichnen, die Ursache des Feuers ist noch unklar.

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