• Jesuitenkolleg tut sich schwer mit Aufklärung Missbrauch: Bericht sieht Verfehlungen bis 2010

Politik : Jesuitenkolleg tut sich schwer mit Aufklärung Missbrauch: Bericht sieht Verfehlungen bis 2010

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Berlin - Ein neuer Untersuchungsbericht zeigt: Am Bonner Aloisiuskolleg (Ako) wurden bis 2010 Kinder und Jugendliche systematisch Opfer von Machtmissbrauch, Demütigung und intimen Grenzverletzungen. 2011 hatte eine erste Untersuchung ergeben, dass in dem von Jesuiten geleiteten Gymnasium und Internat in den 50er und 60er Jahren über das „übliche“ Maß hinaus geprügelt wurde. In den 70er und 80er Jahren kamen sexuelle Übergriffe hinzu. Die Vorwürfe reichen bis 2005. Beschuldigt werden 18 Jesuitenpatres und fünf weltliche Mitarbeiter. Der Hauptverantwortliche starb 2010.

Im Mittelpunkt des neuen Berichts steht eine Freizeiteinrichtung, das „Ako Pro Scouting“, das ans Ako angegliedert war und auch externen Jugendlichen offenstand. Es wurde jahrzehntelang mit öffentlichen Mitteln gefördert. Der Leiter des Ako Pro Scouting errichtete ein „autoritäres Machtsystem“ mit Demütigungen, Machokultur und frauenfeindlichen Komponenten, schreibt der Kölner Psychologe Arnfried Bintig, der die Untersuchung im Auftrag des Ako durchgeführt hat. Er vermutet bei dem Leiter der Freizeiteinrichtung eine „narzisstische Persönlichkeitsakzentuierung“. Ihm habe „jegliche pädagogische Distanz“ gefehlt, er habe „möglicherweise auch strafrechtlich gebotene Grenzen“ überschritten.

Das Angebot des Ako Pro Scouting richtete sich an Jungen und Mädchen und war wegen der Naturerlebnisse und Auslandsfahrten beliebt. Der Erfolg erleichterte es dem Leiter, sein Machtsystem in 29 Jahren zu „perfektionieren“; keiner schaute genau hin, was sich dort tatsächlich abspielte, heißt es im Bericht. Alle Kontrollinstanzen vom Aloisiuskolleg über den Jesuitenorden bis hin zur Stadt Bonn versagten. 2010 wurde der Leiter der Einrichtung mit allen Ehren entlassen, heute lebt er in Ägypten und hat dort Kontakt zu einer Schule geknüpft. Das Ako Pro wurde aufgelöst und durch einen neuen Verein ersetzt.

Als vor zwei Jahren der erste Bericht vorgestellt wurde, schimpfte der Schulsprecher über die negative Berichterstattung und verwies auf Präventionsmaßnahmen. Wie sich heute zeigt, kam es zwar nach 2010 zu keinen neuen Grenzverletzungen, doch es fehlte bei vielen Verantwortlichen die Bereitschaft, den Opfern zuzuhören, die Taten aufzuklären und die Täter zur Rechenschaft zu ziehen. Die Sorge um das Image der Institution dominiert zum Teil bis heute.

„Ich bin erschüttert, was wir aus diesem Bericht erfahren“, sagte Pater Johannes Siebner am Freitag, der Rektor des Ako. Die vielen Einzelschicksale, das brutale Vorgehen des Ako-Pro-Leiters, aber auch die „Strategie der Verantwortungsabwehr“ seien „bestürzend“. Siebner ist seit Sommer 2011 Rektor in Bonn und gehört im Jesuitenorden zu jenen, die die Missbrauchsfälle konsequent aufzuklären versuchen. Andere Mitbrüder weigern sich allerdings bis heute zu reden.

Die Opfer des Ako Pro Scouting glauben nicht mehr, dass sich am Aloisiuskolleg grundlegend etwas ändern wird, und fordern vor Gericht die Schließung des Kollegs. Claudia Keller

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