Joachim Gauck : Der Präsident und sein Ego

Bundespräsident Joachim Gauck trifft die Spitzen der im neuen Bundestag vertretenen Parteien. Heute sind die Grünen an der Reihe. Doch es geht weniger um eine neue Regierung, als vielmehr um ihn persönlich. Auch eine neue Biografie zeigt Gauck als einen Menschen, der sich gerne selbst ins Zentrum stellt.

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Um ihn dreht es sich. Joachim Gauck am 16. September auf der Werkzeugmaschinenmesse Emo in Hannover.
Um ihn dreht es sich. Joachim Gauck am 16. September auf der Werkzeugmaschinenmesse Emo in Hannover.Foto: dpa

Noch nicht einmal zwei Wochen ist die Bundestagswahl her und schon lässt Joachim Gauck die Bürger wissen, dass er sich zu „Vier-Augen-Gesprächen“ mit den Chefs der im Bundestag vertretenen Parteien treffen will. Am heutigen Mittwoch trifft er sich mit der Grünen-Spitze. Die Tatsache an sich ist dabei wenig erwähnenswert, der Bundespräsident spricht regelmäßig mit denen, die die politischen Geschicke des Landes lenken. Es stellt sich vielmehr die Frage: Warum soll das Volk überhaupt wissen, dass sein Staatsoberhaupt den politischen Akteuren einzeln die „Beichte abnimmt“?

Stellt man diese Frage jenen, die sich lange und intensiv mit der Person des Bundespräsidenten beschäftigt und (sehr unterschiedliche) Biografien über ihn verfasst haben, so fällt die Antwort überraschend einstimmig aus: Dieser Joachim Gauck ist offenbar ein Mann mit einem sehr großen Interesse am Bild, das die Öffentlichkeit von ihm hat. Einer, der sich in erster Linie für sich interessiert. Und so einer, der sieht sich natürlich gern im Zentrum des Geschehens. Auch, wenn er als Staatsoberhaupt nach einer Bundestagswahl, die erkennbar nicht unmittelbar zu einer Staatskrise führt, eigentlich keine Aufgabe hat.

Gaucks erstes Jahr als Bundespräsident
Im ersten Anlauf: Joachim Gauck wird im März 2012 in der Bundesversammlung zum 11. Bundespräsidenten gewählt - mit überwältigender Mehrheit. Zu den ersten Gratulanten im Berliner Reichstag gehörte Bundeskanzlerin Angela Merkel, die von einem "beachtlichen Ergebnis" und "guten Tag für die Demokratie" sprach.Weitere Bilder anzeigen
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18.03.2013 10:19Im ersten Anlauf: Joachim Gauck wird im März 2012 in der Bundesversammlung zum 11. Bundespräsidenten gewählt - mit überwältigender...

Dass Klaus Blessing und Manfred Manteuffel in Gaucks Wesen nur Selbstsucht und Unaufrichtigkeit sehen: geschenkt. Beide Autoren beurteilen Gaucks Person und seine Befähigung zum Präsidentenamt aus der Sicht derjenigen Verantwortungsträger des DDR-Systems, die Gauck als Kopf der Stasi-Unterlagenbehörde nach dem Ende der DDR ans Licht der Öffentlichkeit gezerrt hat. Betroffene mithin, deren lautere und aufklärerische Motive in Zweifel gezogen werden dürfen. Eine ähnlich negative Grundhaltung zum Subjekt der Betrachtung ist Mario Frank nicht zu unterstellen. Einst Geschäftsführer beim Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“, hat Frank sich bereits Achtung für seine Biografie des ehemaligen DDR-Staatsoberhauptes Walter Ulbricht durch intensive Recherche erworben. Dem Präsidenten nähert sich Frank nun auf eine sehr offene und für jedermann nachvollziehbare Art. Er trifft nicht nur Weggefährten Gaucks, Freund und Feind. Er konfrontiert Gauck auch mit seinen Thesen und den Beurteilungen seiner Gesprächspartner.

Herausgekommen ist ein Buch, das nicht den Anspruch erhebt, die Person Joachim Gauck bis ins Innerste zu erklären und auszudeuten. Und das dennoch nicht nur an der Oberfläche kratzt. Gewiss, Frank beschreibt einen Mann, der ihn (und nicht nur ihn) durch seine Intellektualität und die große Gabe der Rede begeistert hat. „Glaubwürdigkeit und Authentizität“ nennt Frank als Gründe für die Beliebtheit des Staatsoberhauptes und natürlich auch Gaucks Fähigkeit, auf die Menschen zuzugehen und ihnen das Gefühl zu geben, dass er sich für sie interessiert und ihre Sorgen und Nöte kennt.

Aber Mario Frank, und darin liegt der Wert seiner Biografie, lässt sich nicht durch den Schein eines charismatischen und redegewandten Mannes beeindrucken. Er fragt nach Motiven und sucht bei seinen Gesprächspartnern gezielt nach Erklärungen. Und dabei ist ihm Erstaunliches begegnet: Nämlich der Blick auf einen Mann, der in seinem Leben immer Orte und Funktionen des Wirkens gesucht und gefunden hat, in denen die Interaktion mit Menschen, ihren Gefühlen und Geschichten, Zwängen und Ängsten angelegt sind. Vom Amt des Pastors, des Seelsorgers über das Amt, das Opfer und Stasi-Täter in Beziehung setzte bis hin zum „ersten Bürger“, wie sich der Bundespräsident selbst gern sieht: Alles gesellschaftliche Orte und Aufgaben, die hohe soziale Kompetenz erfordern.

Wahltag in der Bundesversammlung
Deutschland hat ein neues Staatsoberhaupt: Mit 991 von 1228 gültigen Stimmen ist Joachim Gauck am Sonntag zum Bundespräsidenten gewählt worden. Er folgt auf den zurückgetretenen Christian Wulff.Weitere Bilder anzeigen
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18.03.2012 17:38Deutschland hat ein neues Staatsoberhaupt: Mit 991 von 1228 gültigen Stimmen ist Joachim Gauck am Sonntag zum Bundespräsidenten...

Und das, obwohl dieser Joachim Gauck selbst doch so große Schwierigkeiten hat, einen Platz in der Gesellschaft zu finden. Als Familienvater etwa und Ehemann. Frank beschreibt einen Kirchenmann in der DDR, dem Frau und Kinder nicht wichtig zu sein scheinen. Einen, der auf der Kanzel steht, der sich in den Aufgaben der Jugendarbeit in der DDR-Kirche verzehrt und das selbst in Plattenbausiedlungen, wo die Kirche keine Rolle spielt.

Zu Hause aber ist dieser Mann ein Fremder. Einer, dem die Nöte seiner Nächsten nicht wichtig erscheinen. Ein Mann außerdem, dem die Herzen der Frauen zufliegen und der sie mit Stolz auffängt. Als Gauck sich vor ein paar Jahren entschloss, mit seiner ehemaligen Lebensgefährtin Helga Hirsch seine Lebenserinnerungen aufzuschreiben, da wollte er partout seine Familie ausklammern, sich nicht erinnern. Erst therapeutische Hilfe hat ihn befähigt, über das, wie man weiß, sehr komplizierte Verhältnis zu seinen Kindern zu reflektieren. Gauck, ein gnadenloser Ichling, verliebt allein in seinen letzten Gedanken, seinen letzten Satz? „Das Bad in der Menge“, schreibt Frank, „bedeutet Gauck mehr als die Möglichkeit, unerkannt in ein Restaurant gehen zu können“. Wäre dem so, dann hätten im Interesse des Pastors Gauck wohl nicht seine Schäfchen und im Interesse des Stasi-Jägers Gauck nicht die Opfer des Terrors gestanden. Und im Interesse des Bundespräsidenten nun nicht die Bürger. Als Gauck Anfang der 90er Jahre die nach ihm benannte Unterlagen-Behörde übernahm, schlugen sich seine Mitarbeiter, so beschreibt es Frank, mit der Behörde und ihren alltäglichen Problemen herum. Gauck indes hielt in aller Welt Reden und ließ sich huldigen.

Joachim Gauck übrigens legt dieser Tage im Siedler-Verlag auch eine Sicht auf sein Leben in Buchform nieder. Sie besteht nur aus Texten, die Gauck verfasst hat und Reden, die er in den vergangenen 25 Jahren gehalten hat. Eine „Sammlung aus höchst unterschiedlichen, teilweise typischen, aber auch einigen ganz besonderen Texten“, schreibt Gauck selbst im Vorwort. Erst ein gutes Jahr ist Joachim Gauck im Amt des Staatsoberhauptes. Und nun zitiert der Präsident - sich selbst.

Mario Frank: Gauck. Eine Biographie. Suhrkamp Verlag, Berlin 2013. 414 Seiten, 19,95 Euro.

Joachim Gauck: Nicht den Ängsten folgen, den Mut wählen. Denkstationen eines Bürgers. Siedler Verlag, München 2013. 256 Seiten, 19,99 Euro.

Klaus Blessing, Manfred Manteuffel: Joachim Gauck. Der richtige Mann? Edition Berolina, Berlin 2013. 192 Seiten, 9,99 Euro.

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