Joe Biden besucht die Türkei : Ein Amerikaner in Ankara

US-Vizepräsident Joe Biden reist am Mittwoch in die Türkei. Es wird ein Besuch bei einem anstrengenden Freund. Ein Vorbericht zu einem schwierigen Ereignis.

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Joe Biden und Recep Tayyip Erdogan bei dem Türkeibesuch im Januar.
Joe Biden und Recep Tayyip Erdogan bei dem Türkeibesuch im Januar.Foto: dpa

Wenn der amerikanische Vizepräsident Joe Biden an diesem Mittwoch die Türkei besucht, trifft er auf ein Land, das sich seit seiner letzten Visite vor einem halben Jahr völlig verändert hat. Schon damals gab es Streit, unter anderem um das Thema Meinungsfreiheit. Doch diese Differenzen waren harmlose Kabbeleien im Vergleich zu dem, was Biden diesmal erwartet: Seit dem Putschversuch vom 15. Juli sind die USA für die Türken zum großen Buhmann geworden. Eine Jahrzehnte alte Partnerschaft löse sich auf, meinen einige Experten.

Washington ist jedenfalls besorgt. Eigentlich sollte Außenminister John Kerry am Mittwoch in die Türkei reisen. Doch angesichts der türkischen Verärgerung kam die US-Regierung offenbar zu dem Schluss, dass ein bloßer Ministerbesuch nicht genug sein würde.

Offen verbreiten türkische Regierungsvertreter und regierungsnahe Medien die These, die Amerikaner seien die eigentlichen Drahtzieher des Umsturzversuches gegen Präsident Recep Tayyip Erdogan gewesen. Die Beweise dafür? Die Tatsache, dass der mutmaßliche Putsch-Anführer Fethullah Gülen in den USA lebt; die Weigerung der USA, Gülen sofort auszuliefern; die Anwesenheit eines ehemaligen Mitarbeiters des US-Außenministeriums bei einer Konferenz in Istanbul am Tag des Putschversuchs.

Laut einer Umfrage glauben zwei von drei Türken, dass die Weichen für den Putsch in Washington gestellt wurden. Amerika müsse sich zwischen Gülen und der Türkei entscheiden, sagte Erdogan kürzlich. Ministerpräsident Binali Yildirim sagte am Wochenende, das Asyl für Gülen in den USA sei dabei, die Beziehungen zwischen beiden Ländern zu „zerstören“.

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Erdogan fordert von USA Auslieferung von Gülen
Erdogan fordert von USA Auslieferung von Gülen

Auch die Tatsache, dass seit dem 15. Juli kein hochrangiger westlicher Politiker der Türkei einen Solidaritätsbesuch abgestattet hat, trägt zur schlechten Stimmung bei. Erdogan besuchte Anfang des Monats demonstrativ den russischen Präsidenten Wladimir Putin und lobte dessen unzweideutige Verurteilung des Putschversuchs.

Türkische Enttäuschung

So tief die türkische Enttäuschung ist – sie ist keineswegs der einzige Grund für das wachsende Zerwürfnis zwischen zwei Ländern, die sich seit den 1950er als enge Partner sehen. Die amerikanische Unterstützung für kurdische Milizen in Syrien bei deren Kampf gegen den „Islamischen Staat“ (IS) ist Ankara ein Dorn im Auge.

Die Kurden wollten im Norden Syriens entlang der türkischen Grenze einen eigenen Staat gründen und die Türkei mit diesem Gebietsriegel vom Rest des Nahen Ostens trennen, heißt es in Ankara: Die Türkei solle auf Geheiß der USA eingekesselt werden, schrieb Ibrahim Karagül, Chefredakteur von Erdogans Leib- und Magenblatt „Yeni Safak“. Karagül fordert, die Türkei solle die auf der südtürkischen Luftwaffenbasis stationierten US-Nuklearwaffen unter ihre Kontrolle bringen.

Biden dürfte bei seinem Kurzbesuch auch über den Kurswechsel der türkischen Syrien-Politik sprechen. Yildirim hat sich mit einem Amtsverbleib des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad für eine Übergangszeit bereit erklärt; dies dürfte es für Ankara leichter machen, sich stärker auf die Bekämpfung des IS – die Priorität der USA in Syrien – zu konzentrieren. Dennoch bleibt es bei den verschiedenen Interessen von USA und Türkei mit Blick auf die syrischen Kurden.

In Washington empfehlen einige Experten der Obama-Regierung, sie solle die Konsequenzen ziehen und andere Länder in Nahost als enge Partner auswählen. Jordanien oder die Golf-Staaten werden als neue US-Freunde in der Region genannt.

Offiziell will die US-Regierung nichts von einer solchen Neuausrichtung wissen. Ankara sei wegen des Putschversuches derzeit lediglich „ein wenig gestresst“.

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