Juden in der Ukraine : „Wir sind keine Opfer“

Ist die Situation brenzlig? Macht man sie zu Sündenböcken? Die Juden in der Ukraine winken ab. Derzeit sehen sie sich nicht von Rechtsextremen bedroht – entsprechende Berichte seien Propaganda russischer Medien.

von und Nina Jeglinski
Die Juden in der Ukraine fühlen sich im Moment nicht bedroht.
Die Juden in der Ukraine fühlen sich im Moment nicht bedroht.Foto: afp

In der Jüdischen Gemeinde der Stadt Kiew versteht man die Aufregung nicht, Anatoli Schengait fragt mehrfach nach, ob er richtig verstanden habe: „In Deutschland denken sie, wir fürchten uns vor den Maidan-Aktivisten?“, fragt der zierliche Mann, der unter einer Baseballkappe eine Kippa trägt. Schengait ist Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde der Stadt Kiew. „Auch unsere Gemeindemitglieder haben den Maidan unterstützt“, sagt er. Sie tun es bis heute.

„Wir sind keine Opfer“, sagt Schengait, weder von ukrainischen Nationalisten noch von russischer Regierungspropaganda. In den vergangenen Jahren habe man gut in der Ukraine leben können. Viel mehr Sorgen macht sich Schengait über die Lage in der Ostukraine und auf der Krim. In den vergangenen Tagen habe er viel mit Leuten aus der ostukrainischen Millionenstadt Dnjepropetrowsk telefoniert. Dort haben die Menschen einen Angriff Russlands befürchtet. Nun habe sich die Lage zwar wieder etwas entspannt. „Allerdings ist die Sache noch nicht ausgestanden, Putin ist beleidigt, weil die Ukrainer ihm die Gefolgschaft verweigert haben“, sagt Schengait.

Joseph Zissels, Vorsitzender der Vereinigung jüdischer Organisationen und Gemeinden der Ukraine (Vaad), sowie Vizepräsident des Jüdischen Weltkongresses (WJC), sieht die Rolle Russlands ebenfalls kritisch. „Russland setzt uns stark unter Druck. Es behandelt die Ukraine nach dem Prinzip Zuckerbrot und Peitsche.“ Dabei dürfe sich Russland nicht in die Angelegenheiten der Ukraine einmischen. „Wenn wir unsere Regierung nicht mehr wollen und einen Maidan organisieren, geht das Russland erstmal nichts an.“ Allerdings ist Zissels sich sicher, dass sich der russische Präsident Wladimir Putin auch weiterhin einmischen wird. „Das ist kontraproduktiv und hindert die Ukraine an einer dynamischen Entwicklung.“

Derzeit würden russische Medien Informationen streuen, dass die jüdische Bevölkerung in der Ukraine von Rechten bedroht werde. Sicher, es gibt auch in der Ukraine Rechtsradikale, das sei in anderen Ländern aber auch der Fall. In der Ukraine seien diese Gruppen eine kleine Minderheit. Von denen würden auch immer mal wieder radikale Sprüche kommen. „Ihre radikalste Handlung war jedoch, für ihr Land zu kämpfen und zu sterben“, sagt Zissels. Die neue Regierung müsse diesen Strömungen im Land konstruktiv und entschieden begegnen.

Nationalisten einbinden?

Auch Yaakov Bleich, Oberrabbiner von Kiew, macht sich Gedanken über die neue Regierung. Für ihn steht fest, dass die nationalistische Partei Swoboda auch weiter in die Verantwortung eingebunden werden muss. Er sei im regelmäßigen Austausch mit wichtigen Politikern wie Arsenij Jazenjuk, Alexander Turtschinow und Vitali Klitschko. „Ich bin mir zwar nicht sicher, ob wir Swoboda vertrauen können“, sagt Rabbi Bleich, „aber man muss versuchen, sie zu kontrollieren“. Die Meinung, dass die Revolution in Kiew maßgeblich von Rechtsradikalen vorangetrieben wurde, habe er bisher nur in russischen Medien gehört. Auf dem Kiewer Maidan sind ihm keine Fälle von Antisemitismus zu Ohren gekommen.

Das ist in anderen Landesteilen nicht überall der Fall. Zu Weihnachten habe es im westukrainischen Iwano-Frankiwsk eine Theateraufführung gegeben, in der Juden als „Zhid“ beschimpft wurden. „Das ist ein klarer Fall von Antisemitismus, das darf nicht sein“, sagt Bleich. Allerdings gäbe es diese traurigen Formen alltäglicher Diskriminierung nicht nur in der Ukraine und nicht erst seit dem Maidan.

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Vor Journalisten in New York sagte Bleich, die größte Bedrohung für die Juden in der Ukraine stellten nicht angebliche ukrainische Nationalisten, sondern russische Provokationen dar. „Wie erwarten, dass es Provokationen geben wird“, sagte der Oberrabbiner. In russischen Medien werde berichtet, dass ukrainische Nationalisten Synagogen angriffen, doch das stimme nicht. Nun fürchtet Bleich, dass sich Provokateure als ukrainische Nationalisten ausgeben und antisemitische Angriffe verüben könnten.

Jüdische Einrichtungen schützen

Auch im Ausland verfolgen jüdische Organisationen die Entwicklungen in der Ukraine derzeit mit großer Aufmerksamkeit und einer gewissen Sorge. Schon mehrfach waren Vertreter des Jüdischen Weltkongresses  in Kiew, um sich vor Ort und Stelle zu informieren. „Die Situation ist für uns allerdings völlig unübersichtlich und wird von Tag zu Tag unübersichtlicher“, sagt Maram Stern im Gespräch mit dem Tagesspiegel, der wie Zissels den WJC vertritt. Auch gebe es fast täglich neue, sich zum Teil widersprechende Informationen über mögliche Übergriffe auf die jüdische Gemeinschaft, betont der Vize-Generalsekretär des Jüdischen Weltkongresses.

Gerade mit Blick auf die schwierige, instabile Lage in der Ukraine fordert Stern die ukrainischen Behörden deshalb zu erhöhter Wachsamkeit auf. „Der Schutz jüdischer Einrichtungen hat Priorität und muss unter allen Umständen gewährleistet werden.“

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