• "Jüngste Bloggerin der Geschichte": Das Zurschaustellen der eigenen Kinder im Internet ist Missbrauch

"Jüngste Bloggerin der Geschichte" : Das Zurschaustellen der eigenen Kinder im Internet ist Missbrauch

Hunderttausende Erwachsene präsentieren im Internet Kinder in Blogs oder Videos, oft ist es der eigene Nachwuchs, der zur Schau gestellt wird. Das ist Missbrauch. Ein Kommentar.

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Die ersten Bilder? Ab damit ins Netz.
Die ersten Bilder? Ab damit ins Netz.Foto: dpa

Als Oskar Matzerath drei Jahre alt war, beschloss er, nicht mehr zu wachsen. Die berühmteste Figur, die Günter Grass der Nachwelt hinterlassen hat, ist ein freiwillig verzwergtes Kind, Oskar, der so schrille Schreie ausstößt, dass sogar Glas zerspringt. Gebannt verfolgten Millionen Leser und Kinogänger den Werdegang der Märchenfigur, deren Spielzeug, „Die Blechtrommel“, dem Roman seinen Titel lieh.
Auf ewig klein bleiben, niemals Verantwortung haben im Angesicht einer Welt voller Grauen, das war die Wunschfantasie.

„Ich blieb der Dreijährige, der Gnom, der Däumling, der nicht aufzustockende Dreikäsehoch“, ließ der Autor das Kind sagen, "der Dreijährige, aber auch Dreimalkluge, den die Erwachsenen alle überragten, der den Erwachsenen so überlegen sein sollte."

Oskar wird Mitglied einer Truppe Kleinwüchsiger, die vor Offizieren und Soldaten der Wehrmacht Varieté-Darbietungen zum Besten gibt, in Miniatur-Uniform gekleidet; der Hofzwerg eines Nazimärchens: dämonisch, niedlich, rätselhaft, komisch. Er ist die Erfindung eines Erwachsenen, der ihm seine Stimme injiziert.

Zwerg, Show und Schadenfreude

In vieler Hinsicht sind „Kinder“ die Erfindung Erwachsener geblieben. Im Zeitalter des weltweiten Netzes sind heute Hunderttausende Erwachsener die Produzenten der Repräsentationen von Kindern, oft ihrer eigenen. Dieser Tage wird das Phänomen der „jüngsten Bloggerin der Geschichte“ erkundet: Mariam, genannt Mimi, zwei Jahre alt. Ihre Eltern im niedersächsischen Delmenhorst haben für die Tochter ab dem Tag der Geburt einen Blog eingerichtet. „Mimi“ ist zu sehen, wie sie Kringel auf Papier kritzelt, Mängel auf dem Spielplatz mit ihrem Smartphone (!) ablichtet oder Tannenzapfen aufliest.

Auch die Zwergin „Mimi“ ist eine Erfindung Erwachsener. Und das Kleinkind ist ja keineswegs eine Bloggerin. Seine Eltern sind Blogger. Sie fügen den Bildern Kommentare in der ersten Person Singular hinzu: „Ein hübsches Einhorn-Pony. Ich wünsche mir alle 6 Ü-Ei Pony-Figuren. Die gibt’s im Überraschungsei für Mädchen.“

All das hört sich vielleicht harmlos an, oder auch nach Werbung. Juristen, Ärzte und Wissenschaftler geben zu bedenken, dass solche Bilder Folgen haben können. Der Berliner Kinder- und Jugendpsychiater Andreas Wiefel erklärt, man müsse sich hier die Frage stellen: „In wessen Interesse geschieht das?“ Im Phänomen der Internet-Tagebücher von Eltern, die teils bereits Neugeborene im Kreißsaal zeigen, sieht Stefan Aufenanger, der an der Uni Mainz zu Medienpädagogik forscht, eines der „Symptome der Selbstpräsentation“ in digitalen Medien.

Beliebt sind Aufnahmen von Kleinkindern und Schulkindern

Doch es geht noch um mehr. Denn besonders beliebt im Internet sind Aufnahmen von Kleinkindern und Kindern im Schulalter, die Erwachsene durch ihre Missgeschicke entzücken, etwa in dem Format „Upps – die Superpannenshow“. Für diese Show schicken Eltern Videos ihrer Kinder, wie sie von einer Treppe fallen, bei einem Sprung ausrutschen, panisch vor einem Hund flüchten, von einem Wasserstrahl umgeworfen werden und dergleichen. Für private Videos gibt es angeblich Honorare von zweihundert oder mehr Euro. Sender erklären, es handle sich bei solchen Formaten um „kinderaffines Erwachsenenprogramm“, also „Familienfernsehen“.

Auch wenn „the Schadenfreude“ typisch deutsch sein mag und als Wortimport in die angelsächsische Welt Einzug gehalten hat, gerade auf kindliche Pannen bezogen erweist sich das Phänomen als durchaus global.
Enorm ist die Resonanz auf die Darstellungen der Unglücke Unmündiger im Alltag auf YouTube. Dort wurde ein Video, das einen Zehnjährigen zeigt, der nach einer Betäubung beim Zahnarzt auf einem Autorücksitz taumelnd zu sich kommt – „David after dentist“ –, bisher nahezu 130 Millionen Mal angeklickt.

Frage nach dem Warum

Wie würde man es als Erwachsener finden, wenn solche Szenen aus der Kinderzeit von einem selber weltweit abrufbar wären? Wie könnten juristische Langzeitfolgen aussehen, wenn die unfreiwillig zu digitalen Hofzwergen Gemachten eines Tages Entschädigung verlangen, oder immerhin Erklärungen für solches Vorgehen Erwachsener gegen Kinder, das klar gegen Artikel 1 des Grundgesetzes verstoßen dürfte.

Eine Welt, in der eine Inflation kommerzieller Niedlichkeitssymbole einer Nachrichteninflation von Grausamkeiten gegenübersteht, nutzt „das Kind“ stellvertretend als lukrativen Blitzableiter. Es wird Zeit, in dieser Form des Entertainments den Missbrauch zu erkennen. Es wird zugleich Zeit, danach zu fragen, warum er passiert.


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