Kämpfe um das syrische Kusseir : Baschar al-Assad: "Schlacht der Entscheidung"

Syrische Regierungstruppen haben mit einem umfassenden Angriff auf die strategisch bedeutende Rebellenhochburg Kusseir begonnen. Die Zahl der Toten und Verletzten geht mittlerweile in die Hunderte, doch zurücktreten will Assad trotzdem nicht. Im Gegenteil - er hat andere Pläne.

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Der seit Monaten andauernde Bürgerkrieg in Syrien hinterlässt überall Verwüstung. Hier ein Bild aus der Stadt Deir al-Zor. Foto: Reuters
Der seit Monaten andauernde Bürgerkrieg in Syrien hinterlässt überall Verwüstung. Hier ein Bild aus der Stadt Deir al-Zor.Foto: Reuters

Baschar al-Assad spricht von der „Schlacht der Entscheidung", für die Aufständischen sind es „Schicksalsstunden für die Revolution“. Zwei Wochen vor der geplanten internationalen Syrien-Konferenz ist das Regime militärisch in die Offensive gegangen, während der Diktator einen Rücktritt erneut kategorisch von sich wies. Rund um die Uhr greift seine Armee seit dem Wochenende mit schwerer Artillerie, Hubschraubern und Kampfflugzeugen die strategisch wichtige Stadt Kusseir an, die nahe der Grenze zu Libanon liegt und sich in den letzten zwölf Monaten in der Hand der Aufständischen befand.

Nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte wurden bei den erbitterten Gefechten bisher mindestens zwei Dutzend Hisbollah-Kämpfer getötet und über hundert verletzt – die schwersten Verluste für die schiitische Kampforganisation seit dem Krieg gegen Israel im Jahre 2006. Die Zahl der toten und verletzten Zivilisten in Kusseir geht mittlerweile in die Hunderte. 25.000 Bewohner sind nach Angaben von lokalen Augenzeugen in dem heftigen Bombardement gefangen und können nicht fliehen.

Gleichzeitig schloss Präsident Baschar al-Assad in einem seiner seltenen Interviews, diesmal mit der argentinischen Zeitung „Clarin“, erneut einen Rücktritt aus. „Wir haben in den letzten Wochen wichtige Erfolge erzielt. Der Kampf ist lang, aber wir machen gute Fortschritte“, sagte er und verglich sich mit einem Kapitän auf hoher See. „Das Land befindet sich in einer Krise. Wenn ein Schiff in schweren Sturm gerät, haut der Kapitän nicht einfach ab, sondern versucht es, in einen sicheren Hafen zu steuern.“

Er werde bei den nächsten Präsidentschaftswahlen 2014 erneut als Kandidat antreten, bekräftigte Assad und fügte ironisch hinzu: „Ich weiß nicht, ob John Kerry und andere vom syrischen Volk das Mandat bekommen haben, in seinem Namen zu sprechen und zu erklären, wer abtreten muss und wer bleiben darf.“ Auf die Frage, ob er auch Kritik am eigenen Vorgehen habe, antwortete Assad: „Es ist unlogisch, Selbstkritik zu üben, bevor die Ereignisse zu einem Ende gekommen sind. Wenn Sie sich einen Film ansehen, fangen sie ja auch nicht mit der Kritik an, bevor Sie alles angeschaut haben.“

Freiheitskampf in Syrien
Blumenvase à la Kalaschnikow. Ein syrischer Kämpfer hat eine Blume in den Lauf seiner russischen AK-47 gesteckt. Foto: AFPAlle Bilder anzeigen
1 von 9Foto: AFP
10.05.2013 17:11Blumenvase à la Kalaschnikow. Ein syrischer Kämpfer hat eine Blume in den Lauf seiner russischen AK-47 gesteckt.

Eine libanesische Parlamentariergruppe, die kürzlich ebenfalls im Präsidentenpalast in Damaskus empfangen wurde, traf Assad in entspannter und zuversichtlicher Stimmung an. „Das Schlachtfeld wird entscheiden, wer stark ist, wenn er in Verhandlungen eintritt“, sagte der Diktator nach Darstellung der pro-syrischen Abgeordneten. „Amerika ist pragmatisch. Wenn sie merken, dass sie verloren haben und unsere Seite der Sieger ist, werden sie die Tatsachen akzeptieren.“

Mittlerweile scheint sich das Assad-Regime mit der faktischen Teilung des Landes abgefunden zu haben und konzentriert sich darauf, die Hauptstadt Damaskus sowie einen Korridor in der alawitischen Bergregion entlang der Mittelmeerküste militärisch zu befestigen. Anstrengungen der Armee, von sunnitischen Rebellen kontrollierte Gebiete im Norden und Osten des Landes zurückzuerobern, gibt es dagegen praktisch nicht mehr.

Für einen mit Damaskus zusammenhängenden Alawiten-Reststaat aber besitzt das Städtchen Kusseir zusammen mit der ebenfalls schwer umkämpften Stadt Homs eine Schlüsselstellung. Den Rebellen wiederum diente der grenznahe Ort bisher als zentrale Drehscheibe für Waffen, die aus dem Libanon hereingeschmuggelt werden. Nach Darstellung des staatlichen Fernsehens konnten die Assad-Truppen nach tagelangen Häuserkämpfen die Hälfte des Stadtgebietes unter ihre Kontrolle bringen einschließlich Rathaus und Rathausplatz.

Dagegen erklärten Rebellenaktivisten, ihre Kämpfer hätten die Offensive am Montag zurückgeschlagen. Die Regierungstruppen seien wieder an den Stadtrand zurückgedrängt, vier Panzer der Armee sowie fünf gepanzerte Fahrzeuge der Hisbollah zerstört worden. Die syrische Exil-Opposition will sich nächste Woche in Istanbul treffen, um ihre Haltung zu der geplanten Syrien-Konferenz festzulegen. Gleichzeitig muss die zerstrittene „Nationale Koalition“ einen neuen Vorsitzenden bestimmen, nachdem der gemäßigte sunnitische Geistliche Ahmed Moaz al-Khatib vor einigen Wochen zurückgetreten war.

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