Politik : Kämpfe zwischen Christen und Muslimen

Tote bei Ausschreitungen in Kairo / Kopten hatten gegen Anschlag auf eine Kirche demonstriert

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Protest der Minderheit. Vor dem Gebäude des ägyptischen Fernsehens in Kairo demonstrieren Christen für ihre Rechte. Foto: Mohamed Abd el Ghany/ Reuters
Protest der Minderheit. Vor dem Gebäude des ägyptischen Fernsehens in Kairo demonstrieren Christen für ihre Rechte. Foto: Mohamed...Foto: REUTERS

Bei schweren Ausschreitungen zwischen Christen und Muslimen im Armenviertel Moqattam am Stadtrand von Kairo sind nach Angaben des ägyptischen Gesundheitsministeriums mindestens 13 Menschen getötet und über 150 verletzt worden, fast alle durch Schüsse. Nach Angaben von Augenzeugen wollten etwa tausend Christen der Siedlung am Dienstagabend gegen die Brandstiftung einer koptischen Kirche in Helwan demonstrieren.

Dabei wurden sie von einem Mob muslimischer Männer angegriffen, die in das Viertel eindrangen, wo viele der Müllsammler von Kairo wohnen. Sie lieferten sich blutige Schlachten mit den Bewohnern und setzen Autos, Häuser und recycelten Abfall mit Molotow-Cocktails in Brand. „Es war die Hölle“, sagte Adham Refaat, Mitarbeiter der lokalen Sankt-Simon-Kirche. Die Armee habe stundenlang versucht, die Kämpfenden zu trennen – ohne Erfolg. Der Großscheich von Al Azhar, Ahmed al Tayyeb, verurteilte die Gewalt als „beispiellos in der arabisch-muslimischen Geschichte“ und sprach dem Bischof von Giza, Anba Theodesus, sein Mitgefühl aus. Papst Shemouda III., das greise Oberhaupt der koptischen Kirche, ist zurzeit in einem Krankenhaus in den USA in Behandlung.

Auch auf dem Tahrir-Platz im Zentrum von Kairo kam es am Mittwoch zu Gewalttaten, als Schläger mit Messern, Stöcken und Steinen auf Demonstranten losgingen, die erneut auf dem Platz ihre Zelte aufgeschlagen hatten. Die jungen Leute fordern unter anderem die Auflösung der Staatssicherheit, die während des Mubarak-Regimes für zahllose Fälle von Folter und Gewalt verantwortlich war.

Den Unruhen zwischen Christen und Muslimen war am Wochenende ein schwerer Zwischenfall vorausgegangen. In der Ortschaft Sol Atfih im Regierungsbezirk Helwan, südlich von Kairo hatten muslimische Täter die „Kirche der zwei Märtyrer“ angezündet. Ausgelöst wurden die Spannungen offenbar durch eine Fehde zwischen zwei Großfamilien, die eine Liebesbeziehung zwischen einem jungen Kopten und seiner muslimischen Freundin unterbinden wollten. Großscheich al-Tayyeb forderte die örtlichen Muslime auf, die Kirche wieder aufzubauen. Der Oberste Militärrat versprach den Christen, für den Neubau des Gotteshauses noch vor Ostern zu sorgen.

Bereits am Neujahrstag waren bei einem schweren Bombenanschlag auf die „Kirche der zwei Heiligen“ in Alexandria 23 Christen getötet und über 100 verletzt worden. Bis heute hat die ägyptische Polizei den Täter und seine Hintermänner nicht ermitteln können. Ende Oktober 2010 hatte Al Qaida im Irak der koptischen Kirchenführung ein Ultimatum gestellt. Die Terroristen verlangten, zwei angeblich zum Islam konvertierte und in einem Kloster gefangen gehaltene Frauen müssten freigelassen werden. Andernfalls seien alle Kopten für sie „legitime Ziele“. Ein Sprecher des Kirchenoberhauptes Shenouda III. wies dies zurück – die beiden Ehefrauen koptischer Priester seien weder zum Islam übergetreten noch halte man sie gegen ihren Willen fest. Anschließend war es nach Freitagsgebeten in Alexandria und Kairo wochenlang zu öffentlichen Verunglimpfungen des koptischen Papstes gekommen. Am Dienstag demonstrierten erstmals seit der Revolution wieder radikale, koranschwingende Salafiten auf dem Tahrir-Platz und forderten die Freilassung ihrer beiden „islamischen Schwestern“.

Die Kopten, die etwa zehn Prozent der Bevölkerung ausmachen, fühlen sich am Nil als Bürger zweiter Klasse. So wurden ihre Wünsche nach Änderungen in der Verfassung, über die am 19. März abgestimmt werden soll, von dem achtköpfigen Verfassungsrat ignoriert. Die Kopten wollen vor allem den Artikel 2 abgeschafft haben, der den Islam als Staatsreligion festlegt und die Scharia als Hauptquelle der Rechtssetzung. „Wir wollen keinen islamischen Staat, wir wollen einen zivilen, religiös neutralen Staat“, sagte Naguib Gobraiel, Professor für Internationales Recht und eine der wichtigsten koptischen Stimmen, dem Tagesspiegel.

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