Kairos Angst vor den Dschihadisten : Ägyptische Militärjets über dem libyschen Benhasi

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Rauchwolken über Benghasi.
Rauchwolken über Benghasi.Foto: Reuters

Rauchwolken stehen über der Stadt, Bewaffnete liefern sich heftige Gefechte in den Wohnstraßen, Hubschrauber kreisen über den Dächern, bisweilen röhren Kampfjets am Himmel. Seit Mitte letzter Woche toben in Benghasi die heftigsten Kämpfe seit dem Sturz von Diktator Muammar al Gaddafi. Mindestens 60 Menschen sind bereits gestorben, zwei Selbstmordattentate forderten weitere Opfer. Das gesamte öffentliche Leben in der einstigen Heldenstadt des Arabischen Frühlings in Libyen ist zum Erliegen gekommen, seit die international anerkannte Regierung unter Ministerpräsident Abdullah al Thinni mit Gewalt versucht, die Macht der islamistischen Brigaden zu brechen. Die USA und mehrere europäische Staaten, darunter auch Deutschland, appellierten dagegen an die Kontrahenten, die blutigen Kämpfe sofort zu beenden. Es gebe keine militärische Lösung für diese Krise, hieß es am Wochenende in einem gemeinsamen Memorandum.

Ein einstiger Regierungsgegner führt den Kampf gegen die Dschihadisten an

Treibende Kraft im Kampf gegen die Milizen von Ansar al Scharia ist Ex-General Khalifa Haftar, der bislang auf eigene Faust handelte und im Frühjahr sogar einen Staatsstreich versuchte. Diesmal jedoch agiert der 71-Jährige erstmals im Einklang mit der offiziellen politischen Führung, die sich im Osten Libyens nach Tobruk und Al Baida ins Quasi-Exil geflüchtet hat. „Die Operation steht unter dem Kommando der regulären Armee sowie unter der Kontrolle von Parlament und Regierung“, erklärte Premierminister al Thinni, der kurz zuvor von einem Besuch in Kairo zurückgekehrt war.

Denn vor allem Nachbar Ägypten will der wachsenden Anarchie bei seinem westlichen Nachbarn nicht länger zusehen. Bewohner von Benghasi berichteten, ägyptische Kampfjets seien an der Militäroffensive beteiligt. Andere Augenzeugen wollen ägyptische Seestreitkräfte vor der Küste ausgemacht haben. „Dies ist eine Schlacht für Ägypten nicht für Libyen“, zitierte die Nachrichtenagentur AP einen ungenannten Informanten aus Kairo. „Ägypten war das erste Land der Region, das vor dem Terrorismus gewarnt hat. Und Ägypten ist das erste Land, das ihn bekämpft.“ Der libysche Parlamentsabgeordnete Tareq al Jorushi, dessen Vater Luftwaffenchef ist, erklärte, die ägyptischen Jets seien „ausgeliehen“ und würden von libyschen Piloten geflogen. Einen ähnlichen Präzedenzfall hatte es bereits im August gegeben, als mehrere F-16 aus den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) Ziele in Tripolis angriffen, nachdem sie auf ägyptischen Militärbasen zwischengelandet und aufgetankt worden waren.

Ägypten möchte offiziell auf keinen Fall als Kriegspartei gelten

Die Vereinigten Staaten, die in der Mittelmeerregion über zahlreiche Horchposten verfügen, hüllen sich bisher in Schweigen. Umso heftiger dementierten in Kairo und wie aus einem Mund Präsident, Regierungschef sowie Außenminister. Ägypten möchte auf keinen Fall als aktive Kriegspartei in Erscheinung treten, auch wenn der starke Mann am Nil, Ex-Feldmarschall Abdel Fattah al Sissi, es am liebsten sähe, wenn Generalskollege Haftar den gesamte Osten Libyens unter seine Kontrolle brächte. Denn aus Sicht Ägyptens braut sich an der über 1000 Kilometer langen Grenze zu Libyen immer mehr Unheil zusammen. Radikale Gotteskrieger könnten das Staatsgebiet bald von zwei Fronten aus – Sinai und Libyen - in die Zange nehmen. Im Sommer attackierten Dschihadisten bereits einen Militärposten nahe der Oase Farafra und töteten 21 Soldaten. Zudem werden aus Libyen nach wie vor große Mengen an Waffen nach Ägypten geschmuggelt.

Anfang Oktober sperrte Kairo nun die beliebten Wüstengebiete in Richtung Libyen für alle Touristen, ein beispielloser Schritt, der zeigt, wie prekär die Führung die Lage mittlerweile einschätzt. Ab kommende Woche sollen Tagesausflüge wieder erlaubt werden, Übernachtungen in der Wüste jedoch bleiben bis auf weiteres strikt verboten. Denn die ägyptischen Sicherheitskräfte fürchten, radikale Islamisten könnten campierende Besucher in der Wüste kidnappen. Entführungen westlicher Ausländer im Saharagürtel sind für radikale Gruppen in den letzten Jahren zu einem immer lukrativeren Geschäft geworden. Das US-Finanzministerium schätzt, dass dadurch seit 2004 mindestens 140 Millionen Dollar in ihre Kriegskassen gespült worden sind.

 

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