Kampf gegen IS : Das kurdische Dilemma von Recep Tayyip Erdogan

Eine mutmaßliche IS-Granate verletzte Bewohner eines türkischem Dorfs. Präsident Erdogan hat für die in Kobane herrschende Kurdengruppe PYD eigentlich keine Sympathie. Doch er kann den IS auch nicht einfach gewähren lassen.

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Die Menschen auf der Flucht vor dem IS.
Die Menschen auf der Flucht vor dem IS.Foto: AFP

Die Schlacht um die nordsyrische Stadt Kobane an der Grenze zur Türkei wird für Ankara immer mehr zu einer Gefahr und einem politischen Problem. Am Sonntag schlug eine mutmaßlich vom „Islamischen Staat“ (IS) beim Angriff auf Kobane abgefeuerte Granate rund zwei Kilometer tief auf türkischem Territorium in einem Wohnhaus in dem Dorf Etmanek ein und verletzte mehrere Menschen. Die an der Grenze stationierte türkische Artillerie erwiderte das Feuer zunächst nicht.

IS-Truppen mit Panzern und Granatwerfern greifen Kobane seit rund drei Wochen an. Seit einigen Tagen erhalten die militärisch klar unterlegenen kurdischen Verteidiger erstmals Hilfe durch Luftangriffe der US-geführten internationalen Anti-IS-Koalition. Allein in der Nacht zum Sonntag flogen die alliierten Jets fünf Luftangriffe. Mehrere Panzer des IS sollen in den vergangenen Tagen zerstört worden sein. Die Dschihadisten setzten ihren Angriff am Sonntag dennoch fort.

Seit dem Beginn des IS-Angriffes auf Kobane sind bereits mehrmals Geschosse auf der türkischen Seite der Grenze eingeschlagen; teilweise sind die Panzer des IS von der Türkei aus mit bloßen Auge zu sehen. Für den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan stellt die Lage in Kobane ein Dilemma dar. Auf der einen Seite hat er keine Sympathien für die in Kobane herrschende Kurdengruppe PYD, einem Ableger der türkisch-kurdischen Rebellengruppe PKK. Am Wochenende bekräftigte Erdogan, er sehe keinen Unterschied zwischen dem IS und der PKK. Beide müssten bekämpft werden.

Helfen die Luftangriffe?

Auf der anderen Seite sieht sich Erdogan jedoch potenziell katastrophalen Folgen für die türkische Innenpolitik gegenüber, sollte Kobane an den IS fallen. Die PKK droht für diesen Fall mit dem Ende ihrer Friedensgespräche mit dem türkischen Staat und einer Wiederaufnahme des bewaffneten Kampfes gegen Ankara. Auf der türkischen Seite der Grenze liefern sich türkische Polizisten und PKK-Anhänger immer wieder heftige Straßenschlachten.

Einen Ausweg aus Erdogans Dilemma könnten die Luftangriffe von US-Kampfjets auf den IS in Kobane bieten. Gleichzeitig bemüht sich die türkische Regierung trotz des Misstrauens gegenüber der PYD um einen direkten Draht zu den Chefs der syrischen Kurden. PYD-Chef Salih Müslim sprach bei einem Besuch in Ankara mit Geheimdienstvertretern, wie die Presse meldete.

Wer ist Freund, wer Feind?

Offiziell wurde nichts zu den Ergebnissen der Beratungen mitgeteilt. Bei Müslims Treffen soll es um eine mögliche Hilfe für die Kurden in Kobane gegangen sein. Die Verteidiger der Stadt fordern vor allem Waffenlieferungen. Kurdenvertreter verlangen zudem, die türkischen Behörden sollten junge Kurden nicht mehr daran hindern, über die Grenze nach Kobane zu gehen, um sich dem Kampf gegen den IS anzuschließen.

Die Kurdenpolitikerin Selma Irmak erklärte, sie sehe Anzeichen für eine geänderte Haltung Ankaras der PYD gegenüber. Bisher werfen die Kurden der türkischen Regierung vor, insgeheim mit dem IS zu paktieren, um auf diese Weise die kurdische Autonomie in Nordsyrien zerschlagen zu lassen.

Die vertrackten militärischen und politischen Frontverläufe um Kobane zeigen die Schwierigkeiten im Kampf gegen den IS in Syrien – wo Freund und Feind nicht immer scharf zu trennen sind. Erdogan lieferte sich am Wochenende sogar ein Fernduell mit US-Vizepräsdent Joe Biden, obwohl die USA der bei weitem wichtigste Partner der Türkei sind. Biden sagte über Erdogan, dieser habe Gruppen wie den IS lange unterstützt, mittlerweile aber den Fehler eingesehen. Erdogan wies Bidens Äußerungen in scharfer Form zurück; später entschuldigte sich Biden beim türkischen Präsidenten.

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