Kampf gegen "Islamischen Staat" : PR-Mätzchen der Araber

Die „Koalition der Willigen“ im Kampf gegen den "Islamischen Staat" ist auf arabischer Seite ohnehin sehr klein - und wird bald zerfasern. Die Potentaten sind nicht bereit, sich mit den Wurzeln des IS-Terrors auseinander zu setzen. Ein Kommentar

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Wahrscheinlich ein Geistesblitz von britischen PR-Firmen, die im Ölsold des Golfstaates dessen Image glänzend machen: Die 35-Jährige Kampfpilotin aus den Vereinigten Arabischen Emiraten - eine Art Jeanne d’Arc der Lüfte.
Wahrscheinlich ein Geistesblitz von britischen PR-Firmen, die im Ölsold des Golfstaates dessen Image glänzend machen: Die...Foto: dpa

Wie immer bei Militäraktionen, an bombastischer Rhetorik gibt es keinen Mangel. US-Präsident Barack Obama propagiert einen Krieg gegen das Netzwerk des Todes. Sein Außenminister John Kerry beschwört einen weltweiten Kraftakt, um den Tumor des IS-Terrors auszumerzen. Seit einer Woche nun laufen die Luftangriffe gegen den „Islamischen Staat“ auf syrischem Boden. „Schulter an Schulter“ mit dabei, wie Obama betont, sind auch fünf arabische Staaten, während sich die übrigen drei Viertel wie gewohnt abseits halten. Diese schmale sunnitische „Koalition der Willigen“ soll den amerikanischen Angriffen Legitimität verleihen und der Kritik im Nahen Osten an neuerlichen westlichen Bomben auf arabische Muslime die Spitze nehmen.

Die existenzielle Krise wird mit PR-Aktionen übertüncht

Doch der Bündnisschwur der fünf Monarchen wird schon bald zerfasern. Alle Potentaten fühlen sich von der radikalen Dynamik in ihrer Region bedroht, keiner jedoch ist bereit, sich wirklich mit den Wurzeln des IS-Albtraums zu konfrontieren – der verrotteten arabischen Staatlichkeit, dem Fehlen vitaler Zivilgesellschaften sowie der mit Golf-Milliarden jahrzehntelang gesponserten radikal-islamischen Weltmission. Lieber wird die existentielle Tiefenkrise mit PR-Aktionen übertüncht. Die Vereinigten Arabischen Emirate, die jeden Internetkritiker des Emirs mit Gefängnis bedrohen und sich mit ihren Golf-Nachbarn beim Weltindex der Frauenförderung die allerletzten Plätze teilen, präsentieren ihre einzige Kampfpilotin als neue Ikone der Freiheit. Wahrscheinlich ein Geistesblitz von britischen PR-Firmen, die im Ölsold des Golfstaates dessen Image glänzend machen, fliegt die 35-Jährige seitdem als Jeanne d’Arc des Orients durch die Lüfte. Saudi-Arabien, wo Frauen noch nicht einmal Auto fahren dürfen, steuert als ritterlichen Freiheitskämpfer einen echten Fürsten bei, den Sohn des Kronprinzen, der jetzt angeblich ebenfalls über Syrien sein Vaterland verteidigt.


Anders als diese PR-Mätzchen jedoch sind die strategischen Militärziele der arabischen Koalitionäre in Syrien de facto unvereinbar. Jordanien fürchtet, bald das nächste Opfer der IS-Sturmtruppen zu sein, und versteht seine Lufteinsätze unmittelbar jenseits der Grenze als eine Art Vorneverteidigung. Das Königshaus weiß, dass es in der eigenen Bevölkerung Sympathien für die IS-Barbaren gibt. Zudem beherbergt Jordanien mehr als 1,5 Millionen syrische Flüchtlinge. Und so möchte Amman auf keinen Fall in Verbindung gebracht werden mit Luftschlägen auf Dörfer und Städte, bei denen auch noch Zivilisten sterben.
Katar wiederum, das bisher keinen einzigen seiner Mirage-Jets in die Luft gebracht hat, will sich vor allem selbst aus der Schusslinie der übrigen Golfstaaten bringen. Gegen den IS dagegen hat der superreiche Gas-Staat militärisch noch keinen Finger gerührt. Saudi-Arabien als Schwergewicht der gekrönten Allianz versteht, ähnlich wie Abu Dhabi und Bahrain, die Luftangriffe als Beginn des lange geforderten internationalen Eingreifens, um endlich das verhasste Iran-treue Regime von Baschar al Assad zu beseitigen. Die Saudis kalkulieren, dass die Vereinigten Staaten, die die Hauptlast der Militäreinsätze tragen, mit der Zeit ganz automatisch in Kämpfe mit Assads Verbänden verwickelt werden, sollte dessen Luftabwehr zum Beispiel einen US-Jet vom Himmel holen.

Washington ist an einem Sturz von Assad nicht mehr interessiert

Doch diese Rechnung könnte sich als Fehlkalkulation erweisen und die ungleichen Partner schon bald entzweien. Denn Washington ist strategisch nicht mehr an einem raschen und gewaltsamen Sturz von Assad interessiert. Auf syrischem Staatsgebiet ist die Armee des Diktators momentan die einzige Truppe, die den IS-Extremisten militärisch etwas entgegenzusetzen hat. Käme es dagegen zu einem von der „Koalition der Willigen“ herbeigebombten Kollaps des Damaskus-Regimes, wären radikale Islamisten die neuen Chaos-Herren im Land. Eine Bodenoffensive mit westlichen Soldaten in Syrien wäre dann wohl unvermeidlich. Und die Vereinigten Staaten müssten – zusammen mit ihren europäischen Verbündeten – zurück in den nahöstlichen Kriegssumpf.

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