Kampf um Kobane : Der IS und die Front-Frauen

Im Kampf um Kobane spielen Soldatinnen eine Hauptrolle, die kurdischen Verteidiger setzen auf sie. Nun hat auch der IS auf weibliche Kämpfer gesetzt.

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Gewehrsfrauen. Die kurdischen Peschmerga verlassen sich seit langem auf die Schlagkraft ihrer weiblichen Bataillone.
Gewehrsfrauen. Die kurdischen Peschmerga verlassen sich seit langem auf die Schlagkraft ihrer weiblichen Bataillone.Foto: Reuters

Anfang Oktober schien die Lage aussichtslos für die kurdischen Verteidiger der nordsyrischen Stadt Kobane. Die Kämpfer vom „Islamischen Staat“ (IS) rückten von drei Seiten auf die Stadt an der türkischen Grenze vor, brachten ihre Panzer an die Front. Nichts schien den IS aufhalten zu können. Seit diesen Tagen der Verzweiflung wird Dilar Gencxemis von den Kurden in Kobane als Heldin verehrt. Die junge Frau mischte sich unerkannt unter eine Gruppe von IS-Kämpfern und sprengte sich in die Luft.

Im Kampf um Kobane spielen Frauen eine Hauptrolle. Die kurdische Miliz YPG, ein Ableger der türkisch-kurdischen Rebellenorganisation PKK, setzt weibliche Kämpfer ein, die an vorderster Front mitkämpfen. Ihre Chefin Mayssa Abdo, die den Kampfnamen Narin Afrin wählte, kommandiert mit ihrem Kollegen Mahmut Barkhodan die YPG-Einheiten. Mehrere hundert Frauen sollen aufseiten der Kurdenmiliz kämpfen.

Bei der PKK hat der Einsatz von Frauen Tradition. Die Rebellenorganisation schrieb sich bei ihrer Gründung Ende der 1970er Jahre den Kampf gegen das im türkischen Kurdengebiet herrschende Feudalsystem auf die Fahnen. Die Befreiung der Frau aus ihrer traditionell untergeordneten Rolle in der südostanatolischen Gesellschaft gehörte zu den ideologischen Bekenntnissen der Rebellen und spielt bis heute in der Propaganda der PKK eine wichtige Rolle. Selbst Ausländerinnen wurden eingesetzt. So schloss sich die Münchnerin Andrea Wolf der PKK an und wurde im Oktober 1998 bei einem Gefecht mit der türkischen Armee getötet.

Männer und Frauen werden bei der PKK streng getrennt, Liebschaften oder gar Ehen sind in der stalinistisch organisierten Rebellengruppe verboten. Obwohl die PKK Gleichberechtigung propagiert, ist die engere Führung ein reiner Männerclub. Der seit 1999 inhaftierte PKK-Chef Abdullah Öcalan wird von männlichen Kommandeuren wie Cemil Bayik oder Murat Karayilan vertreten.

Die Kämpferinnen haben die Ketten gesprengt

Als die mit der PKK verbündete Kurdenpartei PYD in den vergangenen Jahren in Nordsyrien im Vakuum des Bürgerkrieges eine Selbstverwaltung aufbaute, achtete sie darauf, dass Frauen unterstützt wurden. Vorher seien viele Frauen in Nordsyrien entrechtet gewesen, berichteten kurdisch-syrische Frauen bei einem Besuch in der Türkei Anfang des Jahres. Doch damit sei es vorbei: „Die Frauen von Rojava haben ihre Ketten gesprengt.“ Solche Beschreibungen dienten vor allem der Propaganda des PKK-Ablegers PYD, doch eine Aufwertung der Frauenrolle in „Rojava“ gab es tatsächlich.

Auch die Peschmerga, die Streitkräfte des Autonomiegebietes, haben Frauen unter Waffen. Beim Kampf gegen den IS sind die weiblichen Bataillone von PKK und Peschmerga besonders motiviert. Die Dschihadisten bedrohten damals die nordirakische Stadt Erbil, und die Berichte über Massenvergewaltigungen und die Versklavung von Frauen verbreiteten in der Region Angst und Wut – die Misshandlung von Frauen hat den Ruf des IS als brutalste Terrororganisation der Moderne im Ausland entscheidend mitgeprägt.

Im US-Magazin „Foreign Policy“ verhöhnte eine Kurdin nach einem Gefecht die Terrormiliz. „Sie kämpften die meiste Zeit aus sicherer Distanz mit Granaten und Artillerie“, sagte sie. Gemäß Angaben aus kurdischen Quellen scheuen die IS-Kämpfer häufig Gefechte gegen Frauen, weil sie angeblich glauben, dass ein von einer Frau getöteter Mann nicht als Märtyrer ins Paradies kommt.

Nach den Kämpfen im Sommer wurden Berichte über Sklavenmärkte für Frauen in den Machtbereichen des IS in Syrien und im Irak bekannt. Damals wurden angeblich mehrere hundert Frauen der religiösen Minderheit der Jesiden von den IS-Kämpfern verschleppt. Frauen, die in der IS-Gefangenschaft den Islam annehmen, werden demnach für Preise zwischen umgerechnet 20 und 120 Euro verkauft. Gefangene, die sich weigern, zum Islam überzutreten, werden vergewaltigt und getötet.

Nun gibt es offenbar auch Einheiten weiblicher Kämpfer in den Reihen des IS. Die YPG-Miliz in Kobane berichtete am Freitag, die Dschihadisten hätten eine Fraueneinheit nach Kobane verlegt. Sie würden meistens als Selbstmordattentäterinnen eingesetzt, hieß es.

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