Politik : „Kann ich mal bitte einfach . . .“

In den Elefantenrunden der 70er, 80er Jahre waren die TV-Kulissen ernst, die Moderatoren dezent und die Politikergäste aggressiv. Seit 2002 ist das vorbei. Daran ändert kein Ernst der Lage etwas.

von
1976
1976Foto: Wolfgang Steche / VISUM

Sie haben Probanden eingeladen, ihnen die Messgeräte in die Hand gedrückt und darauf herumregeln lassen, während die Sendung lief. Sie sind Wissenschaftler, und sie wollten sekundengenau erfassen, wer wen wann wie fand.

Die Messungen ergaben beispielsweise für 2005, dass Gerhard Schröder gut ankam mit seiner Selbstbeschreibung als Kämpfer, „wissen Sie, ich hab noch nie vor der Zeit aufgegeben“, sagte er, er tue das auch diesmal nicht. Und Angela Merkel gefiel vor allem, als es um ihre ablehnende Haltung zu einem EU-Beitritt der Türkei ging.

20 Millionen Menschen sahen am 4. September die Sendung „TV-Duell“. Es waren noch zwei Wochen bis zu den Bundestagswahlen, und 25 Prozent der Wahlberechtigten waren unschlüssig, wen sie als nächsten Kanzler haben wollten. Wieder Schröder, den SPD-Mann, der mit den Grünen regiert hatte, oder Merkel, die Gegenkandidatin der Union?

Die Wissenschaft war 2005 schon einigermaßen weit in der Analyse des Verhältnisses von Politik und Medien, vor allem: von Politik und Fernsehen. Sie war auch erfahren in der sekundengenauen Auswertung von Zuschauerreaktionen auf solche Duelle. Einer, der daran nicht wenig Anteil hat, ist Josef Klein, ein Rheinländer in Berlin, emeritierter Professor, Jahrgang 1945. Er hat auch Kenntnis von den Anfängen der Verfernseherisierung, der Verunterhaltsamisierung der Politik, die im Wahljahr 2013 ihren vorläufigen Höhepunkt finden soll, wenn der Spielshow-Moderator, Fernsehmacher und Entertainer Stefan Raab in das Team vorrückt, das den Wahlkampfschlagabtausch moderiert.

Vor Klein auf dem Tisch in einem Berliner Restaurant liegt ein Buch. Das Buch ist im Handel nicht mehr erhältlich, weil vergriffen. Klein hat es, weil er der Autor ist. Es heißt: „Elefantenrunden. Drei Tage vor der Wahl“. Das Exemplar vor ihm ist markiert mit Jahreskennungen. 72. 76. 80. 83. 87. Fünf Bundestagswahlkämpfe. Fünf Elefantenrunden. Dokumentiert in diesem Buch. Wort für Wort. In der letzten jener Runden kamen Kleins erste Erkenntnisse bereits vor.

Klein, ein feiner, grau-braun gekleideter Herr, schlägt sein Buch relativ weit hinten auf und verliest ein Wortscharmützel, das sich 1987 zwischen Franz-Josef Strauß und Jutta Ditfurth von den damals neuen Grünen entspann, nachdem die den CSU-Chef einen „der besten Vertreter der Interessen der Atomenergie international“ genannt hatte.

Strauß: Solche Beleidigungen verbitte ich mir. Ich bin ein Politiker, der deutsche Interessen vertritt, . . .

Ditfurth: Herr Strauß, Herr Strauß, bollern Sie nicht so rum.

Strauß: . . . aber nicht industrielle Interessen vertritt. Dieses unterschwellige Geschwätz ...

Ditfurth: Herr Strauß . . .

Strauß: . . . kenne ich schon.

Ditfurth: . . . bollern Sie nicht.

Strauß: Sie können mich gar nicht, Sie können mich gar nicht provozieren.

Ditfurth: Es ist gar nicht unterschwellig.(. . .)

Strauß: Aber aber . . .

Ditfurth: Es geht doch gar nicht . . .

Strauß: . . . aber unterlassen Sie bitte Ihre Unverschämtheiten.

Nun mischt sich einer der Moderatoren in den Disput ein, Reinhard Appel, Chefredakteur, ZDF.

Appel: Also, es wäre ja schade, Frau Ditfurth . . .

Ditfurth: Kann ich mal bitte einfach den Satz zu Ende . . .

Appel: Ja, ne, Sie müssen sich schon von der Gesprächsleitung gefallen lassen, . . .

Ditfurth: Ich möchte . . .

Appel: . . . darauf aufmerksam gemacht zu werden . . .

Ditfurth: Entschuldigung, die Gesprächsleitung kann mir nicht vorschreiben, welche Argumente ich bringe.

Appel: Nein, aber sie kann dafür sorgen, dass hier ein Informationsgespräch geführt wird.

Ditfurth: Ja.

Appel: Und nicht Polemik. Mein Kollege hat vorhin darauf hingewiesen, . . .

Ditfurth: Ja.

Appel: . . . wie sehr Polemik abstoßend wirkt.

Ditfurth: Ja.

Klein klappt das Buch zu und blickt auf. Der Hinweis auf die abstoßende Polemik war von ihm. Den hatte er kurz vor der Sendung in die Moderatoren eingespeist, und die hatten davon die Gäste ihrer Elefantenrunde in Kenntnis gesetzt.

Basis von Kleins Erkenntnis waren ebenfalls Probanden, die ebenfalls mit Messgeräten ausgestattet politische Dispute im Fernsehen verfolgt hatten. Das Messgerät hatte ein Plus-, ein Minus- und ein Neutralfeld, das konnte jeweils angesteuert werden, während die Politiker sprachen. Nach Ende der Sendung wurden die Probanden zu ihren Einschätzungen befragt. Die Fernsehdispute fanden damals, es waren die 80er Jahre, im Rahmen von Sendungen wie „Journalisten fragen – Politiker antworten“, „Bonner Runde“, „Schlag auf Schlag“ statt oder eben bei Wahlkampfsendungen wie „Drei Tage vor der Wahl“. Alle wurden sie für den Zuschauer geführt, aber wie der auf das Dargebotene unmittelbar reagierte, war lange Zeit nicht untersucht worden. Das änderte erst Kleins Methodik, und es stellte sich heraus, dass der Zuschauer gerne sachlich und richtig informiert werden wollte. Er wollte kein Gezänk anschauen müssen und erfreute sich auch nicht an Beleidigungen oder dreisten Zwischenreden.

Klein grinst ein bisschen. Im Nachhinein habe er sich gedacht, dass die Probanden vielleicht doch etwas geschwindelt hätten. „Ein bisschen Trouble wollten die schon“, sagt er. Der ergab sich nicht jedes Mal aus den Debattenpunkten. Aber als die Grünen 1987 erstmals zur Elefantenrunde geladen waren, stritt die Bundesrepublik gerade wieder über ein kontroverses Themenfeld: Atomkraft, die Umwelt, saurer Regen, Tschernobyl. Es gab eine Angst um die Zukunft der Welt. Angst hatte auch in den 70er Jahren die Wahlkämpfer befeuert, als es um die Ostpolitik ging, um das Verhältnis zur DDR. Um den Schießbefehl an der Mauer und Feuerschutz für flüchtende DDR-Bürger. Es gab die Angst vor dem Kommunismus bei den einen und eine empörte Wut über ein mögliches Überleben des Faschismus bei den anderen. Es waren große Themen, man war entweder dafür oder dagegen, die Positionen waren unversöhnlich.

„Sie müssen sich das vorstellen“, sagt Josef Klein, der bis 1979 CDU-Mitglied und von 1972 bis 1976 Bundestagsabgeordneter war, „es gab da Gefühle wie Hass.“

Die zweite Debatte aus seinem Buch: 30. September 1976, Beginn 20 Uhr 15. Die Sendung wird zeitgleich auf ARD und ZDF gezeigt, wer an jenem Abend etwas anderes sehen will als streitende Politiker, der muss sein regionales Drittes Programm einschalten. Die vier Gäste im Bonner ARD-Studio sind Helmut Schmidt, SPD-Bundeskanzler seit 1972. Helmut Kohl, CDU-Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz und Kanzlerkandidat. Franz-Josef Strauß, Vorsitzender der CSU, und Hans-Dietrich Genscher, Vorsitzender der FPD und Bundesaußenminister. Die vier Herren sprechen in deutlichen Worten miteinander, man könnte sagen, sie schnauzen sich an. Sie sagen Sätze wie: „Was geht eigentlich in Ihrem Kopf vor? Wer sind Sie denn? Wer sind Sie?“ (Kohl zu Schmidt).

Oder: „Sie wollen doch beleidigen.“ (Schmidt zu Kohl).

Oder: „Manchmal habe ich ja wirklich Sorge über Ihren Zustand.“ (Strauß zu Schmidt).

Oder: „Es tut mir leid, dass ich in einer nächtlichen Stunde gegenüber einem amtierenden Regierungschef in diesem Ton und in diesem Inhalt reden muss, aber ich muss Ihnen wirklich sagen, das Maß ist voll.“ (Kohl zu Schmidt).

Mit Kleins Textdokumentation lassen sich die Fernsehbilder von damals verknüpfen. Bilder von einem Fernsehstudio, in dem rauchende Männer hinter schmalen, im Halbrund arrangierten Tischen sitzend in der Regel nacheinander reden. Manchmal auch gleichzeitig, wenn sie einander unterbrechen und ins Wort fallen. Die Studiokulisse ist so pechschwarz wie der gebotene Ernst.

Zeitlich läuft die Sendung 1976 völlig aus dem Ruder und dauert fast bis Mitternacht, was die Moderatoren zu mehrfachen Entschuldigungen beim Fernsehpublikum und Ermahnungen an die Gäste („Meine Herren, nehmen Sie doch Rücksicht auf unsere Zuschauer“) bewegt. Aber die Herren nehmen keine Rücksicht. Dazu ist so kurz vor der Wahl keine Zeit.

Die Progammplaner hatten kein Ende der Sendung festgelegt, Klein sagt: „Die Politiker hatten da das Sagen“, was sich im Vorwort seines Buches so liest: „Für die Spitzenpolitiker ist ,Drei Tage vor der Wahl’ die letzte und einmalige Gelegenheit, die Unentschlossenen und Halbentschlossenen . . . zu erreichen, und das in einem Moment, wo das Wahlfieber . . . am höchsten steigt und ein Maximum an Interesse für die Wahl vorhanden ist.“ Die Einschaltquote lag 1976 bei 54 Prozent (nach 58 Prozent bei der Wahlsendung im Jahr 1972), neun Prozent der Wahlberechtigten waren unentschieden.

Einschaltquoten, Parteizugehörigkeiten, politische Entschiedenheiten sanken in den Folgejahren kontinuierlich. Themen, mit denen Wahlkampf gemacht wurde, verloren an weltgeschichtlicher Dramatik, und bei den großen Problemlagen – Globalisierung, Euro-Rettung – war man parteiübergreifend meist ähnlicher Meinung, von Unversöhnlichkeiten kaum noch Spuren. Das Fernsehen dagegen wurde immer wichtiger. Es wurde zum lebensbegleitenden Hauptmedium der Menschen schlechthin. Immer neue Kanäle, immer neue Sendungen, immer neue Formate. Der Beruf des Talkers kam auf, des Talkshowmoderators, der Talkshowmoderatorin. Klein nennt sie „Dompteure“, die ihre Gäste gut präsentieren wollen, sie mal locken, mal provozieren, mal zurechtweisen. Diese Talker haben seit 2002 mehr oder weniger die Moderation der Elefantenrunden übernommen, die jetzt nur noch Aufeinandertreffen der zwei Kanzlerkandidaten waren. Schröder – Stoiber (2002). Schröder – Merkel (2005). Merkel – Steinmeier (2009). Die lange Pause seit 1987 hat Helmut Kohl verursacht, der es, einmal Kanzler geworden, ablehnte, an den Sendungen weiterhin teilzunehmen.

Mit der neuen Duellform kamen Vorschriften für Antwortlängen auf, für Ersteinlassungen und Nachreden, für Themenkomplexdauern, dafür, wie lange die Kontrahenten im Bild sein sollen, von wo und von wo nicht (von hinten) sie gefilmt werden dürfen. Die Studios sind jetzt hell, die Moderatoren sitzen hinter technisch hochgerüsteten Kommandotischen, als seien sie Richter, die Kandidaten stehen zwei, drei Meter voneinander entfernt hinter Pulten, als seien sie zum Verhör einbestellt. Gleichzeitig erweiterte sich das dem öffentlichen Diskurs zugrunde liegende, wenn auch ungeschriebene Buch der unmöglichen oder auch verbotenen Formulierungen, der politischen Unkorrektheiten. Und so werden heute bei gesunkener Strittigkeit der Themen immer zuspitzungsunwilligere Politiker von immer konfrontativeren Moderatoren nach sehr strengen Regularien befragt. 2005 verfransten sich Schröder und Merkel vor laufender Kamera in Details zur Ökosteuerausgestaltung, so dass der emotionalste Moment gekommen schien, als einer der Moderatoren sich nach einer längeren Fragerunde über den Finanzexperten Paul Kirchhof an Merkel wandte mit den Worten: „Trotzdem noch mal bei Ihnen nachgefragt, Frau Kirchhof . . .“ – und sich danach entgeistert an den Kopf griff.

Andererseits wollen die Zuschauer ja, dass das Polemische bitte schön unterbleibt. Aber zufrieden waren sie mit den straff geführten Rededuellen auch nicht. Für Josef Klein ist das kein Widerspruch. Weil Polemik etwas anderes ist als Unterhaltsamkeit. Eine informative Sendung kann unterhaltsam sein, wenn ein Maß an An- und Entspannung vorkommt. Das fehle aber, jeder – die Moderatoren eingeschlossen – wolle vor allem alles richtig machen. Das sei alles sehr weit entfernt von dem „lebendigen Gespräch“, wie Klein die Atmosphäre der früheren Elefantenrunden nennt.

Die Moderatoren damals waren gewichtige Fernsehjournalisten ihrer Zeit. Meist der Chefredakteur des ZDF und ein Programmkoordinator der ARD. Journalisten, die fast nie im Fernsehen zu sehen waren, es sei denn, sie kommentierten ein außergewöhnliches politisches Ereignis. Nun saßen sie da als Randfiguren im Gespräch der Politiker, das sich unter ihrer Aufsicht als nahezu ungebremstes Aufeinanderprallen der politischen Tiere kurz vor dem Höhepunkt ihres Machtkampfes entfalten sollte. Es waren Sendungen, die Sätze wie diesen möglich machten: „Jetzt ist die Stunde, wo Sie ein ehrliches Manneswort sagen sollten, dass diese Ungeheuerlichkeit aufhört, dass es bei dieser Wahl nicht um Krieg oder Frieden geht, sondern um den besten Weg für die Zukunft unseres Vaterlandes.“ (1980, Kohl zu Schmidt).

Josef Klein hat sein Buch jetzt weiter vorne aufgeschlagen. Da geht es um die Geschichte der Politrunden, die historische Dimension. Es geht um Kennedy und Nixon, 1960. Nixon muss sein Präsidentenamt gegen den jugendlichen Demokraten verteidigen. Im Studio von CBS. Nixon, gerade von einer Krankheit genesen, ist blass, abgemagert, ein Bartschatten verdunkelt sein Kinn. Kennedy, braun gebrannt und kraftstrotzend, lässt sich nicht schminken, Nixon tut es ihm gleich – und verliert das Duell krachend.

Darin lag natürlich bereits eine Warnung an alle, die diesen Weg zum Wähler beschreiten wollten.

Als 1969 in Deutschland erstmals über ein ähnliches Format diskutiert wurde, lehnte der Amtsinhaber, CDU-Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger, der durch Willy Brandt herausgefordert wurde, das Ansinnen ab. Seinen Sprecher ließ er einer Zeitung ausrichten: „ Es steht einem Kanzler der Bundesrepublik nicht gut an, sich auf ein Stühlchen zu setzen und zu warten, bis ihm das Wort erteilt wird.“ Aber er kam damit nicht durch. Die 68er Studentenbewegung war im Gange, da war mit diesem Amtsdünkel nichts mehr zu holen. Oder wie Josef Klein es darstellt: „Die Kategorien, in denen eine durchgehaltene Weigerung vornehmlich gedeutet werden würde, wären nicht ,Verantwortung’ und ,Autorität’ gewesen, sondern ,Feigheit’ und ,Kneifen’.“

Klein lacht, wenn er dabei an heute denkt. An die anfängliche Weigerung von Peer Steinbrück, sich im Kanzlerduell von Stefan Raab befragen zu lassen, woraufhin die Frage nach dem Moderator – obschon von keiner weiterreichenden Relevanz für das politische Geschäft – zu einem heiß diskutierten Politikum wurde. Ganz so, als sollte bewiesen werden, wie sehr ein Sendeformat an sein Ende gekommen ist.

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