Kanzlerkandidat der SPD : Was macht Martin Schulz so beliebt?

Martin Schulz belebt seine SPD, die in Umfragen die Union überflügelt. Was macht diesen Mann so beliebt? Fragen und Antworten zum Thema.

SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz.
SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz.Foto: dpa

Vier Wochen nach der Ausrufung von Martin Schulz zum Kanzlerkandidaten verbreitet die SPD Aufbruchstimmung und kann in Umfragen weiter zulegen. Im „ARD-Deutschlandtrend“ von Infratest liegt die Partei erstmals seit Oktober 2006 wieder vor der Union. Die Sozialdemokraten gewannen im Vergleich zu Anfang Februar vier Prozentpunkte hinzu und kommen auf 32 Prozent. CDU und CSU erreichen 31 Prozent (minus drei Punkte). Bei der Direktwahl liegt Schulz mit 50 Prozent sogar weit vor Kanzlerin Angela Merkel (34). Die Bundeszentrale der SPD und die Landesverbände freuen sich derweil über Tausende neue Mitglieder. Was sich vor dem 24. Januar, dem Tag des Verzichts von Noch-Parteichef Sigmar Gabriel auf die Kanzlerkandidatur, kaum einer vorstellen konnte, ist eingetreten: Es ist wieder cool, Sozialdemokrat zu sein, auch bei jungen Menschen.

Warum wirkt Schulz neu, obwohl er schon lange Politik macht?

Schulz selbst weist gern darauf hin, dass er dem SPD-Präsidium schon länger angehört als jedes andere Mitglied des Gremiums. Trotzdem gilt er nun als unverbrauchtes Gesicht und als jemand, der frischen Wind in die Bundespolitik bringt - eine Art „Bernie-Sanders-Effekt“ in Deutschland (Sanders war der demokratische Mitbewerber von Hillary Clinton im US–Wahlkampf, der vor allem junge Leute begeisterte). Als erfahrener Politiker pflegt der Ex-EU-Parlamentspräsident das Bild des Außenseiters wohl bewusst. Aber sein Lebensweg ist tatsächlich ungewöhnlich und verbürgt das sozialdemokratische Versprechen des Aufstiegs von unten. Ohne Studium arbeitete er sich nach oben, überwand nach schwieriger Jugend seine Alkoholsucht. Beglaubigt wird seine Volksnähe durch seinen ausgeprägten rheinischen Singsang.

Wie erklärt sich der Erfolg von Schulz?

Es gibt nicht den einen Grund, der den Schulz-„Hype“ verständlich macht. Der 61-jährige Sozialdemokrat agiert als leidenschaftlicher Politiker, ist rhetorisch beschlagen und kann seine Zuhörer mit Pathos in den Bann schlagen. Eine seiner Stärken: Über das Leben von Menschen redet er nicht aus der Perspektive eines Politikmanagers, sondern mit Beispielen aus deren eigener Erfahrung.

Womöglich spielt auch die weltpolitische Lage eine wichtige Rolle: Angesichts des Wahlsiegs von Donald Trump, des Brexits und eines möglichen Siegs des Front National bei den Präsidentenwahlen in Frankreich wird vielen Deutschen der Wert der Europäischen Union neu bewusst, für die Schulz als Präsident des Europäischen Parlamentes gestritten hat und weiter streitet. Die EU erscheint vielen nicht mehr nur als bürokratischer Apparat – sondern als bedrohtes Phänomen, mit dem sich Hoffnungen verbinden.

Schließlich ist das Image vom Hoffnungsträger, der die politischen Verhältnisse umstürzt, nicht ohne die Amtsinhaberin erklärbar: Der Kandidat lässt die Schwächen Angela Merkels hervortreten – sie wirkt nun verbraucht. Der Wahlkampf werde ideologischer, auch strittiger und emotionaler, meint der Duisburger Politikwissenschaftler Hans- Rudolf Korte: „Genau das kann Merkel nicht wirklich gut.“

Warum weckt Schulz mehr Hoffnungen als Gabriel?

In siebeneinhalb Jahren an der Spitze hatte Gabriel mit jedem Flügel seiner Partei Kämpfe ausfechten müssen – viele klagten über seine Sprunghaftigkeit. Die Wähler trauten ihm laut Umfragen wenig zu. „Gabriel war als SPD-Chef durch seine Funktionen als Wirtschaftsminister und Vizekanzler gebunden, deshalb wirkte seine Politik oft widersprüchlich“, sagt Parteienforscher Hajo Funke. Schulz genieße dagegen „eine viel größere Beinfreiheit“, weil er der schwarz-roten Regierung nicht angehöre. Und es gelinge ihm anders als Gabriel, die Flügel und Interessengruppen der SPD hinter sich zu sammeln.

Für welche Inhalte steht er?

„Zeit für Gerechtigkeit“ ist das Wahlkampfmotto von Schulz – und offenbar verknüpfen auch viele Menschen, die von der SPD in den vergangenen Jahren enttäuscht waren, aber an deren historische Mission glauben, damit Hoffnungen. „Der designierte Kandidat bringt die Sozialdemokratie zu ihrer sozialen Demokratiepolitik zurück“, urteilt Parteienforscher Funke. Schulz könne das Versprechen der sozialen Gerechtigkeit offenbar glaubwürdig besetzen: „Weit stärker als andere SPD-Führungsfiguren hat er das Tabu Agenda 2010 aufgebrochen.“ Tatsächlich hatte Schulz am Montag in einer programmatischen Rede in Bielefeld angekündigt, er wolle die „sachgrundlose Befristung“ von Arbeitsverhältnissen abschaffen. Zudem machte er deutlich, dass er die Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes I für Ältere nicht für gerecht hält.

Konkrete Änderungsvorschläge hat Schulz noch keine gemacht – er setzt aber ein Signal der Distanz, das laut Umfragen zwei Drittel der Deutschen gutheißen. Auch in vielen anderen Politikfeldern hat der designierte Kandidat seine eigenen Vorstellungen noch nicht ausbuchstabiert – etwa in der Renten-, in der Innen- oder in der Steuerpolitik. Womöglich hat das für ihn Vorteile: Seine programmatische Offenheit macht ihn zu einer Projektionsfläche für die Wünsche vieler.

Operiert Schulz mit falschen Zahlen?

Das werfen Arbeitnehmer und Union ihm vor, manche sprechen von „fake news“. In der Altersgruppe zwischen 25 und 35 Jahren hätten knapp 40 Prozent befristete Arbeitsverträge, hatte Schulz erklärt. Tatsächlich waren es 2015 nur knapp 18 Prozent. Bei der Übermittlung von Zahlen aus dem Bundesarbeitsministerium sei ein Fehler passiert, sagt die SPD dazu. Das Ministerium wiederum erklärt, jeder könne von ihm Informationen bekommen. Ein Indiz, dass Schulz und seine Helfer bewusst eine Unwahrheit in die Welt setzten, gibt es nicht. Und in der Tendenz hat der Kandidat recht: Laut statistischem Bundesamt ist die Zahl bei Jüngeren überdurchschnittlich hoch und steigt weiter. Der Politikberater Klaus-Peter Schmidt-Deguelle rät Schulz dringend, nicht mit falschen Zahlen zu argumentieren: „Das Schlimmste was passieren könne, wäre, wenn er in eine Reihe mit Donald Trump und Geert Wilders gestellt würde.“

Kostet Schulz die AfD Stimmen?

Das glaubt zumindest Hajo Funke. Lange rangierte die AfD weit über zehn Prozent, nun liegt sie nur noch bei acht bis elf. Schulz sei „ein Faktor für die Schwächung der AfD, aber keineswegs der einzige“, sagt der Parteienforscher. Der neue SPD-Kandidat überzeuge vor allem bisherige Nichtwähler, die sich in Umfragen zur AfD bekennen würden. „Darunter sind Menschen, die sich abgehängt fühlen, aus sozialem Protest AfD gewählt haben“, sagt Funke: „Mit Martin Schulz erleben sie nun eine neue SPD, die ihnen nicht mehr so hartherzig erscheint wie die Agenda-SPD.“

Spiegelt sich der Schulz-Effekt auch in den Sozialen Netzwerken wider?

Ja. Schulz gehört zu den Politikern, die schon sehr früh vor allem Twitter als Kommunikationsplattform für sich entdeckt haben. Er ist seit 2008 und kommuniziert regelmäßig über diesen Kanal. Die Zahl seiner Follower konnte Schulz seit seiner Kandidatur deutlich erhöhen auf 353000. Derzeit nutzt er den Kanal allerdings hauptsächlich zur Verbreitung seiner Botschaften, selten nur zur Diskussion. Auch auf Facebook machte er einen großen Sprung und kommt auf 292439 Likes. Das sind sogar 100000 mehr als Frauke Petry hat. Bisher lagen CDU- und SPD-Politiker mitAusnahme von Angela Merkel deutlich hinter der AfD-Politikerin.

Martin Fuchs, Politikberater und Blogger, meint, Schulz und sein Team machten viel richtig. „Das Wachstum wird sicher nicht immer so weitergehen“, aber die Themen und Formulierungen passten zum Kandidaten und bauten sein Image gut auf. „Er ist nicht der Typ für direkte Interaktionen“, so Fuchs, das sei aber nicht problematisch – von einem Kanzlerkandidaten erwarteten viele gar nicht, dass er sich persönlich durch alle Kommentare lese und mitdiskutiere.

Wie belastbar und dauerhaft sind die guten SPD-Umfragewerte?

Schmidt-Deguelle sagt: „Das ist die 100000-Euro-Frage. Wenn man genau wüsste, woran es liegt, könnte man mit dem Wissen gute Geschäfte machen." Es gebe keine monokausale Ursache: „Der Dampfkessel ist offen und viele SPD-Mitglieder glauben jetzt, dass sich etwas ändern könnte.“ In der SPD selbst wird damit gerechnet, dass die guten Werte wieder nachgeben könnten, etwa wenn Schulz mit konkreten inhaltlichen Festlegungen Erwartungen enttäuschen könnte. Und die Volatilität in der Wählerschaft habe extrem zugenommen, sagt Wahlforscher Matthias Jung: „Heutzutage ist überhaupt nichts determiniert“.

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