Kanzlerkandidat für die Bundestagswahl : Die drei ??? der SPD

Sigmar Gabriel zögert, Martin Schulz wirbt, Olaf Scholz schweigt. Doch lange kann die SPD die Frage nach ihrem Kanzlerkandidaten für die Wahl 2017 nicht mehr offen lassen.

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Offziell ringen Martin Schulz und Sigmar Gabriel nicht um die Spitzenkandidatur.
Offziell ringen Martin Schulz und Sigmar Gabriel nicht um die Spitzenkandidatur.Foto: dpa/Jan Woitas

Drei Auftritte in zwei Tagen – und immer hängt die gleiche Frage im Raum, die K-Frage. Will er oder will er nicht? Martin Schulz muss sich erklären zu seinen Ambitionen, aber er darf bei seinem Besuch nicht zu viel sagen. Und so werden seine jüngsten Termine in Berlin zu kleinen Prüfungen – die Verleihung des Heinrich-Albertz-Friedenspreises der Arbeiterwohlfahrt im Roten Rathaus, die Vorstellung seiner Biografie beim Börsenverein des Deutschen Buchhandels und die Rede vor 150 Genossen beim „Basiskongress“ des linken SPD-Flügels.

Frage an den Besucher aus Brüssel: Freut es Sie, dass Sie in Umfragen vor Ihrem Parteichef Sigmar Gabriel liegen?

Schulz atmet hörbar aus, streicht sich mit den Fingern über den Bart, antwortet dann: „Fragen Sie Meinungsforscher, die können Ihnen mehr dazu sagen.“ Und schiebt dann doch noch einen Satz hinterher: „Wenn Sie als Politiker in der Zeitung lesen, dass sie beliebt sind, dann freuen Sie sich darüber.“

Schulz ist in Berlin auf Werbetour. Er darf es nur nicht sagen.

Immer schön im Fokus bleiben: Martin Schulz würde als Spitzen- und Kanzlerkandidat der SPD antreten - aber nur, wenn Sigmar Gabriel verzichtet. Den internen Wahlkampf hat er jetzt begonnen.
Immer schön im Fokus bleiben: Martin Schulz würde als Spitzen- und Kanzlerkandidat der SPD antreten - aber nur, wenn Sigmar...Foto: imago

So ist das meist mit Schulz in diesen Tagen: Alles bleibt offen. Aber seine Auftritte werden in der Partei als Werbeveranstaltungen in eigener Sache verstanden – und er weiß das.

Warum er nicht endlich „Butter bei die Fische“ tue und kandidiere, will ein junger Hamburger Genosse der „Parlamentarischen Linken“ wissen. Schulz weicht aus: „Die SPD hat einen Fahrplan, wie sie ihren Kanzlerkandidat bestimmt, und an diesen Fahrplan halten wir uns alle.“

Der Plan, von dem Schulz spricht, sieht vor, dass die SPD ihren Kandidaten Anfang 2017 ausruft – und ist doch schon überholt. Kaum einer in der SPD glaubt daran, dass die K-Frage noch lange offengehalten werden kann. Bislang gilt das Wort von Parteichef Sigmar Gabriel, so lange Angela Merkel nicht erklärt habe, dass sie ein weiteres Mal antrete, stehe die SPD nicht unter Druck.

Damit hat er die Kandidatenkür an das Vorgehen der CDU gekoppelt. Merkel dürfte sich vor dem CDU-Parteitag Anfang Dezember erklären – wahrscheinlich zwei Wochen davor im Präsidium. Spätestens dann richten sich die Scheinwerfer auf die SPD. Bis Mitte November werde deshalb feststehen, wer die Partei in den Wahlkampf führe, heißt es in deren Spitze.

Wie auch immer die Entscheidung ausgeht: Hinter jedem der möglichen drei SPD-Kandidaten steht ein Fragezeichen. Das gilt für Schulz ebenso wie für Parteichef Sigmar Gabriel und für den Hamburger Bürgermeister Olaf Scholz. Und keiner kann es gegenwärtig mit der Beliebtheit von Merkel aufnehmen, jeder der drei hätte mit Akzeptanzproblemen zu kämpfen.

Für Martin Schulz spricht, dass er bei vielen Sozialdemokraten Hoffnungen weckt. Er ist ein mitreißender Redner und ein leidenschaftlicher Europäer, der für das Europäische Parlament in Straßburg neuen Einfluss erobert und damit die Machtverhältnisse in der EU verändert hat. Ob er als Parlamentspräsident weitermachen darf, ist unklar – eigentlich ist mit den Konservativen verabredet, dass er sein Amt im Januar an sie abgibt. Aber wie glaubwürdig kann einer sein, der eigentlich lieber Europapolitiker geblieben wäre und für den die Kanzlerkandidatur nur die zweite Wahl ist? Hier sehen auch Sozialdemokraten einen wunden Punkt. Auch könne es mit Schulz’ guten Umfragewerten schnell vorbei sein, wenn aus der Möglichkeit seiner Kandidatur Realität werde, heißt es.

Gabriel ist nicht sehr beliebt - aber ein guter Wahlkämpfer.

Springt er? Als SPD-Chef hat Sigmar Gabriel den ersten Zugriff auf die Kanzlerkandidatur. Inzwischen drängt seine Partei auf seine Entscheidung, so oder so.
Springt er? Als SPD-Chef hat Sigmar Gabriel den ersten Zugriff auf die Kanzlerkandidatur. Inzwischen drängt seine Partei auf seine...Foto: Kay Nietfeld/dpa

Ohnehin kann Schulz nur antreten, wenn sein Freund Sigmar Gabriel verzichtet. Der SPD- Chef hat das Recht des ersten Zugriffs, aber wie er sich entscheidet, ist offen. Gegen Gabriel sprechen konstant niedrige Umfragewerte, die er auch in drei Jahren als Vizekanzler kaum verbessern konnte. Das Image des Sprunghaften wurde er nicht los. Auch in den eigenen Reihen gibt es Vorbehalte. Ausgerechnet in der niedersächsischen SPD, seinem Heimatverband, sprechen ihm viele die notwendige Glaubwürdigkeit und Zugkraft ab. Befürworter halten entgegen, keiner könne so gut Wahlkampf wie der Instinktpolitiker aus Goslar.

Gabriel oder Schulz – darauf scheint sich die Entscheidung zu verengen, wenn man die Wortmeldungen dieses Wochenendes zum Maßstab nimmt: Mit Dietmar Woidke aus Brandenburg und Stephan Weil aus Niedersachsen lobten am Sonntag gleich zwei SPD-Ministerpräsidenten, neben Gabriel sei auch Schulz ein sehr guter Kandidat.

Scholz traut sich den Kanzler zu. Wer noch?

Er würde schon, aber soll er auch? Der Hamburger Bürgermeister Olaf Scholz ist der dritte mögliche SPD-Kanzlerkandidat - im Norden geschätzt, aber nicht so bekannt im Süden.
Er würde schon, aber soll er auch? Der Hamburger Bürgermeister Olaf Scholz ist der dritte mögliche SPD-Kanzlerkandidat - im Norden...Foto: imago

Von Olaf Scholz, dem Parteivize aus Hamburg, war nicht die Rede. Dabei traut sich der Bürgermeister der Hansestadt die Kanzlerkandidatur zu – von seinem Ehrgeiz hat er nichts verloren.

Zu seinen Unterstützern in der Partei werden Sozialministerin Andrea Nahles und sein Ko-Parteivize Thorsten Schäfer-Gümbel aus Hessen gezählt. Sie glauben, dass ein Kandidat Scholz, der in Hamburg seit Jahren unangefochten regiert, in ungewissen Zeiten die Wähler überzeugen kann, als Garant von Stabilität. Ob der Hanseat, der kein mitreißender Redner ist, im Wahlkampf auch südlich der Mainlinie Wähler ansprechen könnte, gilt aber als fraglich.

Schulz hat bei seiner Berliner Werbetour immerhin schon eine Mindestanforderung aufgestellt: Jeder Kanzlerkandidat müsse Karl-Dietrich Brachers Buch „Die Auflösung der Weimarer Republik“ gelesen haben. Wer auch immer Regierungschef werden wolle, sollte sich die Geschichte Deutschlands in dieser Phase genau vor Augen führen, sagt der frühere Buchhändler. Er selbst, das ist klar, hat das Werk intensiv gelesen.

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