Kanzlerkandidat Steinbrück : Um Kopf und Kragen

Das Motto lautet: „Klartext reden“. So will sich Peer Steinbrück als Kanzlerkandidat empfehlen. Doch seine lockeren Sprüche bringen immer öfter Ärger mit sich. Kann er sich noch ändern?

von und
Kanzlerkandidat Steinbrück sagt gern, was er denkt. Foto: dpa
Kanzlerkandidat Steinbrück sagt gern, was er denkt.Foto: dpa

Es ist acht Uhr am Mittwochabend und Peer Steinbrück redet noch immer. Seit einer Stunde soll der offizielle Empfang der SPD zum baldigen Internationalen Frauentag vorbei sein. Die Kellner verteilen schon die Gläser mit Sekt. Steinbrück hat Zeit.

Eine wichtige Verabredung ist wenige Stunden zuvor offiziell abgesagt worden. Italiens Staatspräsident Giorgio Napolitano, gerade in Deutschland zu Besuch, möchte auf ein Abendessen mit Peer Steinbrück verzichten. Am Tag zuvor hat der Kanzlerkandidat der SPD zwei italienische Politiker als Clowns bezeichnet. Giorgio Napolitano ging das zu weit.

Drinnen im Saal ist Steinbrück der Ärger über diese Absage nicht anzusehen. Im schwarzen Anzug steht er neben der SPD-Frauenbeauftragten und redet über Gleichberechtigung. Seinen Vorrednerinnen hat er konzentriert zugehört, applaudiert, wenn ihm ein Statement gefallen hat. Italien ist weit weg, er erwähnt es mit keinem einzigen Wort.

Hier im Saal ist er der zukünftige Kanzler, er spricht von Projekten, die er durchsetzen will, „wenn im September der Wechsel kommt“. Die Frauen im Saal klatschen oft: Steinbrück fordert die Frauenquote und gleiche Bezahlung für Männer und Frauen per Gesetz. Das kommt gut an.

Steinbrücks verbale Fehltritte
„Ich habe mit diesem Blog nichts zu tun“, sagte Peer Steinbrück, nachdem bekannt geworden war, dass ein ihn unterstützendes Peer-Blog von anonymen Unternehmen finanziert wurde. („Tagesschau“, 10.2.2013) Er hätte nur seinen engsten Berater fragen müssen, um zu wissen, wie viel er doch damit zutun hatte. Kurz darauf wurde es abgeschaltet. Foto: dpaAlle Bilder anzeigen
1 von 9Foto: dpa
28.02.2013 17:51„Ich habe mit diesem Blog nichts zu tun“, sagte Peer Steinbrück, nachdem bekannt geworden war, dass ein ihn unterstützendes...

Doch „Klartext-Peer“ ist auch zu seinen Genossinnen nicht immer nett. Gegen Ende der Veranstaltung steht eine grauhaarige Frau aus den hinteren Reihen auf und tritt ans Mikrofon. Sie hat für die Regierung von Gerhard Schröder gearbeitet und beschwert sich, dass schon 1998 gleiche Bezahlung für alle versprochen wurde. Daran habe sich die SPD aber nicht gehalten. Wütend fragt sie: „Wie wollen Sie denn garantieren, dass das nicht wieder nur Sprüche sind?“ Die Frauen im Saal johlen und applaudieren.

Peer Steinbrück hebt die Stimme nicht, doch er antwortet scharf. „Wenn Ihnen das alles nicht gefällt hier, dann überlegen Sie mal, ob Sie in der richtigen Partei sind.“ Als es daraufhin aus dem Publikum einzelne Buhrufe gibt, lockert er seinen Krawattenknoten und fragt: „Ich werde hier ja wohl noch sagen dürfen, was ich denke?“ Er lächelt.

Später am Buffet unterhalten sich zwei Frauen. „Der war teilweise ganz schön aggressiv“, sagt die eine und deutet auf Steinbrück, der neben der Moderatorin steht und scherzt. „Typisch Peer“, sagt die andere. Beide kauen und nicken.

Und täglich grüßt das Fettnäpfchen
...mit Eierlikör: Bei sogenannten Wohnzimmergesprächen will Steinbrück ganz normale Bürger besuchen. Doch das aus dem US-Wahlkampf geborgte Konzept gerät schnell zur Farce: Der Sozialdemokrat ist zu Gast bei der Familie einer SPD-Genossin. Foto: Weitere Bilder anzeigen
1 von 10Foto: dpa
28.02.2013 11:32...mit Eierlikör: Bei sogenannten Wohnzimmergesprächen will Steinbrück ganz normale Bürger besuchen. Doch das aus dem US-Wahlkampf...

Sagen, was er denkt – das ist Steinbrücks Stärke und Steinbrücks Schwäche zugleich. Er selbst stilisiert sich als Politiker, der im Gegensatz zu anderen auch unbequeme Wahrheiten ausspricht. Und er verfügt über die rhetorischen Mittel, die Menschen zu beeindrucken, mit plastischen Bildern, mit saloppen Begriffen, mit Härte und Sarkasmus. Doch zugleich lässt er sich treiben von der Lust an Provokation. Er scheint noch immer nicht begriffen zu haben, dass ein knalliger Satz, der vor zwölf Monaten nur ein guter Scherz gewesen wäre, viel Schaden anrichten kann, wenn er von dem Mann kommt, der im Herbst das wirtschaftlich stärkste Land Europas führen will. Mehrfach schon hat sich Steinbrück bei den Genossen für seine Fehler entschuldigt. Und wenn man glauben konnte, er werde sich vorsehen, passierte wieder etwas.

Jetzt hat Steinbrück mit seiner Nachlässigkeit einen diplomatischen Eklat verursacht, der in Deutschland und Italien die Schlagzeilen auf den ersten Zeitungsseiten bestimmt.

Am Dienstagabend hatte die SPD zu einer Debatte mit ihrem Kandidaten in das „Kongresshotel“ am Stadtrand von Potsdam geladen. Das Motto der Veranstaltung hieß „Klartext mit Peer Steinbrück“. Es war der Auftakt von Steinbrücks Wahlkampf-Länderreise, die ihn in den kommenden Monaten durch ganz Deutschland führen soll.

Und tatsächlich gibt es in Potsdam ein kleines Zeichen dafür, dass die Fehltritte in den vergangenen Monaten bei Steinbrück doch verfangen hat.

Zumindest sagt er, als er dem Publikum die Spielregeln des Abends vorstellt, es gebe keine dummen Fragen: „Es gibt allenfalls dumme Antworten von mir. Und die versuche ich zu vermeiden.“

Das gelingt bekanntlich an diesem Abend nicht ganz. Eine Hand salopp in der Tasche, in der anderen das Mikrofon, steht der Kandidat neben einem Bistrotisch und sagt über die Wahl in Italien, er sei „entsetzt, dass zwei Clowns gewonnen haben. Ein beruflich tätiger Clown, der auch nicht beleidigt ist, wenn man ihn so nennt – Herr Grillo –, und ein anderer, der definitiv ein Clown mit einem besonderen Testosteronschub ist.“

» Mehr Politik? Jetzt Tagesspiegel lesen!

96 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben