Katholische Kirche : Wer schützte die Täter?

Die Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs geht nur schleppend voran. Jetzt gibt es Kritik.

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Auch Ministranten wurden von Geistlichen sexuell missbraucht.
Auch Ministranten wurden von Geistlichen sexuell missbraucht.Foto: dpa

Es braucht schon einiges, damit Johannes-Wilhelm Rörig der Kragen platzt. Doch jetzt ist es so weit. Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung fordert von der katholischen Kirche „volle Transparenz“, was die Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs betrifft. Die Namen der Bischöfe und kirchlichen Vorgesetzten, die Taten verschwiegen hätten, müssten genannt werden. Hintergrund sind die Aussagen eines Forscherteams, das seit 2014 im Auftrag der Bischofskonferenz die Fälle aufarbeitet.

Betroffene fordern, dass die Verantwortlichen mit Namen genannt werden

„Wir dürfen kein Bistums-Bashing betreiben. Wenn es ein Problem in den Führungsstrukturen gab, beschreiben wir das, aber ohne Namen zu nennen“, sagt Harald Dreßing vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim. Er koordiniert das 21-köpfige Forscherkonsortium aus Kriminologen, Forensikern und Gerontologen. Es gehe darum, die spezifischen Strukturen herauszuarbeiten, die den Missbrauch in der katholischen Kirche begünstigten. Die Ethikrichtlinie der Universität Heidelberg verbiete es, Namen zu nennen.

Für Matthias Katsch vom Betroffenenverein „Eckiger Tisch“ wäre das unbefriedigend. „Wir wollen, dass die Verantwortlichen klar benannt werden.“ Zumal diese Frage Brisanz bekommen hat, seitdem Papst Franziskus Anfang Juni einen neuen Erlass veröffentlicht hat. Danach kann es Bischöfe das Amt kosten, wenn sie nachlässig mit Missbrauchsfällen umgehen, sie ignorieren oder zu vertuschen versuchen.

Die Personalakten sagen wenig aus

Ein erster Versuch der Bischofskonferenz, die Verbrechen von dem Hannoverschen Kriminologen Christian Pfeiffer aufarbeiten zu lassen, war 2013 an mangelndem Vertrauen auf beiden Seiten gescheitert. 2014 startete die Bischofskonferenz einen neuen Anlauf. Die Forscher, die nun Interviews mit Betroffenen führen und Informationen der Kirche auswerten, mussten ihre Methodik mehrfach verändern, weil sich herausstellte, dass die Personalakten der Bistümer nicht sehr aussagekräftig sind. „In vielen Fällen finden sich überhaupt keine Spuren in den Akten“, sagt Harald Dreßing – weil Dokumente aus Datenschutzgründen vernichtet, Hinweise absichtlich vertuscht wurden oder weil sich Kinder nicht trauten, über das zu sprechen, was ihnen angetan wurde. Umso mehr sind die Forscher darauf angewiesen, dass sich viele Betroffene melden und über ihre Erfahrungen sprechen. Sie können seit Kurzem anonym an einer Online-Umfrage teilnehmen (http://fleaweb.zi-mannheim.de). „Nur die Betroffenen kennen die Wahrheit“, sagt Dreßing. Die Auswertung vorhandener Studien ergab, dass sich Geistliche vorwiegend an Jungen vergriffen und sie in einem Viertel aller Fälle vergewaltigten oder Oralverkehr erzwangen. Fast jedem dritten Täter bescheinigten die Forscher emotionale oder sexuelle Unreife, bei 22 Prozent lag eine Persönlichkeitsstörung vor.

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