Politik : Kein Geld, kein Gedenken Museum im ehemaligen KZ Sobibor geschlossen

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Warschau - „Ohne Geld können wir nicht funktionieren“, sagt Marek Bem. Anfang Juni musste der Leiter der KZ-Gedenkstätte Sobibor sein Museum schließen. „Wir sind selbst schockiert“, sagte Bem der polnischen Tageszeitung „Rzeczpospolita“. Bis zuletzt hatte der langjährige Leiter für die Finanzierung der Überreste jenes Nazi-Vernichtungslagers gekämpft, in dem der kürzlich in München verurteilte KZ-Aufseher John Demjanjuk Dienst tat.

Sobibor ist zwar weltweit ein Symbol des Holocaust, doch außer leeren Versprechungen konnte das Kulturministerium in Warschau der Einrichtung bisher wenig bieten. Das rund 60 Hektar große Waldstück mit seiner schaurigen, historischen Bahnrampe wurde bisher vom Lokalmuseum der nahen Gemeinde Wlodawa getragen. Das malerische einstige jüdische Schtetl im Dreiländereck von Polen, Weißrussland und der Ukraine kämpft seit Jahren mit der Abwanderung und leidet unter den knappen Kassen der Kommune. Für das Jahr 2011 halbierte die Gemeinde die Zuschüsse für die KZ-Gedenkstätte Sobibor auf 420 000 Zloty (rund 106 000 Euro). Die Gedenkstätte mit ihrer Dauerausstellung musste daraufhin sechseinhalb ihrer zwölf Stellen streichen. Der Belegschaft wurden reduzierte Arbeitspensen oder unbezahlter Urlaub angeboten. Einige Mitarbeiter mussten auch entlassen werden. Die bisher aus Sponsorengeldern finanzierten Forschungen wurden praktisch eingestellt.

Auch andere KZ-Gedenkstätten in Polen stecken seit Jahren in Finanznöten. Nur mit größter Mühe konnten Ende 2010 für das ehemalige KZ Auschwitz-Birkenau Finanzmittel für eine internationale Stiftung gefunden werden. Bund und Länder fördern die Auschwitz-Stiftung in den kommenden fünf Jahren mit 60 Millionen Euro.

Im Warschauer Kulturministerium deutete sich mittlerweile ein möglicher Kompromiss für Sobibor an. Demnach könnte die Gedenkstätte zeitweise als Außenstelle der KZ-Gedenkstätte Majdanek bei Lublin funktionieren. Anfang 2012 soll die Gedenkstätte dann als Institution des Kulturministeriums wiedereröffnet werden. Was für eine Lösung sich auch immer findet – auf Besuche in der Sommerreisesaison wird das Museum wohl verzichten müssen. Paul Flückiger

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