Politik : KEIN PLATZ FÜR DIE ELBE

Ein Prozent der früheren Überschwemmungsgebiete der Elbe könnten dem Fluss zurückgegeben werden, wenn alle diskutierten Deichrückverlegungen entlang des Flusses tatsächlich umgesetzt werden. Das hat der Flussexperte der Umweltstiftung WWF, Georg Rast, ausgerechnet. 80 Prozent der natürlichen Überschwemmungsflächen der Elbe sind trockengelegt, werden intensiv landwirtschaftlich genutzt oder sind überbaut. Die Elbe war vor den Begradigungen der vergangenen 150 Jahre rund 180 Kilometer länger. Zum Teil sind Industriebrachen, die schon vor der Flut lange verlassen waren und dem Zerfall entgegendämmerten, als neue Überschwemmungsgebiete ausgewiesen worden. Zudem hat es seit dem August-Hochwasser 2002 zwei größere Deichrückverlegungen gegeben. In Lenzen in Brandenburg und in Rosslau in Sachsen-Anhalt sind Deiche weiter vom Fluss entfernt gebaut worden. Beide Vorhaben waren allerdings schon lange vor der Elbe-Flut geplant. Dazu kommen noch drei kleinere Deichrückverlegungen entlang der Elbe.

Der WWF selbst arbeitet seit 2001 an der Mittleren Elbe daran, Auenwälder zurückzugewinnen. Bis 2018 soll die Deichrückverlegung im Lödderitzer Forst abgeschlossen und das größte zusammenhängende Auenwaldgebiet geschaffen sein. Die Kosten dafür trägt zu 75 Prozent der Bund über das Bundesamt für Naturschutz, dazu kommen 15 Prozent vom Land Sachsen-Anhalt und weitere zehn Prozent vom WWF. In Sachsen und Sachsen-Anhalt planen die Landesregierungen weitere Deichrückverlegungen. Alles in allem könnten damit rund 1000 Hektar Überschwemmungsfläche gewonnen werden, schätzt Georg Rast. Im Erzgebirge oder für Dresden bringe das aber nichts, stellt er fest.

Die meisten Mittel für den Hochwasserschutz sind nach der Flutkatastrophe in den Bau und die Ertüchtigung von Deichen investiert worden. Rast findet, dass der Wiederaufbau unter dem politischen Druck vor Ort zu schnell stattgefunden hat, um mögliche Alternativen zu durchdenken. Mit der Infrastruktur, den Gleisen der Bahn, den Brücken, den Straßen, seien viele Vorentscheidungen getroffen worden, sagt Rast. „Es fehlte die Zeit für grundlegende Überlegungen“, kritisiert er. Vor allem in den Erzgebirgstälern wäre das aber notwendig gewesen, um sich zu überlegen, an welchen Stellen Überflutungsflächen für die Flüsse geschaffen werden könnten. Denn dort ist die Elbeflut entstanden. Lediglich ein paar völlig zerstörte Häuser in Weesenstein sind nicht wieder aufgebaut worden. Und die Neubausiedlung Röderau-Süd, erbaut auf einem alten Elbe-Nebenarm, wurde 2003 aufgegeben und abgerissen. Rund 40 Millionen Euro hat das einschließlich der Entschädigungen für die rund 360 Einwohner gekostet. In den engen Erzgebirgstälern gibt es nicht allzu viele Möglichkeiten, der Müglitz, der Weißeritz oder anderen Elbe-Zuflüssen mehr Platz zu schaffen. Deshalb wurden mehrere Rückhaltebecken gebaut. Bei Lauenstein wurde 2006 ein Rückhaltebecken eingeweiht, dessen Bau schon vor der Flut begonnen hatte. Als die Wasserstände wieder sanken, haben die Planer die Kapazität des Rückhaltebeckens deutlich vergrößert. Für 38,7 Millionen Euro wurde die Staumauer schließlich 8,5 Meter höher als zunächst geplant. Das verhängnisvolle Rückhaltebecken oberhalb von Glashütte, das sich nach dem Dammbruch am 12. August in die Kleinstadt ergoss, ist ebenfalls 2006 in seiner ursprünglichen Größe wieder in Betrieb genommen worden. Rund 2,5 Millionen Euro hat das damals gekostet. 2009 entschied sich die Landesregierung jedoch, auch hier die Kapazität zu erweitern. Die bis dahin 9,5 Meter hohe Staumauer soll nun durch eine 28,28 Meter hohe Staumauer ersetzt werden.

Nach Rasts Beobachtungen ist das kein Einzelfall. „Viele Rückhaltebecken und Deiche sind zwar verstärkt worden“, berichtet er. Aber sie seien oft zu klein dimensioniert worden, um einem 100-jährigen Hochwasser – also einer Überflutung, die alle 100 Jahre wahrscheinlich ist – standzuhalten. Wenn im Nachhinein die Kapazität erweitert wird, müssen die Fördermittel, die zuvor verbaut worden sind, wieder zurückgezahlt werden. Gerade bei Straßen oder Brücken wird das aus Angst vor hohen Rückzahlungen aber meist unterlassen, sagt Rast. Als es 2006 in Sachsen schon wieder hieß „Land unter“, haben die zuständigen Behörden festgestellt, dass zwar die Deiche gehalten haben. Doch mehr als ein Damm wurde bei diesem Hochwasser auch überflutet.

Für Hubert Weiger, Präsident des Bunds für Umwelt und Naturschutz (BUND), erwartet bei einer Wiederholung der Vb-Wetterlage wie 2002 vor allem im Erzgebirge wieder hohe Schäden. „Bundesregierung und Elbanrainer-Landesregierungen haben nach der Jahrhundertflut 2002 vor der Presse versprochen, den Flüssen mehr Raum zu geben. Und kaum hatten sie den Raum verlassen, war das Versprechen schon vergessen“, zürnt Weiger. Georg Rast beschreibt, wie dieses „Vergessen“ in der Praxis aussieht. In allen Hochwasserschutzkonzepten seit dem August-Hochwasser 2002 ist die Rede von Deichrückverlegungen, von steuerbaren Poldern – damit sind Flächen gemeint, die nur im Notfall geflutet werden können – und von Hochwasserrückhaltebecken. Außerdem ist es inzwischen eigentlich verboten, neues Bauland auf hochwassergefährdeten Flächen auszuweisen. Doch wenn es konkret wird, „sind die Wege kurz“, sagt Rast trocken. Die Landräte hätten immer die Möglichkeit, an den Fachbehörden vorbei eine politische Abkürzung zu nehmen, und Ausnahmeregelungen zu bekommen. „Es fehlt an Kontrollinstanzen“, sagt Rast.

Der sächsische Umweltminister Frank Kupfer (CDU) sieht dagegen mit Sorge, dass inzwischen schon wieder angefangen werde, „hinter dem Deich zu bauen“, weil die Menschen annehmen, dahinter geschützt zu sein. Im Interview mit der Nachrichtenagentur dapd wies er jedoch darauf hin, dass beim Hochwasser 2010 der neue Deich im ostsächsischen Ostritz zwar gut gehalten habe. Doch sei der für ein Jahrhunderthochwasser ausgelegte Deich dennoch überströmt worden. Die grüne Bundestagsabgeordnete Dorothea Steiner sagt, dass höhere Deiche „die Wassermassen nicht reduzieren können, sondern das Problem nur flussabwärts verlagern“.

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