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Politik : Kinder beantragen Stasi-Akten ihrer Eltern

Immer mehr jüngere Leute wollen mit Hilfe von Stasiakten Erkenntnisse über das Leben ihrer Angehörigen in der DDR gewinnen. Bundesbeauftragter Roland Jahn vermerkt, dass noch 39 ehemalige Stasi-Leute in der Behörde tätig sind.

Immer mehr jüngere Leute wollen mit Hilfe von Stasiakten Erkenntnisse über das Leben ihrer Eltern oder anderer naher Angehöriger in der DDR gewinnen. Seit Anfang vergangenen Jahres im Stasiunterlagengesetz die Möglichkeit geschaffen worden ist, die Akten verstorbener Angehöriger einzusehen, entfielen zehn Prozent der Erstanträge auf Akteneinsicht auf diese Fälle, sagte der Bundesbeauftragte für die Stasiunterlagen, Roland Jahn, dem Berliner "Tagesspiegel" (Montagausgabe). Insgesamt seien im vergangenen Jahr 5581 Anträge von Familienangehörigen, zumeist von Kindern oder Enkelkindern Verstorbener, gestellt worden. Oft stecke reine Neugier hinter solchen Anträgen, "aber bisweilen auch kritisches Hinterfragen", sagte Jahn. "Wenn etwa eine Frau kommt und sagt, ich will unbedingt die Stasi-Akte meiner verstorbenen Mutter sehen, ich will wissen, warum meine Mutter sich von mir losgesagt hat, nur weil ich einen Ausreiseantrag gestellt habe." Dahinter stecke die Frage, wie dieses System der Angst funktioniert habe, sagte Jahn.

Der einst aus der DDR ausgewiesene Bürgerrechtler und spätere Fernsehjournalist Jahn, der im März 2011 das Amt des Bundesbeauftragen von Marianne Birthler übernommen hatte, war mit dem Aufsehen erregenden Vorhaben angetreten, die noch in der Behörde tätigen ehemaligen Stasi-Leute loswerden zu wollen. Das waren zum damaligen Zeitpunkt 47 frühere hauptamtliche und ein inoffizieller Stasi-Mitarbeiter. Zwei Jahre danach sind noch immer 39 von ihnen in der Behörde tätig. Neun haben das Haus verlassen, fünf davon aus Altersgründen, einer ist verstorben. Nur drei Mitarbeiter konnten bisher auf andere Stellen innerhalb des Bundes umgesetzt werden. Von einem Scheitern seines Anliegens will Jahn dennoch nicht sprechen. Es sei sein Anliegen gewesen, "ein 20 Jahre altes Problem zu lösen". Das werde konsequent umgesetzt. Wichtig sei aber, "diesen Weg rechtsstaatlich korrekt und menschlich respektvoll zu gehen. Das braucht seine Zeit." Entscheidend sei, dass das Signal gesetzt worden sei "und dass wir den Opfern der Staatssicherheit gerecht werden".

Jahn hält weiterhin an dem Bemühen fest, auf dem Gelände der ehemaligen Stasi-Zentrale in Lichtenberg einen Campus der Demokratie zu entwickeln. "Wir wollen unsere auf mehrere Standorte verteilte Behörde an diesem authentischen Ort zusammenführen. Dazu haben wir in den zuständigen Bundesverwaltungen unseren Raumbedarf angemeldet. Derzeit leer stehende Räume, die zum Teil im Besitz des Bundes sind, sollen von uns genutzt werden", sagte Jahn dem "Tagesspiegel". Er habe dazu die nötige Unterstützung von Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU). "Wenn niemand auf der Bremse steht, könnten die Umzüge bis Mitte 2014 abgeschlossen sein."  Die Kritik, er wolle mit diesem Vorhaben den Fortbestand der Behörde über das Jahr 2019 hinaus sichern, wies Jahn zurück. "Es geht hier nicht um eine Behörde, sondern um die Aufarbeitung. Das Türschild kann jederzeit ausgewechselt werden. Das Stasi-Museum in Lichtenberg, in dessen Sanierung 11 Millionen Euro geflossen sind, wird man nicht abreißen. Und das Stasi-Archiv dort hat es schon immer gegeben. Auch die Spezial-Bibliothek, die wir in 20 Jahren aufgebaut haben, soll ja nicht verschwinden, sondern idealerweise am historischen Ort genutzt werden", sagte der Stasiakten-Beauftragte. (Tsp)

 

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