Kindeswohl und Religionsfreiheit : Weiter Streit um Beschneidungsgesetz

Am kommenden Mittwoch will die Bundesregierung ihren Gesetzentwurf zur Beschneidung von Jungen beschließen. "Sehr glücklich" sei sie, sagte nun Charlotte Knobloch, frühere Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland. Von anderer Seite aber kommt Kritik.

Die Debatte um das geplante Gesetz zur Regelung von Beschneidungen geht weiter.
Die Debatte um das geplante Gesetz zur Regelung von Beschneidungen geht weiter.Foto: dpa

Die frühere Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, hat den Gesetzentwurf zur Beschneidung von Jungen begrüßt. „Ich bin sehr glücklich, dass dieses Gesetz jetzt vorgelegt wurde“, sagte Knobloch am Donnerstag im ZDF-"Morgenmagazin“. Es sei ein „ausgewogenes Gesetz“. Sie hoffe sehr, dass der Bundestag den vorgelegten Richtlinien folge. Knobloch kritisierte aber erneut, dass die Art und Weise der Debatte um die Beschneidung von Jungen zum Teil antisemitisch gewesen sei.

Die Bundesregierung will am kommenden Mittwoch den Gesetzentwurf zur Beschneidung von Jungen beschließen. Er sieht vor, die Beschneidung unter bestimmten Voraussetzungen zu erlauben. Eine Ausnahmeregelung soll greifen, wenn das Kindeswohl gefährdet ist - etwa bei Blutern. In der Regel soll die Beschneidung von Ärzten vorgenommen werden. Innerhalb der ersten sechs Monate nach der Geburt kommen dafür auch spezielle Beauftragte von Religionsgemeinschaften in Frage. Diese müssen die Beschneidung genauso gut wie ein Arzt beherrschen.

Demo für Recht auf Beschneidung
09.09.2012: In Berlin demonstrieren rund 300 Menschen für das Recht auf religiöse Beschneidung. Juden, Politiker aus christlichen Religionen und Muslime fordern gemeinsam Rechtssicherheit für den Eingriff bei Neugeborenen und kleinen Jungen.Alle Bilder anzeigen
1 von 8Foto: dapd
10.09.2012 10:0409.09.2012: In Berlin demonstrieren rund 300 Menschen für das Recht auf religiöse Beschneidung. Juden, Politiker aus christlichen...

Kritik kam am Donnerstag von der Deutschen Kinderhilfe. Der nun vorliegende Entwurf bestätige Befürchtungen, „dass die im Hauruck-Verfahren in einer «Augen zu und durch«-Mentalität geplante gesetzliche Regelung zur Legalisierung von Beschneidungen mehr Probleme bereitet als löst“, sagte der Vorstandsvorsitzende Georg Ehrmann. „Es ist ein Irrglaube, mit Zäpfchen oder einer Salbe diese erheblichen Schmerzen und ihre Auswirkungen auf das Schmerzempfinden im späteren Leben lindern zu können“, kritisierte Ehrmann. „Dazu reicht nicht einmal eine generelle Narkose, die an sich ein nicht zu rechtfertigender Eingriff in die körperliche Unversehrtheit ist.“ Die Deutsche Kinderhilfe lehne Beschneidungen im Säuglingsalter ebenso wie der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte als unzumutbare Körperverletzung ab, betonte Ehrmann. Mit diesem Gesetz legitimiere der Gesetzgeber nicht nur Beschneidungen, er schwäche sogar nachhaltig die Kinderrechte. Ehrmann erneuerte den Appell an den Bundestag, das Gesetz nicht im Eilverfahren durchzuwinken, sondern an einem Runden Tisch zu diskutieren.

Video
Interview zum Thema Beschneidung
Interview zum Thema Beschneidung

Unterstützung für den Entwurf kam hingegen vom Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD). Der Vorsitzende Aiman Mazyek verwies gegenüber der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ vom Donnerstag auf eine mögliche Gefährdung für den Fall einer ausbleibenden Beschneidung: „Wenn Außenstehende vehement dem Kind ihre ablehnende Haltung zur Beschneidung aufoktroyieren wollen und so das Kind stark verunsichern und in einen zum minimalen körperlichen Eingriff unverhältnismäßigen Konflikt stürzen, ist das eine Gefahr für das Kindeswohl.“

Die Neuregelung soll die Verunsicherung nach dem Urteil des Landgerichts Köln beseitigen. Das Gericht hatte im Mai Beschneidungen von Jungen aus rein religiösen Gründen als strafbare Körperverletzung gewertet. Die Entscheidung war von jüdischen und muslimischen Verbänden scharf kritisiert worden. Der Bundestag hatte im Juli mit breiter Mehrheit einen Antrag angenommen, wonach die Bundesregierung bis zum Herbst eine gesetzliche Grundlage für religiöse Beschneidungen schaffen soll. (AFP, dpa)

129 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben