Kirche : Wenn ein Pfarrer nicht an Gott glaubt

Weil in den Niederlanden ein Gottesleugner weiter predigen darf, will ein früherer Pastor aus Hamburg jetzt rehabilitiert werden. Der predigte schon in den 70er Jahren, dass es Gott nicht gibt.

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Berlin - Es ist noch viel schlimmer als lügen, fluchen oder Geld aus dem Klingelbeutel stehlen. Der evangelische Pfarrer Klaas Hendrikse verkündet im Sonntagsgottesdienst: Gott gibt es nicht. In seinem Buch „Glauben an einen Gott, den es nicht gibt“ hat er seine ketzerischen Ansichten auch schriftlich dargelegt. Das geht zu weit, fanden viele Mitglieder seiner Gemeinde im niederländischen Hafenstädtchen Zierikzee. Sie forderten, Hendrikse zu suspendieren. Nach wochenlangen Debatten entschied die Kirchenleitung vor kurzem: Klaas Hendrikse bleibt im Amt und darf weiter predigen. Dass ein Pfarrer sagt, „Gott existiere nicht, ist ein Teil der theologischen Debatten. Eine solche Meinung tastet die Fundamente der Kirche nicht an“, heißt es in der offiziellen Erklärung der Protestantischen Kirche der Niederlande (PKN). Auch wenn seine Meinung der Haltung der Kirche widerspreche, so bringe Pfarrer Hendrikse doch die Diskussion um den Gottesbegriff voran. Im November sollen Hendrikses Thesen Thema einer Synode sein.

Der neu entfachte Streit in den Niederlanden beschäftigt nun auch die evangelische Kirche in Deutschland. Paul Schulz, früher Pastor an der Hamburger Hauptkirche St. Jacobi, nimmt sich Klaas Hendrikse zum Vorbild. Schulz predigte schon in den 70er Jahren, dass es Gott nicht gibt. Nach vielen Debatten und einem Lehrzuchtverfahren wurde er 1979 aus dem Dienst entlassen. Es war das bisher einzige Mal, dass die evangelische Kirche derart drastisch gegen einen Pfarrer vorgegangen ist. Paul Schulz, 72, will, dass sein Fall vor dem Hintergrund des Gottesleugners Hendrikse neu aufgerollt wird und dass er wieder predigen darf. Vor einem Monat hat er einen entsprechenden Antrag bei der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD) eingereicht. Die VELKD versammelt die acht lutherischen Landeskirchen in Deutschland, zu der auch die nordelbische Kirche mit Hamburg gehört. Die VELKD ist Teil der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).

„Es kann nicht sein, dass die Amtskirche an einer Stelle bestraft, was sie an anderer Stelle wohlwollend gutheißt“, argumentiert Schulz. Dass Klaas Hendrikse weiter predigen dürfe, sei eine neue Tatsache für seinen eigenen Fall. Paul Schulz sieht sich als Anwalt jener Menschen, die auf der Suche nach Spiritualität und Moral sind, die aber einen transzendenten Gott und die Auferstehung Jesu nicht mit ihrer naturwissenschaftlichen, aufgeklärten Weltsicht vereinbaren können.

Selbst Margot Käßmann sei vom Glauben der Amtskirche abgefallen, behauptet Schulz. Vor einigen Jahren sagte die damalige Bischöfin: „Ich kann mir Gott als Frau vorstellen.“ Dass sich der Mensch Gott vorstellt, wie er selbst es gerne möchte, widerspreche aber dem zweiten Gebot: Du sollst dir kein Bildnis von Gott machen, argumentiert Schulz. Ergo: Selbst Margot Käßmann glaube nicht mehr an den einen absolutistischen Gott. Wie Käßmann würden auch viele andere evangelische Pfarrer immer dann, wenn das biblische Gebot ihrer Lebensführung entgegenstehe, das absolutistische Gottesbild außer Kraft setzen und sich Gott so vorstellen, wie sie ihn gerade brauchen könnten. Das sei doch alles höchst „bigott“, kritisiert Schulz.

Die Kirche solle ehrlich sein und sich offiziell von dem aus seiner Sicht überholten absolutistischen Gottesbegriff verabschieden. Stattdessen solle die Kirche die Menschen motivieren, sich einen eigenen Gott zu „erdenken“, auf den hin sie ihr Leben ausrichten können, als moralisch-ethischen Kompass. Dieser selbst gemachte Gott ist für Schulz der einzig angemessene Gottesbegriff für den heutigen, rational denkenden Menschen.

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Antrag angenommen wird“, sagt Oberkirchenrat Christian Frehrking, leitender Jurist der VELKD. Das Kirchenrecht sehe keine Wiederaufnahme eines Lehrzuchtverfahrens vor. Außerdem sei die evangelische Kirche anders verfasst als die katholische, wo die Glaubenskongregation zentral entscheide. Wie die evangelische Kirche in den Niederlanden urteile, habe keine Auswirkungen auf Deutschland. „Wer sagt, es gibt keinen Gott und der Heiland ist nicht auferstanden, steht eindeutig außerhalb des kirchlichen Konsenses“, urteilt Frehrking. Bis Ende des Jahres wird das Spruchkollegium der VELKD Schulz’ Antrag prüfen. Ihm gehören der ehemalige nordelbische Bischof Hans Christian Knuth, ein Kirchenjurist, ein Theologe und fünf Synodale an.

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