Klimagipfel in Bonn : Und nun zur Wetterkatastrophe

Berichterstattung über den Klimawandel steht schnell unter Dramatisierungs- und Kampagnenverdacht. Wie falsch das ist, lässt sich weltweit besichtigen. Eine Analyse zum Bonner Klimagipfel.

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Die wollen sich nur wichtig machen? Berichterstatter und Referenten beim Weltklimagipfel in Bonn.
Die wollen sich nur wichtig machen? Berichterstatter und Referenten beim Weltklimagipfel in Bonn.Foto: dpa

Wenn seit dem 6. November an in Bonn über die Regeln verhandelt wird, nach denen über Fortschritte in der Klimapolitik berichtet werden soll, werden die Zeitungen für ein paar Tage voll sein mit Berichten zum Thema. Dann hat die Klimaberichterstattung ihre Zeit. Sie dauert nicht lang.

Dass die Temperaturen in der Arktis im Winter wochenlang über dem Gefrierpunkt liegen, ist nicht normal. Es ist ganz und gar nicht normal. Aber es könnte das neue „Normal“ werden. Denn die Erde befindet sich mitten im Klimawandel, und immer öfter mitten in der Klimakatastrophe. Für die meisten Medien war das im vergangenen Winter kein Thema.

Wie lässt sich über ein Geschehen berichten, das regional und in der Zukunft immer öfter katastrophale Ausmaße annimmt? Ein Prozess, der sofort politisches Handeln erfordert, dessen Wirkung aber womöglich erst in Jahrzehnten erkennbar ist? Wie lässt sich wahrhaftig über den Klimawandel berichten, ohne Gefahr zu laufen, die Leserinnen und Leser gleich wieder zu verlieren?

Das Problem mit dem Arktis-Thema ist: Die Arktis ist weit weg. Um die Nachrichtenschwelle zu überschreiten, muss sie schon gleich ganz geschmolzen sein oder zumindest ein menschliches Drama stattgefunden haben. Und dann die Erkenntnis, dass die Hitze in der winterlichen Arktis zwar noch außergewöhnlich ist, aber normal werden wird. Damit versinkt das Thema im Nachrichtenstrom, kaum dass es dort gelandet ist. An die Eisbären in den Städten der Arktis hat die Welt sich ja auch gewöhnt. Die lungern dort herum, weil das Meereis immer weniger wird und immer später kommt und ihnen so die Chance nimmt, sich genug Speck anzufressen, um im Frühjahr in der Lage zu sein, ihren Nachwuchs zu ernähren.

Klima ist komplex, und das Interesse an Details ist gering

Die globale Erhitzung ist ein erdgeschichtlich gesehen einmalig schneller Klimawandel, angefeuert durch die Verbrennung fossiler Energien wie Kohle, Öl und Gas durch die Menschen. Aber bezogen auf eine Zeit, in der in den USA ein Mann mit einer Aufmerksamkeitsspanne von unter fünf Minuten Präsident werden kann, ist das eine Ewigkeit.

Dazu kommt: Das Geschehen ist komplex und nicht linear. Zwar lässt sich klar und eindeutig sagen: Je mehr Kohlendioxid in der Atmosphäre eingelagert wird, desto stärker erhitzt sich der Planet. Doch welche Wirkungen das wo auf der Erde hat, ist keineswegs so eindeutig zuzuordnen. Die kalten Winter in Europa in den vergangenen drei Jahren können ebenso Folge der globalen Erhitzung sein wie die dramatisch schnelle Abfolge von verheerenden Dürren in Ostafrika.

Und doch ist keines dieser Ereignisse nur dem Klimawandel zu verdanken. Lokale Faktoren sind ebenfalls nicht zu unterschätzen. Die Dürren in Ostafrika werden dramatischer, weil die Erde sich erhitzt. Aber die Entwaldung, die Übernutzung der kargen Böden, die Übernutzung der Wasservorräte tragen ebenfalls zu den katastrophalen Auswirkungen der Dürren bei. Es gibt eine Verantwortung der industrialisierten Staaten für diese Dürren, aber es gibt auch eine Verantwortung der lokalen und nationalen Politiker in dieser Region. Und die geben sie gerne an den globalen Norden ab.

Im Wettergeschehen spielt der Zufall auch weiterhin eine große Rolle. Wetter ist ein chaotisches Geschehen. Eine Linie lässt sich erst nach einer Beobachtung von mindestens 30 Jahren ziehen, wenn aus Millionen von Wetterereignissen Klimatrends ablesbar werden.

Die Protokolle helfen theoretisch, aber nicht in der Praxis

Die globale Erhitzung entzieht sich dem kurzlebigen Nachrichtengeschäft, und das bringt die Klimaberichterstattung in ein moralisches Dilemma. Um den Klimawandel zu stoppen und das Klima zu stabilisieren, hätte eine wirksame Klimapolitik direkt nach der Veröffentlichung des ersten Berichts des Weltklimarats (IPCC) 1990 beginnen müssen. Hätte die Welt damals kollektiv den jährlichen Treibhausgasausstoß um ein bis zwei Prozentpunkte gesenkt, stünde die Welt heute an der Schwelle zur Stabilisierung. Dann hätten auch die kleinen pazifischen und karibischen Inselstaaten vielleicht noch eine realistische Überlebenschance. Und eigentlich hat die Weltklimapolitik vielversprechend angefangen. 1992 hat die Weltgemeinschaft mit der Verabschiedung der Klimarahmenkonvention geschworen, einen „gefährlichen Klimawandel“ zu verhindern. Fünf Jahre später stand mit dem Kyoto-Protokoll der erste Weltklimavertrag.

Tatsächlich hat diese theoretische Einigkeit wenig geholfen. Die USA haben das Kyoto-Protokoll von Anfang an untergraben. Aber auch die anderen Industrieländer hatten alle Mühe, die ihnen zugewiesenen Klimaziele zu erreichen. Schon in den späten 1990er Jahren war offensichtlich, dass das Handlungstempo nicht ausreichen würde, um die Welt vor der globalen Erhitzung zu bewahren. Die Weltgemeinschaft hat die Chance nicht genutzt, ihre Ökonomien mit Hilfe einer konsequenten Einsparung von Kohlendioxid (CO2) zu modernisieren. Noch immer gilt die Gewissheit des Reports des britischen Ökonomen Nicolas Stern von 2007, dass es um ein Vielfaches günstiger wäre, etwa ein Prozent der globalen Wirtschaftsleistung in den Klimaschutz, die Befreiung der Energiesysteme vom Kohlendioxid-Ausstoß zu investieren, als dauerhaft für die Kosten des Klimawandels geradezustehen. Doch je länger das Nicht-Handeln anhält, desto ungünstiger wird die Rechnung. Denn inzwischen werden immer höhere Kosten für die Bewältigung der klimabedingten Wetterkatastrophen fällig, während gleichzeitig noch immer nicht genug in den klimaverträglichen Umbau der Weltwirtschaft investiert wird.

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