Klimaschutz : Von nun an schützt die ganze Welt ihr Klima

Das Pariser Klima-Abkommen ist am 4. November 2016 in Kraft getreten. Noch nie ist ein internationaler Vertrag so schnell wirksam geworden. Nun haben sich alle Staaten in die Pflicht genommen, Kohlendioxid zu sparen.

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Dürren, Starkregen und andere Wetterkapriolen werden häufiger, wenn sich die Erde weiter erhitzt.
Dürren, Starkregen und andere Wetterkapriolen werden häufiger, wenn sich die Erde weiter erhitzt.Foto: Patrick Pleul/picture alliance / dpa

Ein „historischer Tag“ ist der 4. November für Eric Solheim, den neuen Chef des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (Unep). Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) sieht ihn sogar als „Zeitenwende“. Am Freitag ist das Pariser Klimaabkommen in Kraft getreten, der erste weltweite Vertrag, der nahezu alle Staaten zu mehr Klimaschutz verpflichtet. Noch nie ist ein internationaler Umweltvertrag so schnell wirksam geworden. Am 5. Oktober war die Schwelle für das Inkrafttreten überschritten: Mehr als 55 Staaten, die für mehr als 55 Prozent des globalen Treibhausgasausstoßes verantwortlich sind, hatten das Abkommen ratifiziert.

„Jetzt fängt die Arbeit erst an“, sagt Professor Nikolas Höhne, der für Unep den jährlichen „Emissions-Lücken-Report“ verfasst hat. Am Donnerstag stellte Solheim den Bericht vor und stellte fest: „Es reicht nicht.“ Die Klimaverpflichtungen, die die Pariser Vertragsstaaten zugesagt haben, bringen die Welt auf einen Pfad von etwa 3,2 Grad über dem Wert zu Beginn der Industrialisierung. In Paris hatten sich die Staaten aber darauf geeinigt, die globale Erhitzung auf unter zwei Grad, besser noch 1,5 Grad zu begrenzen. Greenpeace-Chefin Jennifer Morgan unterstützt diese Dringlichkeit. „Wir müssen jetzt handeln“, sagt sie. Noch sei es möglich, die Klimakatastrophe durch den Einsatz sauberer und cleverer Technologien auszubremsen. „Aber wenn wir den Zeitraum, in dem wir noch handeln können, verpassen, weil wir in schwachen nationalen Zielen gefangen sind, enden wir mit hohen Kosten, hohen Risiken und vielen Fragezeichen“, sagt sie.

2016 ist spitze - bei Wetterkatastrophen und Temperaturrekorden

Zehn Rekorde hat das Jahr 2016 schon gebrochen. Die Wahrscheinlichkeit, dass auch der November und der Dezember rekordwarme Monate werden, ist hoch. 2016 dürfte zum dritten Mal in Folge das jeweils wärmste Jahr seit Beginn der Temperaturmessungen werden. Und das liegt nicht nur an einem starken El-Niño-Ereignis, das 2015 begann und 2016 endete. Tatsächlich hat sich das pazifische Klimaphänomen mit den global steigenden Durchschnittstemperaturen überlagert.

Wetterkatastrophen gab es auf allen Kontinenten: Rekorddürren im Süden und Osten Afrikas, im Nahen Osten und in Kalifornien, Überflutungen nach Starkregenereignissen in Bayern, und eine Abschwächung des Golfstroms, der verhindert, dass es in Europa sehr kalt wird. Der Grund dafür ist die starke Temperaturerhöhung im hohen Norden. Das Eis in der Arktis schmilzt in Rekordtempo und auch das Tempo, mit dem die Gletscher auf Grönland schmelzen, alarmiert die Polarforscher. Nach dem Ende des El Niño erlebten die Karibik und Florida starke tropische Wirbelstürme. Der Hurrikan Matthew hinterließ in Haiti katastrophale Zerstörungen, und nagte an der Küstenlinie Floridas und South Carolinas.

Anpassung an den Klimawandel

In Miami Beach in Florida lässt Bürgermeister Philip Levine Mayor gerade für 400 Millionen Dollar Straßen erhöhen und Pumpen entlang der Küstenlinie bauen, damit die Flut wegen des steigenden Meeresspiegels nicht mehr die Straßen überschwemmt. Der Republikaner hat dafür die Steuern erhöht.

Allerdings können sich gerade arme Länder, die ebenfalls vom Meeresspiegelanstieg bedroht sind, Bauwerke wie in Miami Beach nicht leisten. Deshalb wird in Marrakesch auch die Frage, wie die Industriestaaten ihre finanziellen Zusagen für die Entwicklungsländer erfüllen wollen, einmal mehr eine wichtige Rolle spielen. Gipfel-Präsident Salaheddine Mezouar, der Außenminister Marokkos, verlangt, dass die bisherige Aufteilung der Mittel noch einmal überdacht wird. Bisher fließt viel mehr Geld in den Klimaschutz in Entwicklungsländern als in die Anpassung an den nicht mehr vermeidbaren Klimawandel.

So wird in den Ausbau erneuerbarer Energien beispielsweise in Afrika investiert. Deutschland hat vor einem Jahr eine Initiative mit zunächst drei Milliarden Euro gestartet, die im Verlauf des Pariser Gipfels auf zehn Milliarden Euro angewachsen ist. Die ersten Projekte würden nun geplant, sagte Barbara Hendricks im Vorfeld des Klimagipfels. Oder es wird in den Erhalt tropischer Regenwälder investiert. Die Entwicklungsländer kritisieren schon lange, dass zu wenig für die Anpassung getan werde. Allerdings gibt es keine Einigkeit darüber, was sinnvolle Anpassungsinvestitionen überhaupt sind. Regenwasser-Reservoirs sind relativ unumstritten. Aber was ist mit großen Dammbauprojekten an den Küsten? Wo endet da die Anpassungsfähigkeit, wenn der Klimawandel nicht gebremst wird? Das sind Fragen, über die in Marrakesch gestritten werden dürfte.

Mit dem Elektro-Motorrad nach Marrakesch

Für die deutsche WWF-Klimachefin Regine Günther gehört das zu einer „neuen Ernsthaftigkeit und Dynamik in der internationalen Klimapolitik“, die sie seit der Verabschiedung des Pariser Klimaabkommens wahrnimmt. Allerdings sagt ihr Pressesprecher Jörn Ehlers: „Der Klimawandel hat die Politik überholt.“ Er hat sich sich am Donnerstag gemeinsam mit Frank Krippner, der für den Ökostromanbieter Lichtblick arbeitet, auf einem Elektro-Motorrad auf den Weg zum Klimagipfel nach Marrakesch gemacht, der am Montag beginnt. Die beiden E-Motorradfahrer wollen die rund 4000 Kilometer kurz vor dem Ende des Gipfels in zwei Wochen bewältigt haben. Der Tagesspiegel begleitet ihre Reise online (www.tagesspiegel.de/themen/emobility/).

Die Arbeit beginnt jetzt

Warum das Inkrafttreten des Paris-Abkommens dennoch ein „Geschenk der Hoffnung“ ist, wie es die neue UN-Klimachefin Patricia Espinosa vor kurzem ausgedrückt hat, zeigt sich beim Blick auf die Klimaschutzanstrengungen in aller Welt. Es waren die größten Emittenten, China und die USA, die mit ihrer Blitz-Ratifizierung auch die Europäische Union und große Schwellenländer unter Druck gesetzt haben, es ihnen nachzutun. Die Kommunistische Partei in China steht unter enormem Druck, weil die neuen Mittelschichten die schlechte Luft in den Städten nicht mehr akzeptieren. Deshalb beschleunigt China den Ausbau der Wind- und Solaranlagen und hat den Bau von mehr als 100 neuen Kohlekraftwerken gestoppt. Auch die USA können durch ihren Kohleausstieg in der Stromproduktion die selbst gesetzten Klimaziele erreichen. Wenn in den USA Stromerzeugungskapazitäten ausgeschrieben werden, gewinnen immer öfter Windparks diese Auktionen, weil sie viel billiger Strom erzeugen können als neue Kohle- oder gar teure Atomkraftwerke.

Beim Weltsiedlungsgipfel Habitat III spielte der kohlenstofffreie Transport bereits eine Hauptrolle in den Diskussionen über die künftige Stadtentwicklung. In dieser Woche legte auch eine von UN-Generalsekretär Ban Ki Moon 2014 eingesetzte Beratergruppe ihren Bericht über die Verkehrsinfrastruktur und ihre Rolle im Klimaschutz vor. Die Berater unter dem Vorsitz von Volvo-Chef Martin Lundstedt ist zu dem Schluss gekommen, dass der Bau einer klimafreundlichen Verkehrsinfrastruktur nicht teurer wäre als der Bau einer konventionellen klimaschädlichen. Etwa zwei Billionen Dollar im Jahr an Investitionen wären nötig. Aber das Geld müsste eben anders ausgegeben werden.

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