Kolumne "Mon BERLIN" : Als hätte man in Deutschland Loriot ermordet

Für eine Idee sterben - das war ihr Abitur-Thema in Philosophie. Damals wie heute fühlt sich unsere französische Kolumnistin Charlie Hebdo ganz nah und erklärt, warum.

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Tagesspiegel-Kolumnistin Pascale Hugues liest und diskutiert im Tagesspiegel-Salon.
Tagesspiegel-Kolumnistin Pascale Hugues.Foto: Thilo Rückeis

Für eine Idee sterben. Das war bei meinem Abitur das Thema in Philosophie. Vier Stunden schwitzten wir darüber. Natürlich schrieben wir in Großbuchstaben „OUI!“ auf das weiße Examenspapier. Wir waren 18 Jahre alt, wir hatten große Ideale im Kopf, ohne Risiko. Uns drohte doch kein Verlust. Vor allem nicht der des Lebens, in das wir mit beiden Beinen voran springen wollten. Natürlich lasen wir Charlie Hebdo. Eine Kultzeitschrift. Die meisten von uns sahen ein bisschen aus wie der große Duduche von Cabu, der leicht verlotterte, schüchterne Jugendliche mit seiner runden Brille, seinen Jeans und seinen Turnschuhen. In unserer Lektüre stand la BD, la bande dessinée, der Comic, gleichberechtigt neben Camus und Balzac. Nicht weniger bedeutend. Sondern eine Kunst. Die Karikaturisten von Charlie Hebdo waren ihre Meister.

Dienstagmorgen starben Cabu und Wolinski für eine Idee: die Gedankenfreiheit. Zwei junge Männer mit Kalaschnikows erschossen aus nächster Nähe zwei mit Bleistiften bewaffnete alte Herren. Als ich ihr Alter im Radio hörte, war ich baff. Was? Cabu, 76 Jahre alt? Seine ewig junge Pagenfrisur, seine Zärtlichkeit, sein beißender Humor … Wolinski, 80 Jahre alt? Mir war nie der Gedanke gekommen, sie könnten seit meinem Abitur älter geworden sein. Für mich sind sie immer große Jungen geblieben, frech, ungezogen. Mehrere Generationen Franzosen haben die Compagnons eines ganzen Lebens verloren. Lange habe ich darüber gegrübelt, wie ich den Deutschen das Ausmaß des Verlusts begreiflich machen kann. Cabu und Wolinski – ein bisschen ist das, als hätte man in Deutschland Loriot ermordet.

Charlie Hebdo verkörperte den französischen Widerspruchsgeist

Der Sarkasmus, der Spott, die Provokation … sie verkörperten einen durch und durch französischen Widerspruchsgeist. Sie kannten kein Tabu, nicht einmal die Religion. Keine wurde von ihnen verschont. Vor allem über Dogmen zogen sie her, über die Torheit der Bigotten aller Konfessionen. Wolinski klagte einmal: „Früher sind uns nur die Katholen auf die Eier gegangen. Jetzt müssen wir uns gleich mit drei Religionen plagen!“ In Charlie Hebdo wurden der Papst und die Bischöfe aus allen Perspektiven verspottet. Auch die orthodoxen Rabbiner bekamen ihr Fett ab. Die französische Gesellschaft ist die säkularste in ganz Europa. Im Jahr 1905 wurde das Gesetz über die Trennung von Staat und Kirche verabschiedet. Die sarkastische Einstellung zur der Religion hat Tradition.

Die Zeichner von Charlie Hebdo waren liebenswürdig - und Pazifisten

Sie waren die liebenswürdigsten Männer der Welt, die sanftesten, Pazifisten … unablässig wiederholen es seit Dienstag die, die sie gut kannten. Ja, nur mit viel Empathie kann man die Welt und die Verschlingungen der menschlichen Seele zeichnen. Die großen Humoristen sind ausgesprochen sensibel. Cabu zeichnete von morgens bis abends und überall. Manchmal sah man ihn auf einer Caféterrasse über seinen Block gebeugt.

Vor ein paar Tagen sah ein Freund von Wolinski diesen, wie er die kleine Kirche von Saint-Germain-des-Prés zeichnete. Wolinski kam damit einfach nicht zurande. Er würde nicht aufgeben, schwor er. „Man muss sich vor denen in Acht nehmen“, sagte Roland Topor, auch er ein großer französischer Karikaturist, „die Sonnenuntergänge und kleine Kätzchen zeichnen.“ Vor denen, die das fade und angepasste Porträt einer komplexen Gesellschaft malen. Im Charlie Hebdo waren die Kätzchen bedrohlich, sexuell hyperaktiv. Sie rauchten Joints und provozierten alle und jeden.

Die Franzosen gehen auf die Straße, um eine Idee zu verteidigen: Die Gedankenfreiheit

Es ist nicht leicht, an dieser Stelle das Pathos und den Ton der Sonntagspredigt zu umgehen. Das Karussell der abschließenden Meinungen und Analysen, das sich seit Dienstag in den Medien dreht, macht mich ganz schwindlig. Zeit, einen Moment zu schweigen. Morgen um 15 Uhr werden in Paris Zehntausende auf die Straße gehen. Politiker, Künstler, Charlie-Leser, gewöhnliche Bürger, Abiturienten von einst … sie alle werden sich, geeint, auf der Place de la République versammeln. Vor der französischen Botschaft am Pariser Platz werden auch wir zu mehreren Hundert sein. Seite an Seite werden wir vorangehen, um eine schöne Idee zu verteidigen: die Gedankenfreiheit.

Aus dem Französischen übersetzt von Elisabeth Thielicke.

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