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Konflikte in der Spitze des Zentralrats der Juden : Generalsekretär Stephan Kramer geht

Belastet war das Verhältnis zwischen Dieter Graumann, dem Präsidenten des Zentralrats der Juden, und seinem Generalsekretär Stephan Kramer wohl schon länger. Jetzt wurde offenbar die Reißleine gezogen, einen Nachfolger in der Funktion wird es nicht geben.

Stephan Kramer
Stephan KramerFoto: dpa

Der langjährige Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, Stephan J. Kramer, gibt seinen Posten auf. Er scheidet bereits Ende Januar aus dem Amt aus, wie der Zentralrat am Donnerstag in Berlin mitteilte. Offiziell hieß es, er beende seine Tätigkeit auf eigenen Wunsch. Über die Gründe wurde nichts bekannt gegeben. Bereits am Mittwoch soll sich Kramer von den Mitarbeitern des Zentralrats in Berlin verabschiedet haben

Kramer, geboren 1968 in Siegen, amtierte zehn Jahre lang als Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland. Zuvor war der gelernte Jurist und Volkswirt unter anderem Verwaltungschef der Organisation. Er begleitete zum Beispiel die Verhandlungen zum ersten Staatsvertrag zwischen dem Zentralrat und der Bundesregierung, die Reform des Zuwanderungsrechts 2005 und die Beschneidungsdebatte.

Kramer, der als Erwachsener zum Judentum konvertierte, gilt nicht nur in den Gemeinden, sondern auch in der Politik als gut vernetzt, rhetorisch geschickt und ehrgeizig. In der Vergangenheit trat er häufig als Repräsentant des Zentralrats öffentlich in Erscheinung, sei es in publizistischen Beiträgen oder bei Veranstaltungen. Zum Beispiel nahm Kramer als Vertreter des Gremiums vergangenes Jahr am Gedenken zum 9. November 1938 in Eberswalde teil, wo Bundespräsident Joachim Gauck eine Rede hielt.

Innerhalb des Zentralrats war Kramers Allgegenwart, so ist zu hören, umstritten. Zentralrats-Präsident Dieter Graumann soll ebenfalls verschiedentlich mit ihm über Kreuz gelegen haben – auch in politischen Fragen. So hat sich Kramer mehrfach öffentlich gegen ein NPD-Verbotsverfahren ausgesprochen. Dagegen zählt Graumann zu den überzeugten Befürwortern eines Prozesses gegen die rechtsextreme Partei vor dem Bundesverfassungsgericht. Die Pressemitteilung zum Ausscheiden Kramers enthielt aber keinen Hinweis auf Konflikte. Graumann erklärte, Kramer habe „herausragend und vertrauensvoll“ zum Wohle der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland gewirkt. Von einem Zerwürfnis ist keine Rede.


Für Kramer bieten sich jetzt neue Wege an, womöglich im Hinblick auf die anstehende Europawahl oder auf mögliche Neuwahlen in der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Von Kramer hieß es schon in zurückliegender Zeit, er habe Ambitionen auf den Chefposten. Einen neuen Generalsekretär im Zentralrat soll es indes nicht mehr geben. Er will vielmehr in Kürze den Posten eines Geschäftsführers ausschreiben.

Im Herbst 2012 war Kramer nach eigenen Angaben in Charlottenburg bedroht worden. Er sagte damals, der Mann habe sich offenbar von seinem Gebetsbuch provoziert gefühlt. Doch auch der Beschuldigte erstattete gegen Kramer Anzeige wegen Bedrohung. Der noch amtierende Generalsekretär hatte zugegeben, er habe seinem Gegenüber gesagt, dass er eine Pistole trage und sie ihm auch gezeigt. Die Ermittlungen gegen den Passanten wurden im Januar 2013 eingestellt.

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