Kontrafaktische Geschichte : Wenn Hitler England erobert hätte

Was wäre, wenn die Nazis den Zweiten Weltkrieg gewonnen hätten? Mit solchen kontrafaktischen Versionen der Geschichte befasst sich der britische Historiker Richard J. Evans in seinem neuen Buch. Dabei geht er auch mit der eigenen Zunft ins Gericht.

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Premier statt Churchill. Wäre der britische Nazi-Führer Oswald Mosley (hier 1934 in der Royal Albert Hall) bei einer Eroberung Englands durch die Deutschen in die 10 Downing Street eingezogen? Foto: Imago
Premier statt Churchill. Wäre der britische Nazi-Führer Oswald Mosley (hier 1934 in der Royal Albert Hall) bei einer Eroberung...Foto: IMAGO

Auf der englischen Originalausgabe des Buches sehen wir einen Astronauten, der gerade auf dem Mond gelandet ist. Er hat eine sowjetische Fahne vor sich aufgepflanzt. Auf dem Umschlag der deutschen Ausgabe steht ein siegreicher Hitler vor der amerikanischen Freiheitsstatue. So unterschiedlich können die Vorstellungen von kontrafaktischen Geschichtsverläufen sein. Im Allgemeinen beflügelt Adolf Hitler die Fantasie wesentlich stärker, als es sowjetische Kosmonauten tun. Bis heute hat dieser vielleicht Dämonischste unter den Großverbrechern der Geschichte des vergangenen Jahrhunderts wenig von seiner Anziehungskraft eingebüßt.

„Er ist wieder da“ hieß vor zwei Jahren ein Bestsellererfolg. Als Held kontrafaktischer Erzählungen war Hitler nie weg. Entweder hat er am Ende doch noch den Zweiten Weltkrieg gewonnen und beherrscht nun die Erde oder doch wenigstens Europa. Oder er hat den Krieg verloren, ist aber dann mit einem Vril-U-Boot nach Südamerika entkommen, um von dort sein Comeback vorzubereiten. Als Projektionsfläche für Ängste vor den Deutschen taugt er bis heute.

Hierzulande gehen die Überlegungen oftmals in eine andere Richtung. Hätte man 1933 die „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten verhindern können, wäre ein alternatives Szenario zu Hitlers Ernennung zum Reichskanzler denkbar gewesen? Richard Evans diskutiert auch diese Frage und argumentiert, im neuen Buch nicht zum ersten Mal, dass die Fortsetzung der Weimarer Republik kein realistisches Szenario war, dass aber durchaus die Errichtung eines autoritären Militärregimes wie in anderen europäischen Staaten auch in Deutschland möglich gewesen wäre. Und er verweist ganz zu Recht darauf, dass der Verlauf der Geschichte ein anderer gewesen wäre, wenn – kein unrealistisches Szenario – der Gefreite Hitler im Ersten Weltkrieg gefallen wäre. Es geht ihm um Kontingenz, das Spannungsverhältnis zwischen Kausalität und Offenheit in der historischen Entwicklung. Sie gilt es zum einen zu verteidigen gegen rigiden Determinismus, wie er orthodoxe Marxisten auszeichnen kann, und zum anderen gegen haltlose Spekulationen, hinter denen sich oft genug nur Wunschdenken verbirgt.

Das eigentliche Thema des Autors ist die englische Geschichtsschreibung

Hervorgegangen ist das Buch aus Vorlesungen, die Richard Evans auf Einladung der Historical Society of Israel 2013 in Jerusalem gehalten hat. Die vier Essays über Wunschdenken, virtuelle Geschichte, Zukunftsfiktionen und mögliche Welten kreisen um die Fragen von Determinismus und Kontingenz, Faktizität und Zufall, die Aporien des Strukturalismus ebenso wie die Untiefen kontrafaktischen Spekulierens, ohne dass immer eine rigorose Systematik dabei waltet. Richard Evans, einer der berühmtesten britischen Historiker, der zahlreiche grundlegende Werke zur deutschen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts vorgelegt hat, nutzt die Gelegenheit, um auch seine eigenen historiografischen Überzeugungen zur Geltung zu bringen.

Der Historiker muss den Verlauf der Geschichte erklären können: „Ein Historiker, der keine Erklärungen liefert, begibt sich auf die Stufe eines reinen Chronisten.“ Wer aber erklären kann, glaubt nicht gerne an Zufälle. Und so ist es nicht überraschend, dass Evans sich zwar über 200 Seiten hinweg immer wieder mit kontrafaktischen Überlegungen auseinandersetzt, aber diese Auseinandersetzung am Ende immer wieder darauf hinausläuft, dass er nicht so sehr viel davon hält. Evans’ Überzeugung ist es, dass kontrafaktische Spekulationen wenig Überzeugungskraft besitzen, weil durch die Veränderung eines einzigen Ausgangsereignisses allzu viele andere Glieder der anschließenden Kausalkette unter den Tisch fallen. Das Prinzip der „ceteris paribus“, dass man bei sonst gleichen Bedingungen nur eine Variable verändert, eine Grundvoraussetzung valider Experimente, funktioniert in der Geschichte nicht.

Das eigentliche Thema des Autors ist die englische Geschichtsschreibung, mit der er sich intensiv auseinandersetzt, sowohl mit den konservativen Historikern der Zwischenkriegszeit als auch mit der kontroversen Persönlichkeit von Niall Ferguson, an dem sich Evans immer wieder ausführlich abarbeitet. Wir erfahren eine Menge über die englische Geschichte des vergangenen Jahrhunderts. Viele der kontrafaktischen Szenarien kreisen um die Frage, welche politischen Kräfte im Lande die Oberhand gewonnen hätten, wenn den Deutschen im Ersten oder im Zweiten Weltkrieg die Besetzung Großbritanniens gelungen wäre. Wäre der britische Nazi Oswald Mosley Chef einer Marionettenregierung geworden oder hätte der konservative Außenminister Samuel Hoare die Rolle eines britischen Quisling übernommen? Und wie hätte der weitere Weg von Lord Halifax ausgesehen, der vielen als Architekt der Appeasement-Politik gilt?

Ein Plädoyer gegen politisch motivierte Fantasien

Konservative, die dem untergegangenen British Empire nachtrauern, diskutieren andere kontrafaktische Überlegungen. Sie fragen, wie der Verlauf der Geschichte wohl gewesen wäre, wenn Großbritannien sich im Ersten und/oder Zweiten Weltkrieg neutral verhalten hätte, ob es dann möglich gewesen wäre, das Britische Weltreich zu erhalten, möglicherweise um den Preis eines Deutschen Reiches, das den europäischen Kontinent dominiert. Diese Beispiele zeigen, dass es den Autoren oft weniger um historischen Erkenntnisgewinn als um Wunschdenken geht, und da lässt Evans keine Gnade walten. Insbesondere Fergusons Überlegungen, dass Großbritannien 1914 den falschen Krieg geführt habe, widerlegt er in genüsslicher Ausführlichkeit.

Einen breiten Raum nimmt bei Evans der Euroskeptizismus der Ära Thatcher ein, der sich vor allem auch gegen ein übermächtiges Deutschland richtete, dessen Wiedervereinigung womöglich zu einem Vierten Reich führen könnte. Die Modernisierungskrise Großbritanniens, auf die Thatcher mit einem radikalkonservativen Reformprogramm antwortete, führte zu einer Renaissance der Verherrlichung der Rolle Großbritanniens im Zweiten Weltkrieg und andererseits zu einer dramatisch verstärkten Angst vor einem wiedererstarkten Deutschland als dominierender Macht in Europa.

Das Paradebeispiel eines kontrafaktischen Romans euroskeptischer Prägung war „Vaterland“ von Robert Harris, ein Weltbestseller, der zwei Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung erschien und davon ausging, dass Hitler den Zweiten Weltkrieg gewonnen hatte und Deutschland nun Europa dominierte. Evans zitiert Harris: „Man muss nicht die Ansichten von Margaret Thatcher teilen, um zu erkennen, wie sehr das, was die Nazis in Westeuropa vorhatten, dem ähnelt, was im Bereich der Wirtschaft nun Wirklichkeit geworden ist.“

Richard Evans geißelt mit bemerkenswerter Deutlichkeit die radikale Verschlechterung der Einstellung der Briten gegenüber Deutschland in jener Zeit: „War es in Großbritannien während des Zweiten Weltkriegs normal, sich vor einer von bösen Nazis dominierten europäischen Zukunft zu fürchten, so war es in britischen euroskeptischen Narrativen der 1990er Jahre normal zu glauben, dass diese Zukunft längst Gegenwart geworden sei oder doch unmittelbar bevorstehe.“ Die den Durchschnittseuropäer immer wieder von Neuem in Erstaunen versetzende britische Widerspenstigkeit gegenüber dem europäischen Einigungsprozess gewinnt hier an Plastizität.

Im letzten seiner vier so unterhaltsamen wie lehrreichen Essays wendet Evans sich explizit gegen politisch motivierte Fantasien. Ihnen fehlt das Erkenntnisinteresse, an seine Stelle tritt interessegeleitetes Wunschdenken. Beliebigkeit und Oberflächlichkeit prägen die Szenarien. Am Ende aller Erörterungen kommt der Autor immer wieder zu seiner Überzeugung zurück, dass die kontrafaktische Perspektive „keineswegs von zentraler, sondern vielmehr von marginaler Bedeutung“ ist. Ihre Motive wurzeln in der Gegenwart und schon deshalb hat sie es schwer, zur Erforschung des Vergangenen einen wirklich veritablen Beitrag zu leisten. Lange ist uns das nicht mehr so elegant erklärt worden wie in Richard Evans’ neuem Buch, das Richard Barth vorzüglich ins Deutsche übersetzt hat.

– Richard J. Evans: Veränderte Vergangenheiten. Über kontrafaktisches Erzählen in der Geschichte. Deutsche Verlagsanstalt, München 2014. 220 Seiten, 19,99 Euro.

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