Kontroverses Buch : Sarrazins Zahlendreher

06.01.2011 17:32 UhrVon Andrea Nüsse
  • Ein Jahr ist es her, dass Thilo Sarrazins Buch in den Läden stapelweise auslag. Die Debatte über seine Thesen ist noch nicht beendet. - Foto: dpa
  • Im Frühjahr 2011 stritt die SPD über das Parteibuch des Genossen: Der ehemalige Finanzsenator ist am 21.04.2011 im Rathaus von Berlin Wilmersdorf auf dem Weg zu einer Anhörung... - Foto: dpa
  • Am 21.04.2011 beginnt die Verhandlung zum Parteiausschlussverfahren gegen Thilo Sarrazin. - Foto: dpa

Berliner Wissenschaftler nehmen Sarrazins Umgang mit Statistiken in den Blick – und korrigieren ihn. Ist der umstrittene Autor ein "statistischer Analphabet"? Liebe Leser, diskutieren Sie mit!

Berlin – Mit Grauen hat Hans Wolfgang Brachinger die Debatte um Thilo Sarrazins umstrittenen Bestseller „Deutschland schafft sich ab“ verfolgt. Dem Ordinarius für Statistik an der Universität Freiburg und Präsidenten der Bundesstatistikkommission bereitete der Umgang mit den Daten und Zahlen Bauchschmerzen, auf die Sarrazin seine Thesen von der angeblichen Unfähigkeit und dem Unwillen muslimischer Migranten, sich zu integrieren und zur Volkswirtschaft beizutragen, stützt. „Statistischen Analphabetismus“ sieht er am Werke – aufseiten Sarrazins, aber auch aufseiten der Gegner und Journalisten, die sich mit dem Zahlenwerk herumschlugen.

Brachingers Vorwurf: Sarrazin habe Datensätze des Statistischen Bundesamtes der „einfachsten Art“, nämlich rein deskriptiver Natur, für Schlussfolgerungen genutzt, die aus den Datensätzen nicht zu begründen sind.

Aufatmen können Brachinger und politische Kritiker der Sarrazin-Thesen jetzt, weil eine wissenschaftliche Studie nun den Umgang des Ex-Bundesbankers mit Statistiken kritisch unter die Lupe nimmt und ihn mit Datenmaterial konfrontiert, das teilweise völlig andere Schlüsse zulässt. „Sarrazins Thesen auf dem Prüfstand“ heißt die 70-seitige Schrift eines interdisziplinären Forschungsteams an der Humboldt-Universität in Berlin, das seit zweieinhalb Jahren ein Projekt über „Hybride Identitäten“ in Deutschland betreibt. Unter Leitung der Politologin Naika Foroutan hat sich die Forschungsgruppe, „mit Hilfe eines in der Auswertung von statistischem Datenmaterial geschulten Fachpersonals“ durch den Statistikdschungel geschlagen.

Entstanden ist ein „empirischer Gegenentwurf zu Thilo Sarrazins Thesen“. Erste Anmerkung: Der Mikrozensus des Statistischen Bundesamtes, den Sarrazin hauptsächlich heranzieht, fragt überhaupt nicht nach religiöser Zugehörigkeit, sondern nur nach nationaler Herkunft. Alle Menschen aus überwiegend muslimischen Ländern würden pauschal als „Muslime“ gefasst.

In mindestens einem Fall weisen die Wissenschaftler Sarrazin nach, dass er eine Statistik falsch verstanden hat: So untermauert Sarrazin seine These, dass Muslime in Parallelgesellschaften verharren wollen, damit, dass Frauen zunehmend das muslimische Kopftuch trügen. Beleg ist eine Bertelsmann-Studie, die zudem zeige, dass unter den 18–29-jährigen Musliminnen bereits 34 Prozent das Kopftuch trügen. Die Studie hat laut den HU-Forschern aber lediglich allgemein gefragt, ob eine muslimische Frau ein Kopftuch tragen sollte. Geprüft wurde also die Zustimmung zum Kopftuch, nicht aber, ob die befragten Frauen tatsächlich ein Kopftuch tragen. Eine spezifische Studie über Muslimisches Leben in Deutschland des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge zeige zudem den genau gegenläufigen Trend: In der zweiten Generation trügen sieben Prozent weniger Musliminnen ein Kopftuch.

Beim Schulabschluss zeigt diese Studie, dass unter türkischstämmigen Personen in der zweiten Generation überproportional viele einen höheren Schulabschluss als die Eltern erwarben. Was wenig überrascht, weil das Bildungsniveau der ersten Generation extrem niedrig war. Die Defizite bleiben groß, aber die Zahlen widersprechen der These Sarrazins, es gebe keine positive Entwicklung. Muslime aus Iran dagegen haben zu über 80 Prozent die Hochschulreife – sie entstammen anders als die türkischstämmigen Migranten aber in der Regel eben der gebildeten Mittelschicht.

Der neue Blick auf die von Sarrazin verwendeten Statistiken und die Gegenüberstellung mit anderen, teilweise spezifischeren Datensammlungen ist hilfreich und relativiert manche Zahl und Aussage Sarrazins. Allerdings schießen die Autoren manchmal über das Ziel hinaus: Es ist Unsinn, Sarrazins Klage, dass türkischstämmige Migranten nur selten Deutschstämmige heiraten, mit dem Nachweis zu kontern, dass Deutschstämmige auch unter sich bleiben und zu 92 Prozent mit Deutschstämmigen verheiratet sind.

Was meinen Sie? Ist Thilo Sarrazin ein "statistischer Analphabet"? Liebe Leser, diskutieren Sie mit!

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