Koranverteilung : Marketing für Radikale

Die Behörden halten das kostenlose Verteilen des Koran auch für eine Aktion unter Salafisten – es geht um Einfluss und Rivalität.

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Umsonst. Die als radikal geltenden Salafisten verteilen in einigen Fußgängerzonen kostenlose Exemplare des Koran (wie hier vor einer Woche in Offenbach). Die Aktion ist umstritten. Foto: Mario Vedder/dapd
Umsonst. Die als radikal geltenden Salafisten verteilen in einigen Fußgängerzonen kostenlose Exemplare des Koran (wie hier vor...Foto: dapd

Die Sicherheitsbehörden halten die kostenlose Verteilung des Koran durch radikale Islamisten für eine Propagandaaktion, mit der nicht nur neue Anhänger geworben, sondern auch Führungsrollen innerhalb der Szene neu besetzt werden sollen. Der Kölner Geschäftsmann Ibrahim Abou-Nagie, der die Aktion organisiert hat, gewinne dadurch öffentliches Profil – „das hat auch Auswirkungen auf die eigene Szene“, hieß es am Freitag aus Sicherheitskreisen. Das bekannteste Gesicht der radikalen Salafisten (siehe Kasten) war im deutschsprachigen Raum bisher der Prediger Pierre Vogel. Er soll sich inzwischen aber in Ägypten aufhalten. Das Rivalitätsverhältnis zwischen beiden könnte sich jetzt zugunsten Abou-Nagies verschieben.

Der Kölner hat im vergangenen November die Aktion „Lies!“ gestartet; die Initiatoren wollen am Ende 25 Millionen Exemplare des Koran unters Volk gebracht haben. Die Ulmer Druckerei Ebner & Spiegel hat bereits 300 000 davon geliefert, will weitere Aufträge aber nun stornieren. Auch an diesem Wochenende sollen in Fußgängerzonen an angeblich 38 Orten – darunter Berlin, Hamburg, Kiel, Lübeck, Offenbach, Wiesbaden, Bonn und Darmstadt – Koranausgaben verteilt werden. Die Behörden erklärten dazu, das müsse man „grundsätzlich hinnehmen“ und das sei „auch gut so“ in einem freiheitlich-demokratischen Rechtsstaat. Zum Einschreiten „sehen wir keinerlei Anlass und keine Rechtsgrundlage“. Anders sei es, wenn an den Ständen auch Hassreden gehalten und Volksverhetzung betrieben werde. Die Aktion am Wochenende werde „genau beobachtet“. In Ludwigshafen wurde ein Infostand mit dem Argument verboten, er sei zu spät beantragt worden.

Gegen die mutmaßlichen Urheber eines Videos, in dem ein Journalist der „Frankfurter Rundschau“ wegen kritischer Berichterstattung über die Buchverteilung bedroht wurde, wird inzwischen ermittelt, bestätigte das Innenministerium. Bei den Drohungen gegen einen Tagesspiegel- Journalisten handelt es sich offenbar um eine Verwechslung.

Anlass zur Beobachtung sehen die Behörden auch für die Pläne der Rechtspopulisten von „Pro NRW“. Sie wollen mit einem antiislamischen Karikaturenwettbewerb im laufenden nordrhein-westfälischen Landtagswahlkampf Stimmung machen. Auch das sei durch das Recht auf freie Meinungsäußerung und die Freiheit der Kunst geschützt, hieß es in Sicherheitskreisen. Überlegungen der Landesbehörden, sich die Karikaturen vor der Veröffentlichung – „Pro NRW“ will sie vor großen Moscheen ausstellen – vorlegen zu lassen, hätten wohl „rechtlich wenig Aussicht auf Erfolg“. Die zuständigen Kollegen in Nordrhein-Westfalen verfolgten das Geschehen aber: „Wir interessieren uns für ,Pro NRW’.“

Aus Politik und Kirchen wurden am Freitag erneut Stimmen laut, die vor den Koran-Gratisexemplaren warnten. Ein Sprecher des Bundesinnenministeriums erklärte, sein Haus nehme „die aktuellen salafistischen Bestrebungen sehr ernst“. Der Fraktionsgeschäftsführer der SPD im Bundestag, Thomas Oppermann, erklärte, die Salafisten benutzten Religion nur als Deckmantel und betrieben in Wahrheit aggressive Propaganda. „Hiergegen müssen wir uns mit allen Mitteln des Rechtsstaats schützen.“ Am Vortag hatten Unionspolitiker die Aktion scharf verurteilt. Der Sprecher der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau betonte zwar, dass Religionsfreiheit auch in diesem Falle gelte. Es komme aber darauf an, ob eine seriöse Gruppe dahinter stehe.

Auf muslimischer Seite wurde vor Überreaktionen gewarnt. Der Koordinationsrat der Muslime, die Vertretung der vier großen muslimischen Verbände Islamrat, Ditib, VIKZ und Zentralrat der Muslime, nannte es legitim, den Koran zu verteilen. Es sei aber „berechtigt zu fragen, was durch die Aktion ,Lies’ bezweckt werden soll“. Wer sich für das heilige Buch des Islam interessiere, habe viele Möglichkeiten, auch im Internet, nicht nur an Text, sondern auch Übersetzungen und Kommentare zu kommen. Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime, Aiman Mazyek, hatte tags zuvor kritisiert, dass die massenhafte Verteilung des Korans ihn zur „Massenware“ degradiere und die Gefahr berge, dass er im Altpapier landet.

Auch die Theologin Lamya Kaddor hat grundsätzlich nichts dagegen, den Koran kostenlos zu verteilen. Sie wies im Deutschlandfunk aber darauf hin, dass die Lektüre nicht reiche. Kein Mensch könne den Koran „einfach so verstehen, ohne weitere Erklärung“. Um die Gefährdung junger Muslime durch das Gedankengut der Salafisten mache sie sich aber weniger Sorgen: Wer in einem muslimischen Elternhaus aufgewachsen ist, sei vermutlich weniger anfällig für eine Radikalisierung als Konvertiten, die mit dem Islam noch kaum in Berührung gekommen seien.

Der Religionssoziologe Rauf Ceylan von der Universität Osnabrück sagte, eines ihrer Ziele hätten die Initiatoren bereits erreicht: „Jeder spricht jetzt über Salafisten.“ Ihre Attraktivität liege „in der Vereinfachung der Religion durch klare Verbote und Gebote. Man hat nach ihrem theologischen Verständnis zu leben, sonst kommt man nicht ins Paradies“.mit dpa/dapd/KNA

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