Krankenhaus statt Hausarzt : Gebt den Kliniken mehr Geld für die Notaufnahme

Die Krankenkassen verteilen das Geld der Patienten – für stationäre Eingriffe gibt's mehr als für ambulante Besuche. Das ist richtig, doch gerade deswegen brauchen die Kliniken neue Mittel. Ein Kommentar.

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Fachkräfte versorgen in einer Notaufnahme einen Betrunkenen. Die Rettungsstellen aber werden dafür kaum bezahlt.
Fachkräfte versorgen in einer Notaufnahme einen Betrunkenen. Die Rettungsstellen aber werden dafür kaum bezahlt.dpa

Einverstanden, das Gute zuerst: Das deutsche Gesundheitswesen gehört zu den weltbesten, es steht für Spitzenforschung, Hightech, hochqualifizierte Pflegekräfte und Ärzte. Deshalb reisen jedes Jahr zu Tausenden arabische Scheichs und russische Geschäftsleute an – sie wollen hier behandelt werden. Und auch den meisten Bundesbürgern erweisen die 2000 Krankenhäuser des Landes gute, solide Dienste.

Ob das jedoch so bleibt, ist ungewiss. Denn im deutschen Gesundheitswesen wird falsch verteilt – zulasten der Kliniken. Überfüllte Rettungsstellen, Betten auf den Fluren, Angriffe auf Ärzte und Pflegekräfte sind die Folge. Jedes Jahr kommen hunderttausende Patienten mehr in die Rettungsstellen als im Vorjahr. Dabei ist jeder zweite Patient gar kein Notfall, muss aber von Fachkräften begutachtet werden, bevor die sich ernsthaft Kranken widmen können. Doch selbst diejenigen, die Notfälle sind und einwandfrei versorgt werden, merken: Pflegekräfte und Ärzte sind im Dauerstress, es drohen Behandlungsfehler, von den üblichen Hygienemängeln mal abgesehen.

Was also tun? Zunächst mal sagen, was ist. Das alte System funktioniert nicht mehr. Bisher galt: mit kleinen Beschwerden zum Hausarzt um die Ecke, mit Wunden und Akutem in die Klinik. Nun tummeln sich in den Rettungsstellen nicht nur immer mehr Patienten mit Bagatellen, es kommen auch Flüchtlinge hinzu, die aus ihrer Heimat keine Hausarztpraxen kennen.

Entscheidender aber ist, dass sich niedergelassene Ärzte seit jeher als von Weisungen unabhängige Freiberufler verstehen – und ihre Standesvertretung diesen Anspruch verteidigt. An Wochenenden, Feiertagen, Abenden sind Praxen oft zu. Das ist lange kein Drama gewesen, der vergleichsweise geregelte Alltag in den Praxen hat sogar dazu beigetragen, dass sich Patienten aufgehoben gefühlt haben – anders als auf den hektischen Klinikfluren. Doch weil die Niedergelassenen gesetzlich das Monopol auf ambulante Versorgung haben, gerät das System an seine Grenzen.

Bagatellfälle kosten die Kliniken mehr, als die Kassen zahlen

Die Kliniken sind ja deshalb überlastet, weil sie für Millionen ambulanter Patienten viel weniger Kassengeld bekommen, als sie ausgegeben haben. Die Versicherungen erklärten dazu bisher sinngemäß: Nach Hamsterbissen können Betroffene kurz in eine Praxis, das reicht meist. Also gibt es für einen solchen Fall oft nur pauschal 35 Euro. Läuft ein vom Hamster gebissener Junge aber samt Eltern und Geschwistern in eine Notaufnahme – und blockiert dort noch die Abläufe – bedeutet das: Die Klinik gibt mindestens 120 Euro aus, Schwestern, Wartesaal, Hightech müssen bezahlt werden.

Wäre da nicht Volkserziehung nötig – damit die Menschen sich bis zum Praxisbesuch gedulden? Mag sein. Nur würde diese Erziehung so lange dauern, dass die Rettungsstellen vorher kollabieren. Folglich bleibt nur, die Kliniken auch für Bagatellfälle ausreichend zu bezahlen – und ihre Abläufe mit dem Zusatzgeld zu optimieren. Ein erster Schritt ist die Weiterbildung zum Notfall- und Akutmediziner. Bekommen die Rettungsstellen aber mehr, werden die Krankenkassen den Praxen weniger Geld geben. Deutschlands größter Branche steht ein Verteilungskampf bevor – ihn gilt es auszufechten.

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