Krieg im Jemen : Das saudische Desaster

Vor einem Jahr hat die Golfmonarchie in den Jemen-Konflikt militärisch eingegriffen – ohne Erfolg. Nun soll es eine Waffenruhe und Friedensgespräche mit den Aufständischen geben.

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Land in Trümmern. Der Krieg hat Millionen Jemeniten obdachlos gemacht. Vor allem Saudi-Arabiens Luftschläge haben im Armenhaus der arabischen Welt verheerende Schäden angerichtet. Foto: Yahya Arhab/dpa
Land in Trümmern. Der Krieg hat Millionen Jemeniten obdachlos gemacht. Vor allem Saudi-Arabiens Luftschläge haben im Armenhaus der...Foto: Yahya Arhab/dpa

Der kommende Sonntag könnte für die Menschen im Jemen etwas ganz Besonderes werden. Denn wenn sich die Konfliktparteien an ihre Versprechen halten, tritt am 10. April ein Waffenstillstand in Kraft. Bisher sind zwar alle Versuche gescheitert, die Lage im Krisenland zu beruhigen. Doch es gibt vorsichtigen Optimismus, dass dieses Mal wirklich die Luftangriffe und Artilleriegefechte zumindest vorläufig eingestellt werden – um eine Grundlage für die ab dem 18. April in Kuwait geplanten Friedensgespräche zu schaffen. „Das ist wirklich unsere letzte Chance“, warnte vor Kurzem UN-Vermittler Ismail Ould Cheikh Ahmed. Anderenfalls könnte der verheerende Krieg zwischen der von Saudi-Arabien geführten Koalition und den Huthi-Rebellen zum Dauerzustand werden.

Die Zuversicht, dass sich womöglich endlich etwas zum Besseren wendet, hat mehrere Gründe. Zum einen setzen die Diplomaten auf den Syrien-Effekt. Selbst dort ist es gelungen, die verfeindeten Parteien an einen Tisch zu bringen und die Gewalt wenigstens zu verringern. In den vergangenen Tagen hat auch im Jemen die Heftigkeit der Gefechte etwas abgenommen. Zum anderen wächst sowohl bei den Aufständischen als auch in der saudischen Führung die Verhandlungsbereitschaft. Das gilt vor allem für das sunnitische Königshaus in Riad. Denn der Krieg – da sind sich die Beobachter weitgehend einig – ist für die Golfmonarchie ein militärisches Debakel und damit auch ein politisches Desaster. Ganz abgesehen davon, dass der Feldzug sehr viel Geld kostet. Angesichts des immer noch niedrigen Ölpreises sind die Kassen der Herrscher schon lange nicht mehr prall gefüllt.

Machtlose Regionalmacht

Seit einem Jahr fliegen Saudi-Arabien und seine Verbündeten zum Teil massive Angriffe auf Rebellenstellungen. Inzwischen setzt Riad auch Bodentruppen ein – zumeist Söldner aus dem Sudan, Senegal und Kolumbien. Dennoch lassen die Erfolge auf sich warten. Weder sind die Huthi besiegt, noch konnte der vertriebene Präsident Abed Rabbo Mansur Hadi in sein Amt zurückkehren. Vielmehr kontrollieren die schiitischen Aufständischen (wohl mit logistischer und finanzieller Unterstützung des Iran) nach wie vor große Teile des Landes.

Dabei hatte das saudische Königshaus vollmundig angekündigt, seine Truppen würden den Krieg innerhalb weniger Tage erfolgreich beenden. Schließlich ging es nicht allein darum, einem Präsidenten wieder zur Macht zu verhelfen. Sondern darum, dass der Jemen als Saudi-Arabiens „Hinterhof“ dauerhaft unter Riads Kontrolle bleibt. Doch davon kann keine Rede sein. Die Regionalmacht ist von ihren selbst gesteckten Zielen sehr weit entfernt. Stattdessen wird der Jemen Tag für Tag weiter ins Elend gebombt, fallen den Angriffen vor allem Zivilisten zum Opfer. Für die Zerstörung der Infrastruktur wird Riad ebenfalls verantwortlich gemacht. Ende März empörte sich der UN-Hochkommissar für Menschenrechte, Said Raad al Hussein: „Diese furchtbaren Vorfälle wiederholen sich in nicht akzeptabler Regelmäßigkeit.“

Rares Gut. Sauberes Trinkwasser ist im Jemen Mangelware. Foto: Khaled Abdullah/Reuters
Rares Gut. Sauberes Trinkwasser ist im Jemen Mangelware.Foto: Khaled Abdullah/Reuters

Die Folgen der Gewalt sind für die Bevölkerung katastrophal. Dem Krieg sind bisher schätzungsweise mehr als 6000 Menschen zum Opfer gefallen. Hilfsorganisationen sprechen von einer der größten humanitären Notlagen der Gegenwart. Laut Oxfam sind 2,4 Millionen Jemeniten auf der Flucht und mehr als 20 Millionen Einwohner dringend auf Unterstützung angewiesen. Vor allem Nahrung und Trinkwasser sind Mangelware. Die Zerstörung von Bauernhöfen und Märkten, eine weitgehende Abriegelung der Häfen und fehlender Treibstoff hätten dazu geführt, dass einem Viertel der Bevölkerung eine Hungersnot drohe, heißt es bei Oxfam. Die explodierenden Preise für Lebensmittel würden die Not zusätzlich verschärfen. Das bestätigt auch Matthias Leibbrand, Geschäftsführer der Hilfsorganisation Vision Hope International: „Die Situation im Jemen ähnelt mittlerweile jener in Syrien.“ Erst vor wenigen Tagen hat Vision Hope mit einem Zisternenprojekt begonnen, um mehrere tausend Menschen mit sauberem Wasser zu versorgen.

Besonders dramatisch sind die Folgen für Kinder. Nach Angaben des UN-Kinderhilfswerks Unicef sind 900 Mädchen und Jungen ums Leben gekommen. Etwa 320 000 Kinder seien akut von schwerer Mangelernährung bedroht. Allein im vergangenen Jahr starben demnach 10 000 Jugendliche an vermeidbaren Krankheiten – weil das Gesundheitssystem zusammengebrochen ist. Und noch etwas alarmiert Unicef: Immer häufiger werden offenbar Kinder als Kämpfer und Soldaten rekrutiert, um sie zum Beispiel als Wärter an Kontrollposten einzusetzen.

Al Qaida und IS nutzen das Machtvakuum

Doch der Krieg im Jemen kennt nicht nur Verlierer. Es gibt auch Profiteure: islamistische Extremisten. Das Chaos hat zum Beispiel „Al Qaida auf der Arabischen Halbinsel“ zu nutzen verstanden. Der wohl gefährlichste Ableger des sunnitischen Terrornetzwerkes ist zwar im Jemen schon lange aktiv, konnte aber seinen Machtbereich nochmals ausdehnen. Nicht zuletzt durch gezielte Angriffe auf regierungsnahe Einrichtungen und den bewaffneten Kampf gegen die Huthi. Auch die Dschihad-Konkurrenten vom „Islamischen Staat“ haben das Armenhaus der arabischen Welt längst für sich entdeckt. In den vergangenen Monaten gelang es der Terrormiliz, im Jemen Fuß zu fassen. Eine Folge: Die Zahl der Selbstmordanschläge vor allem auf schiitische Ziele steigt von Woche zu Woche.

Das wiederum wird der Iran als selbst ernannte Schutzmacht der Schiiten sicherlich nicht ohne Weiteres hinnehmen. Zumal Teheran aus dem bisherigen Kriegsverlauf politisches Kapital schlagen kann. Denn Saudi-Arabiens Debakel im Jemen ist für den Iran ein Prestige-Erfolg im Kampf der Erzrivalen um die Vormachtstellung in der Region. Und Teheran musste dafür nicht mal groß investieren. Die saudischen Herrscher haben sich mit dem überstürzten Eingreifen in den Konflikt offenkundig selbst geschadet. Und dem geschundenen Jemen.

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