Krieg in Syriein : "Der IS profitiert von Russlands Angriffen"

Experte Guido Steinberg über Moskaus Luftschläge in Syrien, Effektivität im Kampf gegen die Dschihadisten-Miliz und die Notwendigkeit von Bodentruppen.

von
In Assads Sinne: Russische Kampfjets bombardieren bislang vor allem Stellungen der Aufständischen, selten dagegen den IS.
In Assads Sinne: Russische Kampfjets bombardieren bislang vor allem Stellungen der Aufständischen, selten dagegen den IS.Foto: dpa

Herr Steinberg, Russland greift massiv in den syrischen Bürgerkrieg ein. Welche Folgen hat das für den "Islamischen Staat" (IS)?
Die Luftangriffe gelten in erster Linie Aufständischen im Zentrum und Nordwesten des Landes. Der IS ist dort nicht präsent. Russland setzt damit die Vorgehensweise des Assad-Regimes fort, das in erster Linie gegen andere Rebellen vorgeht und den IS meist ignoriert. Assad und Putin versuchen eine Situation herzustellen, in der sich nur noch das Regime und die IS-Terroristen gegenüberstehen und es lediglich die Wahl zwischen diesen beiden Übeln gibt – wohl wissend, dass sich der Westen in einem solchen Fall nicht für IS entscheiden kann.

Wenn Moskau in erster Linie Stellungen moderater Rebellen bombardiert, kommt das der Terrormiliz zugute?
Von moderaten Rebellen kann kaum die Rede sein, die Angriffe treffen auch die dschihadistische Nusra-Front und die salafistischen Ahrar ash-Sham, also die syrischen Entsprechungen von Al Qaida und den Taliban. Diese und die Freie Syrische Armee sind aber entschiedene Gegner des IS, sodass dieser von den russischen Attacken zunächst profitiert.

Wird der IS seine Macht in Syrien sogar noch ausbauen können?
Die Luftangriffe der USA und ihrer Verbündeten setzen dem IS schon jetzt stark zu, ohne ihn aber entscheidend zu schwächen. Sollte er weiter Richtung Zentrum des Landes vorrücken, würde er auch auf verstärkte Gegenwehr des Regimes und der russischen Luftwaffe treffen. Ich gehe eher davon aus, dass die gegenwärtige Pattsituation Bestand hat – ohne dass kleinere Erfolge für den IS ausgeschlossen sind.

Scheut Präsident Wladimir Putin die Auseinandersetzung mit den Dschihadisten womöglich, weil er Anschläge im eigenen Land fürchtet?
Der russische Staatschef hat wiederholt klar gemacht, dass er alle Rebellen für Terroristen hält. Und ich habe nicht den Eindruck, dass er den IS noch verschont, weil er ihn nicht provozieren will. Der Grund für die Ausrichtung der Luftangriffe ist militärischer Natur und vollkommen nachvollziehbar. Das russische Militär bekämpft zurzeit in erster Linie diejenigen Aufständischen, die im Frühjahr große Teile der Provinz Idlib eingenommen und nicht nur Aleppo, sondern auch die Küstenprovinz Latakia bedroht haben. Diese Gefahr will Russland bannen. Wenn der IS zu einer größeren Gefahr für Assad werden sollte, werden die Russen auch häufiger gegen diese Organisation vorgehen.

Guido Steinberg ist Islamwissenschaftler und Terrorismusexperte. Er arbeitet für die Stiftung Wissenschaft und Politik. Vor Kurzem erschien sein Buch „Kalifat des Schreckens“.
Guido Steinberg ist Islamwissenschaftler und Terrorismusexperte. Er arbeitet für die Stiftung Wissenschaft und Politik. Vor Kurzem...Foto: Promo

Bislang versuchen sowohl die westliche Allianz als auch Russland die selbsternannten "Gotteskrieger" allein mit Luftschlägen zu stoppen. Ist das Erfolg versprechend?
Die Luftangriffe haben den Vormarsch des IS im Spätsommer und Herbst 2014 gestoppt. Vor allem im nordsyrischen Kobane konnten wir die Wirkung gut beobachten. Mittlerweile hat sich der „Islamische Staat“ einigermaßen auf sie eingestellt und so Palmyra in Syrien und Ramadi im Irak einnehmen können. Luftangriffe werden bestenfalls erreichen, dass die Terrormiliz nicht mehr expandieren kann. Das wäre zwar ein Erfolg, genügt aber nicht.

Inwiefern?
Terrororganisationen, die über längere Zeit ein Territorium kontrollieren, greifen irgendwann ihre Nachbarn oder auch Europa an. Deshalb muss der IS zerschlagen werden.

Aber wie kann der "Islamische Staat" überhaupt zurückgedrängt oder sogar besiegt werden?
Nur mit Bodentruppen. Hierfür eignen sich besonders einheimische Verbündete, die das Terrain kennen und das Vertrauen der Bevölkerung genießen. Leider sind die einzigen Verbündeten der USA in Syrien die Kurden der Partei der Demokratischen Union (PYD). Die ist eine Unterorganisation der türkischen PKK und damit ein problematischer Partner.

Das bedeutet?
Wer die von Arabern besiedelten Gebiete des IS einnehmen will, benötigt arabische Sunniten als Verbündete. Die Reste derjenigen Gruppen aus der Freien Syrischen Armee aber, mit denen die USA tatsächlich halbwegs guten Gewissens zusammenarbeiten könnten, werden gerade von den Russen bombardiert und verlieren an Boden. Der IS wird uns also noch lange erhalten bleiben.

Das Interview führte Christian Böhme.

18 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben