Krieg in Syrien : "Das Völkerrecht wird missachtet - von allen"

Christof Johnen (50) ist beim Roten Kreuz zuständig für die internationale Zusammenarbeit. Ein Gespräch über Angriffe auf Helfer, die Lage in Aleppo und die vielen vergessenen Orte des Krieges.

von und Benjamin Moscovici
Helfer vom Syrischen Roten Halbmond suchen in dem von Rebellen kontrollierten Ort Douma nach Opfern eines Luftangriffs.
Helfer vom Syrischen Roten Halbmond suchen in dem von Rebellen kontrollierten Ort Douma nach Opfern eines Luftangriffs.Foto: Doumany/AFP

Herr Johnen, in Syrien herrscht nun schon mehr als fünf Jahren Krieg. Was hat sich für die Hilfsorganisationen verändert?

Wir erleben eine Leugnung aller Regeln. Vor allem das humanitäre Völkerrecht wird missachtet – von allen Konfliktparteien. Das ist für Organisationen wie das Rote Kreuz extrem beunruhigend, weil sie immer häufiger zwischen die Fronten geraten. In Syrien gibt es inzwischen eine erschreckende Logik: Wenn du meinem Feind hilfst, dann bist du mein Feind.

Welche konkreten Folgen hat diese Missachtung des Völkerrechts?

Die Versorgung der Menschen ist oft lebensgefährlich. Beim Syrischen Roten Halbmond, unserem Partner vor Ort, sind seit Ausbruch des Konflikts mehr als 50 Freiwillige und Mitarbeiter getötet worden. Offenbar gehen die Kriegsparteien mit einer perfiden Logik vor. Man verbreitet mit einem Angriff auf einen Hilfskonvoi so viel Angst und Schrecken, dass sich die Helfer nicht mehr in die betreffende Region trauen. Das bedeutet: Ausgerechnet jene Menschen erhalten immer seltener Unterstützung, die sie am dringendsten benötigen.

Wie kann überhaupt mitten im Krieg geholfen werden?

Das größte Problem ist, dass es immer schwieriger wird, Sicherheitsgarantien zu bekommen. Das betrifft zum Beispiel Aleppo. Früher konnte der Syrische Rote Halbmond wenigstens in die Stadt hinein. Wenn auch auf kuriosen Wegen.

Inwiefern?

Die Hilfsgüter durften nicht mit Lastwagen nach Aleppo gebracht werden. Das Argument lautete, die gegnerische Seite könnte womöglich die Fahrzeuge in ihre Gewalt bringen. Deshalb haben wir alles auf Handkarren verladen und so die Menschen im Ostteil der Stadt lange Zeit unterstützt. Das war zwar mühsam, aber funktionierte. Seit Mitte des Jahres geht selbst das nicht mehr. Es gibt überhaupt keine Schutzgarantien. Es sagt zwar niemand, wir werden auf euch schießen. Aber es gibt eben auch keine Zusage, dass dies nicht passieren könnte. Das macht Hilfe praktisch unmöglich.

Christof Johnen (50) koordiniert fürs Rote Kreuz unter anderem die Zusammenarbeit mit dem Syrischen Roten Halbmond.
Christof Johnen (50) koordiniert fürs Rote Kreuz unter anderem die Zusammenarbeit mit dem Syrischen Roten Halbmond.Foto: Bilan/DRK

Unser Bild vom Krieg in Syrien ist derzeit sehr von Aleppo geprägt. Spiegelt das die Lage im ganzen Land wider?

Man muss tatsächlich aufpassen, dass man den Konflikt nicht auf Aleppo reduziert. Außerhalb der Stadt gibt es noch Millionen Menschen, die alles verloren haben und dringend versorgt werden müssen. Das gilt vor allem für die vielen Frauen, Kinder und Männer, die in abgeriegelten oder schwer zugänglichen Regionen leben. Es gibt in Syrien sehr viele Orte, die das Schicksal Aleppos teilen.

Dennoch, die Lage in Aleppo scheint zu eskalieren. Welches sind die drängendsten Probleme?

Der Mangel an Trinkwasser. Daneben fehlt es vor allem auch an Gesundheitsversorgung, Lebensmitteln sowie insbesondere Schutz und Sicherheit für die Menschen. Was wir in Aleppo sehen, sind die Besonderheiten eines Konfliktes, der sich in urbanen Räumen abspielt.

Was meinen Sie damit?

Dieser Krieg findet vor allem in städtischen Räumen statt. Da spielt die Infrastruktur eine zentrale Rolle. Wenn zum Beispiel das Stromnetz zusammenbricht, dann ist auch die Wasserversorgung betroffen. Wenn die nicht mehr funktioniert, versagt das Abwassersystem. Das kann der Auftakt zu fatalen Abwärtsspiralen sein, die das gesamte Versorgungssystem einer Großstadt wie Aleppo gefährden. Vor einem solchen Szenario warnen die Helfer immer wieder.

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