Politik : Krieg um Wasser und Land

In Kirgistan droht ein neuer Konflikt zu eskalieren - diesmal mit Tadschikistan

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Mehr als 2000 Tote, eine halbe Million Menschen auf der Flucht, brennende Städte. Mehrere Wochen hielten die Unruhen im Süden der zentralasiatischen Ex-Sowjetrepublik Kirgistan die Welt im Juni 2010 in Atem. Damals lieferten sich das Staatsvolk der Kirgisen und die Minderheit der Usbeken, die im Süden Kirgistans die Mehrheit der Bevölkerung stellt, blutige Schlachten. Es ging um Einfluss in Politik und Wirtschaft, Autonomierechte, aber auch um Wasser. Denn Zentralasien besteht zu 90 Prozent aus Wüsten und Halbwüsten. Ein Fünftel der Bevölkerung siedelt daher im Fergana-Tal: einer 300 Kilometer langen und maximal 110 Kilometer breiten fruchtbaren Senke, die teils zu Kirgistan, teils zu Usbekistan und Tadschikistan gehört. Stalins willkürliche Grenzziehung in der Region sorgte dafür, dass die Volksgruppen hier heute auf mehrere Staaten verteilt leben.

Auch im Fergana-Tal gab es 2010 Spannungen zwischen Usbeken und Kirgisen. Jetzt braut sich ein Konflikt zwischen Kirgisen und Tadschiken zusammen, der ähnlich blutig ausgetragen werden könnte wie der Bürgerkrieg des vergangenen Jahres. Es geht erneut um Wasser und Land. Vor allem in den Gebieten an der Grenze, über deren Verlauf sich die drei Nachfolgestaaten der Sowjetunion bis heute nicht einigen konnten. 130 Abschnitte an ihrer 1300 Kilometer langen Grenze beanspruchen Kirgistan wie Usbekistan gleichermaßen, an der 971 Kilometer langen Grenze Kirgistans mit Tadschikistan sind über 70 Abschnitte umstritten. Hinzu kommt, dass auf kirgisischem Gebiet mehrere tadschikische und usbekische Enklaven liegen und im Gebirge über 30 Dörfer nur vom jeweiligen Nachbarstaat aus erreichbar sind.

Besonders explosiv ist die Situation im äußersten Südwesten Kirgistans: im Gebiet Batken, einer Landzunge, wo Dörfer in Teilen zu Usbekistan und Tadschikistan gehören. Die Grenze verläuft hier nicht selten durch die in der Ortsmitte gelegenen Bewässerungskanäle und hüben wie drüben beschuldigt man den jeweils anderen, zu viel Wasser auf die eigenen Felder zu leiten. Noch prekärer ist die Lage in den rein kirgisischen Dörfern. Dort kommt oft überhaupt kein Wasser mehr an, weil die Kanäle seit Ende der Sowjetunion 1991 nicht mehr gewartet und inzwischen versandet sind.

Frustriert versuchen ganze Familien, sich in Russland als Wanderarbeiter durchzuschlagen. Haus und Land verkaufen sie an Bürger der Republik Tadschikistan – wegen des Überangebots weit unter Marktwert. Da die Flüsse, die die Bewässerungskanäle im kirgisischen Fergana-Tal speisen, in Tadschikistan entspringen, werfen viele Kirgisen den Tadschiken vor, die Wasserzufuhr absichtlich zu drosseln und mit der schleichenden Invasion die umstrittenen Grenzen zu ihren Gunsten zu korrigieren.

Im schlimmsten Fall droht daher nicht nur ein Konflikt der Kirgisen mit der tadschikischen Volksgruppe im Fergana-Tal, sondern ein Krieg mit der Republik Tadschikistan. Der wiederum könnte schnell zu einem regionalen Flächenbrand eskalieren, denn die Verteilungskämpfe um Wasser sind nur die Spitze des Eisbergs. Für Europa bedeutet dies: Möglicherweise muss schon bald ein neuer Krisenherd befriedet werden, viele Energie-Projekte in der öl- und gasreichen Region könnten gefährdet sein.

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