Kriminalstatistik 2013 : Kriminologe: "Nur eine virtuelle Strichliste"

Innenminister Hans-Peter Friedrich hat die polizeiliche Kriminalstatistik 2013 vorgestellt. Die muss man aber richtig lesen, sagt der Kriminologe Frank Neubacher.

von
Frank Neubacher
Frank NeubacherFoto: dpa

Ist eine Kriminalstatistik sinnvoll?

Nur, wenn man sie lesen kann. Man muss sich im Klaren darüber sein, dass die Statistik eine Art virtueller Strichliste der Polizei ist, eine Abbildung der Registrierungstätigkeit der Polizei. Sie ist damit, wie es die Polizei in ihrer PKS selbst sagt, „kein Spiegelbild der Kriminalitätswirklichkeit“. Sie zeigt nur das Hellfeld der amtlich bekannt gewordenen Kriminalität, davon basieren rund 90 Prozent aber auf Anzeigen von Privatpersonen. Außerdem gibt es das Dunkelfeld, das deutlich größer sein kann. Letztlich muss man auch aufpassen, dass nicht Birnen mit Äpfeln verglichen werden. Ein Handtaschenraub ist etwas anderes als ein Mord oder ein Ladendiebstahl.

Welche Faktoren entscheiden darüber, ob eine Stadt als sicher oder unsicher gilt?

Es gibt grob vier verschiedene Bereiche. Erstens die sozio-demografischen Faktoren. Junge Männer begehen statistisch die meisten Delikte. Städte mit einer älteren Bevölkerung oder vielen Frauen fallen demnach in der Statistik weniger auf. Auch sozio-ökonomische Aspekte können wichtig sein. Wie ist die Bevölkerung zusammengesetzt, gibt es spezifische Problemmilieus oder wohnen die Problemfälle möglicherweise überwiegend außerhalb der Stadtgrenzen? Auch Tatgelegenheiten sind entscheidend. Manche Städte ziehen in besonderem Maße Touristen an, deren Taten für die Stadt zu Buche schlagen. Täter können auch gezielt in Städte gehen, weil sie sich dort lohnende Beute versprechen. Und schließlich die Polizeistrategie. Eine hohe Anzahl an registrierten Taten kann eben auch bedeuten, dass die Polizei stark kontrolliert, ist also nicht zwangsläufig nur negativ.

Also wäre es falsch, das Fahrrad in Berlin und Frankfurt anzuketten, aber es in München nicht mehr anzuschließen?

Absolut falsch. Hier gilt tatsächlich: Gelegenheit macht Diebe.

Welche Entwicklungen sehen Sie in der Kriminalität?

Insgesamt muss man sagen, dass die Kriminalität seit Jahren zurückgeht. Das ist erfreulich und kommt oft zu kurz. Teilweise liegt das am demografischen Wandel, es gibt schlicht weniger junge Leute, aber das ist es nicht alleine. Wissenschaftliche Studien zur Jugendkriminalität zeigen auch für das Dunkelfeld positive Entwicklungen. Möglicherweise hat sich ein Teil der Kriminalität ins Internet verlagert. Vielleicht zeigen die Menschen Vorfälle dort weniger schnell an. In anderen europäischen Ländern hat man schon Vermutungen darüber angestellt, ob die Rezession dazu führt, dass die Leute nicht mehr so viel Geld für Alkohol haben. Alkohol spielt bei Gewaltdelikten eine sehr große Rolle. Es gibt da die verschiedensten Mutmaßungen. Aber der Befund an sich sollte in den Medien stärker herausgestellt werden: die Kriminalität geht zurück.

Hat man als Kriminologe mehr oder weniger Angst als andere Menschen?

Ich glaube, ich habe eine deutlich geringere Kriminalitätsangst. Ich lese Statistiken anders und lasse mich nicht so stark von der Medienberichterstattung beeindrucken. elsi

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben